Experte zu Nord-Stream-Lecks

«Der Sprengstoff wurde beim Bau der Pipeline angebracht»

tafi

4.10.2022

Nach Beschädigungen der Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee suchen Behörden in Deutschland und Dänemark weiter nach der Ursache.
Nach Beschädigungen der Nord-Stream-Pipelines in der Ostsee suchen Behörden in Deutschland und Dänemark weiter nach der Ursache.
Danish Defence Command/dpa

Die Explosionen bei Nord Stream 1 und 2 deuten auf alte sowjetische Taktiken hin, sagt der ehemalige Chef des staatlichen Gaskonzerns der Ukraine. Die Pipelines liessen sich allerdings leicht reparieren.

tafi

4.10.2022

Den einstigen Chefmanager des ukrainischen Energieversorgers Naftogaz erinnern die Vorgänge an Methoden aus der Sowjetzeit: Andrij Koboljew ist sich sicher, dass Russland hinter den Explosionen an den Gasleitungen steckt, wie er in einem Interview mit der «Süddeutschen Zeitung» sagt, das auch vom «Tages-Anzeiger» publiziert wurde. Grund sei, dass Kreml-Chef Wladimir Putin «Handelsgeschäfte als geopolitischen Hebel nutzen, oder, wie man heutzutage sagt – diese «zu Hybridwaffen machen» wolle.

Dass ein anderer Staat als Russland Sprengstoff an der Pipeline anbringen konnte, ohne dass die Russen es merken, ist für den Gasmarkt-Experten unvorstellbar. Die Pipelines, erklärt Koboljew im Interview, seien mit unzähligen Sensoren ausgerüstet, die es Russland erlauben, nicht nur den Gasfluss zu überwachen, sondern auch die Umgebung der Pipeline im Wasser genau zu beobachten: «Wenn die Pipeline von den Russen gut bewacht wird und die Ostsee die Heimat der russischen Marine ist – wie hätte sich jemand anderer unbemerkt der Pipeline nähern können?»

Sprengfallen wohl schon beim Bau angebracht

Vielmehr sei davon auszugehen, dass Russland den Sprengstoff bereits beim Bau der Pipeline angebracht habe. Diese Methode sei seit Sowjetzeiten bekannt: «Damals war es üblich, an jeder neu errichteten kritischen Infrastruktur Sprengstoff anzubringen. Weil sie im Kriegsfall schnell zerstört werden musste», erklärt Koboljew.

Unbemerkt Sprengsätze an der Pipeline anzubringen, sei für Russland nicht besonders schwer gewesen: Weil während der letzten Bauphase von Nord Stream 2 ausländische Firmen bereits sanktioniert gewesen seien, wurde die Pipeline «alleine von russischen Schiffen fertiggestellt. Diese Produktionsschiffe wurden von russischen Kriegsschiffen eskortiert. Und fertiggestellt wurde die Pipeline genau an jener Stelle, an der sich jetzt die Explosion ereignete.»

Pipelines, die nicht von Russen gebaut wurden, drohe hingegen keine Gefahr, glaubt Koboljew. Es wäre «zu riskant und zu kompliziert», etwa die norwegische Pipeline zu zerstören.

Schweden sperrt Seegebiet für Untersuchungen

Derweil tritt aus einem der vier Lecks wieder verstärkt Gas aus. Wie die schwedische Küstenwache mitteilt, sogar mehr als zuvor: An der kleineren der beiden Austrittsstellen in der Wirtschaftszone des Landes habe sich die Fläche, auf der das beobachtet werden könne, deutlich vergrössert. Der Durchmesser habe sich gegenüber dem Wochenende auf 30 Meter verdoppelt. Die Gründe dafür sind bislang unklar.

Erst am Wochenende hatten dänische und schwedische Behörden mitgeteilt, dass aus den Lecks kaum noch Gas austrete. Man sei vom Betreiber, der Nord Stream AG, informiert worden, dass sich der Druck in den Pipelines stabilisiert habe. Die schwedische Staatsanwaltschaft hat in der Zwischenzeit ein fünf Seemeilen (knapp neun Kilometer) breites Gebiet absperren lassen, um Untersuchungen in dem mutmasslichen Sabotage-Fall durchzuführen.

Ein schwedisches U-Boot-Rettungsschiff und Schiffe der schwedischen Küstenwache wurden laut Angaben der Staatsanwaltschaft zu den beiden Lecks vor der schwedischen Küste geschickt. Unklar blieb, ob Taucher oder U-Boote in der Lage sind, die Pipelines zu erreichen.

Reparatur wäre recht schnell möglich

Dass die Pipelines nach den Explosionen irreparabel beschädigt seien, wie von einigen Expert*innen befürchtet, glaubt Andrij Koboljew nicht. Im Gegenteil: Die Rohre seien leicht zu reparieren, die Arbeiten würden nicht länger als einen Monat dauern.

«Dieses ganze Gerede, dass die Pipeline durch Korrosion vollständig zerstört werde, ist Unsinn. Diese Pipelines wurden so gebaut, dass sie Wasser standhalten.» Man müsse zwar mit einer verkürzten Gesamtlebenszeit rechnen, aber man könnte die Pipelines wieder in Betrieb nehmen.

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