Ansteckungsort unbekannt – wo Contact Tracing an seine Grenzen stösst

Julia Käser

3.8.2020 - 18:16

Wie gut funktioniert das Contact Tracing in der Schweiz wirklich?
Bild: Keystone

Um eine zweite Welle zu verhindern, braucht es genauere Daten zu den Ansteckungsorten. Ein lückenloses Contact Tracing ist laut dem obersten Kantonsarzt jedoch ein Idealfall – man müsse auch anderswo ansetzen. 

Zwei Drittel aller Coronavirus-Infektionen würden sich in Bars, Clubs oder Restaurants ereignen, hielt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) am vergangenen Freitag fest. Doch bereit am Sonntagabend war die Verwirrung perfekt: alles falsch.

Die Daten seien nicht korrekt zugeordnet worden, hiess es seitens BAG. Mit einem Anteil von 27,2 Prozent der Fälle stecken sich die meisten Personen im familiären Umfeld an (siehe Box). Laut BAG-Sprecher Jonas Montani handelt es sich demnach nicht um einen Fehler im System. «Die Kategorien wurden in der Analyse falsch kodiert. Ein solcher Fehler tritt zum ersten Mal auf.»

Korrektur hin oder her: Noch immer erweckt die Zahl einen falschen Eindruck – nämlich den, dass wir wissen, wo sich die Leute in der Regel infizieren. Ein Trugschluss: In knapp 40 Prozent der vom BAG aufgeführten Fälle, die von klinischen Meldeformularen von Ärztinnen und Ärzten stammen, fehlen Angaben zur Ansteckungsquelle. 

Ähnlich präsentiert sich die Situation in einzelnen Kantonen, die entsprechende Daten kommunizieren. Seit Wiederaufnahme des Contact Tracings beläuft sich die Zahl aufgetretener Neuinfektionen mit unbekanntem Ansteckungsort im Kanton Aargau ebenfalls auf rund 42 Prozent, in Zürich machen die Fälle ohne eindeutigen Ansteckungsort gar 65 Prozent aus. Bloss im Kanton Zug ist der Anteil mit 28 Prozent deutlich tiefer.

Hier steckt man sich mit dem Coronavirus an

Laut der korrigierten Aufführung des BAG erfolgen die meisten Coronavirus-Ansteckungen im familiären Umfeld (27,2 Prozent) oder am Arbeitsplatz (8,7 Prozent). Clubs machen lediglich 1,9 Prozent aller Ansteckungen aus, Bars und Restaurants nur gerade 1,6 Prozent. Diese Zahlen decken sich denn auch eher mit den Statistiken der vereinzelten Kantone, die genauere Angaben zum Contact Tracing veröffentlichen, zum Beispiel Aargau, Zürich oder Zug. 

Genf: 30 Prozent der Neuerkrankten reist in Quarantäne

In Genf, wo die Neuinfektionen zuletzt stark zugenommen haben, heisst es, 30 Prozent der Leute, die zwischen dem 20. und 26. Juli positiv getestet worden seien, hätten sich zu diesem Zeitpunkt in Quarantäne befunden. Im Umkehrschluss: 70 Prozent der Neuerkrankten standen zuvor nicht im Fokus der Contact Tracer. 

Will man eine zweite Welle verhindern, muss man zwingend mehr über die Ansteckungsorte in Erfahrung bringen. Dementsprechend äusserte sich auch Martin Ackermann, der neue Leiter der Coronataskforce des Bundes, gegenüber der «SonntagsZeitung». So seien genaue Zahlen, wer sich wo anstecke, absolut zentral. Ohne sie befänden wir uns «im Blindflug».

Trotz fehlender Daten vielerorts: Auf Anfrage von «Bluewin» hält der oberste Kantonsarzt Rudolf Hauri daran fest, dass Kantone in der Lage seien, das Contact Tracing zu bewältigen. Sollten die Fallzahlen weiter ansteigen, könne man die Kapazitäten ausbauen und auf Drittorganisationen zählen. 

«Gerade bei schnell wachsenden Fallzahlen oder bei Situationen mit vielen engen Kontaktpersonen besteht aber die Gefahr, dass das Contact Tracing an den Anschlag kommt», sagt Hauri weiter. So sei ein lückenloses Contact Tracing ein Idealfall und nur möglich, wenn sich neuinfizierte Personen an alle engen Kontakte erinnern könnten, die sie ab 48 Stunden vor Symptombeginn hatten.

«Erfasst werden erst die Fälle – nicht die Details»

Wieso setzte das BAG bei seiner zuerst fehlerhaften Aufführung nicht auf Daten der kantonalen Contact-Tracing-Stellen? Das lässt sich gemäss Hauri darauf zurückführen, dass von ebendiesen momentan erst die Anzahl Fälle erfasst würden – nicht aber die Details. «Eine detaillierte Datenbank wird vom BAG aufgebaut.»

Auf Nachfrage von «Bluewin» bestätigt BAG-Sprecher Montani:  «Die Anbindung an die Contact-Tracing-Datenbanken der Kantone ist ein Projekt des BAG, das derzeit mit Hochdruck vorangetrieben wird.» Es läge im grossem Interesse des BAG, diese relevanten Informationen kantonsübergreifend analysieren zu können. 

Der oberste Kantonsarzt unterstreicht weiter – wie schon an der Medienkonferenz von letztem Donnerstag –, dass die Kantone auf korrekte Kontaktdaten und die Kooperation seitens Behörden und Betriebe angewiesen seien. Nur so könnten sich sämtliche Kontaktpersonen eines Erkrankten möglichst rasch in Quarantäne begeben. 

Hauri: «Je höher der Anteil der bekannten Ansteckungsquellen, desto besser.» Blieben Infektionsketten unentdeckt, fehlten auch Hinweise darauf, wo potenziell riskante Infektionsquellen liegen würden oder wo sich Hotspots entwickeln könnten. 

Daniel Koch appelliert an schnellere Tests

Wie Daniel Koch, der ehemalige Coronadelegierte beim BAG, letzte Woche im «Bluewin»-Interview durchblicken liess, liegt das Problem seiner Meinung nach weniger bei einem unzureichenden Contact Tracing als viel mehr bei zu aufwendigen Tests.

Bis zum positiven Testresultat gehe meist viel Zeit verloren, wodurch es sehr schwierig bis unmöglich werde, sämtliche Kontakte einer erkrankten Person nachzuverfolgen. Koch will an dieser Stelle ansetzen und fordert: «Testen muss einfacher werden. So einfach, wie sich ein Gipfeli zum Zmorge zu kaufen.»

Auch Hauri verweist darauf, dass es zwar der Idealfall, aber wenig realistisch sei, dass sich alle Neuinfizierten an sämtliche Personen, mit denen sie 48 Stunden vor Symptombeginn ohne Schutzvorkehrungen in Kontakt gekommen seien, erinnern könnten. 

Er sagt: «Nach wir vor sind die Abstands- und Hygienemassnahmen zentral.» Auch die Maskentragpflicht könne an Orten, an denen die Abstandsregeln nicht oder nur schwierig umzusetzen seien, zusätzlichen Schutz bieten. Schliesslich sei es wichtig, sich auch bei leichten Symptomen testen zu lassen. 

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