Gläserne Angestellte

Unter Kontrolle – wie Novartis das Homeoffice überwacht

tafi

14.9.2020

Bei Novartis können die Büroangestellten gerne von zu Hause aus arbeiten. Allerdings wird ihnen dabei auf die Finger geschaut. (Archivbild)
KEYSTONE/GEORGIOS KEFALAS

Bei Novartis dürfen alle Büroangestellten im Homeoffice arbeiten. Der Basler Pharmakonzern spricht von Vertrauen und Freiheit, hat aber Kontrollmechanismen installiert.

«Die Maskenpflicht», sagt Steven Baert im Interview mit dem «Tages-Anzeiger», «wird wohl dazu führen, dass noch mehr Mitarbeitende von zu Hause arbeiten wollen, aber das ist okay für uns.» Der Belgier ist Personalchef beim Basler Pharmakonzern Novartis und muss dort die Büroarbeit quasi neu erfinden.

Es ist ein Kulturwandel, nicht zuletzt befeuert durch die Coronapandemie verändert sich die Arbeitswelt rapide. Grossraumbüros sind nicht mehr das Nonplusultra, viele Firmen haben festgestellt, dass ihre Mitarbeitenden auch von zu Hause aus effektiv arbeiten können. Novartis war der erste Schweizer Konzern, der Homeoffice auch nach Corona im grossen Stil erlaubt.



Steven Baert spricht in dem Zusammenhang von einem liberalen Modell, dass auf Vertrauen und Eigenverantwortung fusst. «Choice with Responsibility» nennt Novartis das neue Arbeitsplatzmodell, in dem die Mitarbeitenden selbst entscheiden können, wo sie arbeiten. 

Totale Überwachung

Laut Baert habe die Wahlfreiheit keine Auswirkungen auf die Produktivität. «Wir haben festgestellt, dass das geleistete Arbeitsvolumen nicht gesunken ist.» Womit er gleichzeitig einen vulnerablen Punkt anspricht: Die Produktivität muss gemessen werden. «Wir nutzen ‹Arbeitsplatz-Analytics›. Damit können wir messen, ob die Mitarbeiter telefonieren, E-Mails schreiben, in digitalen Meetings sind», erklärt Baert.

Dass die Mitarbeitenden dabei kontrolliert würden, will er nicht gelten lassen. Die Mitarbeitenden müssten «bei dieser Datenerhebung nicht mitmachen, sie können sie ablehnen», so Baert, demzufolge nur drei Prozent der Belegschaft ihre Zustimmung zur Datenerfassung verweigerten.



Auch durch die Nutzung der App Tignum X, die Novartis den Angestellten zur Verfügung stellt, würden die Firma keine Mitarbeiterdaten erhalten. Die App sorge dafür, dass die Mitarbeitenden im Homeoffice nicht überlastet werden – durch zu viel Bildschirmzeit etwa. Sie gibt unter anderem Empfehlungen zu Erholung, Schlaf, Ernährung. «Das Programm kann Ihnen zum Beispiel eine Erinnerung anzeigen: ‹Sie sitzen jetzt schon sehr lange. Warum machen Sie nicht eine Pause?›», schwärmt Baert.

Auch wenn die App ziemlich viel zu wissen scheint, die Überwachung der Mitarbeiterschaft sei natürlich nicht geplant. «Der Schlüssel ist, dass diese Angebote optional sind. Wir erwarten nicht von den Leuten, die genannte App zu benützen. Wir wissen nicht einmal, wie viele Leute sie aktiv nutzen», beteuert Baert. «Darüber hinaus ist es mir wichtig, zu betonen, dass der Datenschutz und auch die Privatsphäre unserer Angestellten absolut zentral sind.»

«Es geht nicht darum, Geld zu sparen»

Zuckerbrot und Peitsche brauche es in einem Unternehmen nicht, damit «die Belegschaft richtig arbeitet». Viel wichtiger seien Motivation, Flexibilität und das Gefühl, etwas zu bewirken. Man arbeite daher vor allem daran, den Austausch zwischen den Mitarbeitenden zu optimieren.

Schliesslich fielen im Homeoffice informelle Gespräche, etwa beim Kaffee in deren Büroküche weg. «Es gibt die Gefahr, dass die Flexibilität auf Kosten des Austauschs im Team geht. Wir müssen herausfinden, wie wir dem begegnen», sagt Baert dazu.



Daher würden die Vorgesetzten darin weitergebildet, in einer zunehmend virtuellen Welt zu arbeiten. «Sie müssen zum Beispiel viel mehr mit Ihrem Team kommunizieren.» Grosse Sorgen macht sich Baert nicht: «Weitaus die meisten Angestellten wollen ein hybrides Modell, sie wollen also immer noch ins Büro kommen – auch, um genau diesen Austausch zu haben.»

Dass durch Homeoffice der Platzbedarf für Büros auf dem Basler Campus sinkt, glaubt der Personalchef nicht. «Ich glaube, wir brauchen in Zukunft weniger Platz für Einzelarbeitsplätze, auf der anderen Seite aber mehr Team-Arbeitsflächen. Unter dem Strich dürfte sich das etwa ausgleichen. Es geht uns hier nicht darum, Geld zu sparen.»

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