«Intensivmedizin ist schrecklich – nicht alle können überleben»

AP

18.11.2020 - 10:31

Nurses clean and adjust an endotracheal tube providing respiratory assistance to a 61-year-old COVID-19 patient at the ICU in the La Timone hospital in Marseille, southern France, Thursday, Nov. 12, 2020. In Marseille the second wave of the coronavirus is bringing even more people to the ICU than the first one in the spring, many in more severe condition. (AP Photo/Daniel Cole)
In Marseille gibt es besonders viele Corona-Fälle. Viele Fälle müssen im Spital behandelt werden. 
Bild: AP Photo/Daniel Cole

Die zweite Corona-Welle trifft Marseille härter als andere Gegenden Frankreichs. Im Krankenhaus La Timone sind alle Intensivbetten belegt. Ärzte und Pfleger jonglieren mit Leben und Tod. 

Noch vier Anrufe, noch vier Mal die Worte abwägen, noch vier Mal die schmerzerfüllte Stille am anderen Ende der Leitung ertragen. Es ist 14 Uhr auf der Intensivstation von La Timone in Marseille, dem grössten Krankenhaus Südfrankreichs, und der Arzt Julien Carvelli telefoniert mit den Angehörigen der Corona-Patienten. Seit zehn Tagen sind mehr als 95 Prozent der Intensivbetten in Frankreich belegt.

Die zweite Corona-Welle spült mehr Menschen in die Intensivstationen als noch im Frühjahr. Viele von ihnen sind in schlechterem Zustand. Seit zwei Wochen befindet sich das Land wieder im Lockdown, auch bekannt als «le confinement».

«Noch hält er durch», sagt Carvelli am Telefon einem Mann, dessen Sohn möglicherweise in ein künstliches Koma versetzt werden muss. «Aber es ist auch so – ich weiss nicht, was man Ihnen schon gesagt hat – dass der Zustand seiner Atmung besorgniserregend ist.» Es bleibt still in der Leitung. Schliesslich die hörbar angespannte Stimme des Vaters: «Geben Sie Ihr Bestes, ja?»

Frankreich hat nur noch halb so viele Intensivbetten

Ärzte wie Pfleger sagen sich selbst und einander jeden Tag, dass sie nur noch ein klein wenig länger durchhalten müssen. Aktuelle Zahlen der Regierung zeigen, dass die Infektionen der zweiten Welle möglicherweise ihren Höhepunkt erreicht haben. Vergangenes Wochenende sank die Zahl der Corona-Patienten in französischen Krankenhäusern erstmals wieder seit September.

Marseille war im Frühjahr noch glimpflich davon gekommen, doch als die Sommerferien zu Ende gingen, kam die Rechnung. Am 27. September schlossen die Bars und Restaurants der Stadt, mehr als einen Monat eher als im Rest Frankreichs. Doch das reichte nicht. Nach einem Jahrzehnt der Einsparungen gibt es in Frankreich nur noch halb so viele Intensivbetten. Die erste Corona-Welle kostete mehr als 26'000 Menschen das Leben. Die Regierung versprach, den Sommer zu nutzen, um zusätzliche Betten zu schaffen und das Pflegepersonal zu verstärken.

Doch in La Timone wurde es Herbst, bis die Sanierungsarbeiten an einem Akutpflege-Flügel überhaupt begannen, und Verstärkungspflegerinnen wie Pauline Reynier lernen erst während der Arbeit, was zu tun ist. Als ihre Zwölf-Stunden-Schicht um 7 Uhr morgens beginnt, sind alle 16 Betten auf der Intensivstation mit Covid-19-Patienten belegt, von denen fünf bei Bewusstsein sind. Um die Koma-Patienten zu waschen und mit all den Kabeln und Schläuchen zu wenden, braucht es etwa eine Stunde und zwei Pfleger. Das ist Reyniers erste Aufgabe.

Monatelanges Training, jahrelange Erfahrung

Die 26-Jährige arbeitete während der ersten Welle auf einer regulären Corona-Station und bot an, sich im Sommer für die Intensivpflege weiterzubilden. Stattdessen wurde sie zurück auf die Kardiologie geschickt, die sich mit Patienten füllte, deren Operationen verschoben worden waren. Am 11. November dann kam der Aufruf, sie möge sich doch auf der Intensivstation melden. Jetzt hat sie dort ihre zweite Schicht. Ihre neuen Kollegen kennen kaum ihren Namen und haben wenig Zeit, sich mit ihr zu unterhalten.

Normalerweise dauert das Training für die Intensivstation mehrere Monate, Jahre braucht es dagegen, die Erfahrung in der zermürbenden Aufgabe zu sammeln, den Tod in Schach zu halten.

In der Pandemie riskieren die Pflegerinnen und Pfleger fast ebenso viel wie der Patient. Sie betreten deshalb kein Krankenzimmer ohne volle Schutzausrüstung. Für jeden Pfleger am Bett steht jemand draussen, um benötigte Dinge hineinzureichen und den Kollegen am Ende zu helfen, die Schutzanzüge wieder auszuziehen.

Am Vormittag geht es dem Patienten in Zimmer 6 gut genug, dass er in die Akutpflege wechseln kann. Gleichzeitig benötigt ein bewusstloser Patient auf der Corona-Behelfsstation dringend eine Dialysemaschine und muss auf die normale Intensivstation gebracht werden. Für die 25 Meter braucht es 14 Ärzte und Pfleger und 45 Minuten Vorbereitung. Gegen Mittag liegt er in Zimmer 6. Reyniers blassblauer Kittel ist dunkel von Schweiss. Immerhin: Ein Bett ist nun frei.

«Intensivmedizin ist schrecklich»

Um 13.30 Uhr sind viele der Pfleger im fensterlosen Pausenraum, während sich die Ärzte in Zimmer 9 versammelt haben. Der 54 Jahre alte Patient dort war morgens noch bei Bewusstsein, doch nun sinken die Sauerstoffwerte. Auch er wird ins künstliche Koma versetzt. Jetzt sind nur noch 4 der 16 Patienten bei Bewusstsein.

«Wir müssen ihnen dabei helfen durchzuhalten, bis ihre Körper geheilt sind», sagt Arzt Carvelli zwischen zwei Patientenanrufen. «Intensivmedizin ist schrecklich. Nicht alle können überleben.» Gegen halb fünf am Nachmittag kommen zwei Vertreter der Krankenhausleitung herunter, auch um zu sehen, wie die Stimmung ist.

Eine der erfahreneren Krankenschwestern, Marie-Laure Satta, stellt sie gereizt zur Rede. Die Verstärkungen bräuchten Checklisten und Anleitungen, mit denen sie arbeiten könnten, damit sie den regulären Pflegerinnen überhaupt eine Hilfe seien: «Wir brauchen auch mal eine Pause», sagt die 37-Jährige.

Die Krankenhaus-Manager haben Verständnis, aber es bleibt unklar, wie viel sie ausrichten können. Dennoch endet das Gespräch herzlich. «Ihnen auch viel Glück», ruft Satta ihnen hinterher, «Sie sind ja auch in keiner besseren Lage als wir.»

Patienten müssen kräftig und gesund sein, um es zu schaffen

Als die Nachtschicht beginnt, ist noch immer ein Bett frei. Der diensthabende Arzt hofft, dass dies so bleibt: «Ich will wenigstens eins in der Hinterhand haben», sagt Fouad Bouzana. Da ruft die Notaufnahme an, ein positiv auf das Coronavirus getesteter Mann sei eingeliefert worden. Bouzana bittet um weitere Tests. Die Intensivstation nimmt nicht jeden Corona-Patienten auf. Die Erfahrung der ersten Welle zeigt, dass Covid-19-Patienten kräftig und gesund genug sein müssen, um es schaffen zu können.

In dieser Nacht weist Bouzana zwei Corona-Infizierte ab, weil sie zu alt und schwach für die Intensivstation sind. Sie bleiben nebenan in der Akutpflege. Bouzana wird sich später mit den Ärzten der Tagschicht beraten: «Wenn nur einer von uns einen Patienten aufnehmen will und die anderen aber nicht, dann nehmen wir ihn auf», sagt er. «Normalerweise sind wir uns einig.» Um zwei Uhr morgens wird der Mann aus der Notaufnahme in das letzte freie Intensivbett verlegt. – La Timone ist wieder voll.

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