Chefwechsel in turbulenten Zeiten: So steht es um die Swiss

Julia Käser

29.9.2020 - 18:05

Swiss-CEO Thomas Klühr tritt Ende Jahr ab – aus persönlichen Gründen, wie die Swiss verlauten lässt. 
Bild: Keystone

Swiss-CEO Thomas Klühr tritt ab. Wer den Chefposten ab 2021 besetzt, ist noch nicht geregelt. Fest steht: Es wird eine riesige Herausforderung – denn die Krise trifft die Swiss noch härter als bisher angenommen. 

Rund fünf Jahre war er bei der Swiss, über 30 Jahre in der Lufthansa Group: Swiss-CEO Thomas Klühr. Sein Rücktritt auf Ende Jahr erfolgt aus privaten Gründen. Eigentlich hatte Klühr die Swiss schon früher verlassen wollen, aufgrund der Coronakrise entschied er sich jedoch dazu, noch eine Weile auf dem Chefposten zu bleiben. 

Nun tritt er ab – die Krise aber hält an, die Zahlen der Fluggesellschaft sind nach wie vor tiefrot. Der Nachfolger oder die Nachfolgerin von Klühr nimmt sich mit der Übernahme einer schweren Aufgabe an.

Der richtige Zeitpunkt für einen Chefwechsel? Bei der Swiss erklärt man, dass es jetzt darum gehe, die Strategie der nächsten Jahre festzulegen. «Für diese Neuausrichtung wollte Thomas Klühr nun den Platz für eine noch zu bezeichnende Nachfolge frei machen, die die Swiss längerfristig begleiten kann», sagt Mediensprecher Marco Lipp auf Anfrage.

Aviatik-Expertin Laura Frommberg sagt, dass der Zeitpunkt für eine Übernahme denkbar schlecht sei – aber: «In so einer Situation erhält man auch die Chance, sich zu beweisen.»

Rückerstattungen im Wert von über 400 Millionen getätigt

Immerhin sei die Swiss die Vorzeigetochter im Lufthansa-Konzern und habe in der Vergangenheit die besten Gewinne eingeflogen. «Momentan haben alle Airlines Geldprobleme, über 20 sind schon pleite gegangen», so Frommberg. In der Branche gehe es ums Überleben. 

Auch die Swiss verliert aktuell rund eine Million Franken pro Tag. Laut Frommberg ist die Rechnung ganz einfach: «Wer nicht fliegt, verdient kein Geld.» Heisst: Die Kosten – etwa Flughafengebühren oder Parkplatzmieten – bleiben gleich, doch die Einnahmen sind eingebrochen. 

Hinzu kommen die noch ausstehenden Rückerstattungen, die für ausgefallene Flüge getätigt werden müssen. Ende September seien alle Anträge abgearbeitet, die bis Ende Juli eingegangen seien, sagt Swiss-Sprecher Lipp. «2020 konnten weltweit bereits über 700’000 Anträge abgearbeitet und Rückerstattungen im Betrag von weit über 400 Millionen Schweizer Franken vorgenommen werden.»

«Branche wurde um bis zu 20 Jahre zurückgeworfen»

Bis sich die weltweite Nachfrage nach Flugreisen erholt, wird es länger dauern, als man bei der Swiss bisher geplant hat. Frommberg spricht von einem Flickenteppich aus Quarantäneregelungen und Reisebeschränkungen, die sich fast täglich änderten und die Airlines vor grosse Herausforderungen stellten. «Was das Flugniveau betrifft, wurde die Branche um zehn bis 20 Jahre zurückgeworfen.» 

Die Swiss fliegt aktuell ungefähr 30 Prozent des ursprünglichen veröffentlichten Flugprogramms. Am Dienstag wurde der Winterflugplan vorgestellt – auch dieser wird bei lediglich 30 bis maximal 40 Prozent des Vorjahresniveaus liegen. 

«So wie vor der Krise dürfte es frühestens in vier, fünf Jahren wieder aussehen», sagt Frommberg. Auch bei der Swiss rechnet man damit, dass sich das Flugniveau frühestens 2024 wieder einpendeln wird. In der Zwischenzeit ist man strengen Sparmassnahmen unterworfen – auch, um die strikten Vorgaben zu erfüllen, die der Bundesrat der Lufthansa-Tochter in Verbindung mit dem 1,5-Milliarden-Hilfspaket auferlegt hat.

Swiss will Entlassungen nach wie vor verhindern 

Die Kosten der Swiss sollen um bis zu 25 Prozent gesenkt werden – trotzdem verfolgt die Airline nach wie vor das Ziel, mit möglichst allen Mitarbeitenden an Bord durch die Krise zu kommen, wie Lipp beteuert. Inwiefern dies erreicht werden könne, hänge auch von der weiteren Entwicklung der Coronapandemie ab. 

Laut Lipp muss in allen Unternehmensbereichen eine «substanzielle Personalkostenreduktion» erreicht werden. «Daher laufen derzeit auch die Gespräche mit unseren Sozialpartnern an, in welchen unter anderem über erweiterte Teilzeitmodelle und flexible Frühpensionierungs-Möglichkeiten gesprochen wird.» 

Bei den Sozialpartnern gibt man sich weniger optimistisch. Der Schweizerische Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) sieht aufgrund der geplanten Kosteneinsparung 1'425 der 9'500 Schweizer Stellen in Gefahr. Das entspricht Stellenkürzungen von bis zu 15 Prozent.

Trotz Hinweise auf Abgang: Noch keine Nachfolge bestimmt

Klar ist: Auf die Nachfolge von CEO Klühr kommt operativ eine riesige Herausforderung zu. Wer sich dieser stellen muss, ist noch unklar –, obwohl sich der Abgang von Klühr den Angaben nach schon Anfang Jahr abgezeichnet hatte.

Die Swiss will den oder die Nachfolgerin im vierten Jahresquartal bestimmen. Aviatik-Expertin Frommberg geht davon aus, dass man sich hinter den Kulissen zumindest schon Gedanken über die Nachfolge gemacht hat. 

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