Städter lechzen nach Abkühlung

«Viele merken, dass man handeln muss»

Von Alex Rudolf

22.6.2022

Am Zürcher Turbinenplatz soll in den kommenden Wochen ein Nebelring wie dieser installiert werden, um Abkühlung zu verschaffen. Jener Nebelring im Bild entstand im Rahmen der Milano Design Week 2018 von Nephos. Das Unternehmen hat sich auf solche Kühlsysteme spezialisiert.
Mirko Menghetti

In den Städten wird es wärmer und wärmer. Reichen die getroffenen Massnahmen aus, um das Stadtleben im Hochsommer noch lebenswert zu machen? Der Verein Umverkehr will mehr.

Von Alex Rudolf

22.6.2022

Der Zürcher Turbinenplatz ist alles andere als einladend. Glasfassaden umsäumen ihn und der Beton wird nur von noch eher kleinen Bäumen unterbrochen. Kein Wunder, ist es an heissen Sommertagen bis zu sieben Grad wärmer als andernorts in der Stadt. Eine künstliche Nebelwolke soll dem nun Abhilfe schaffen, wie die Stadt Zürich mitteilte.

Lange wurde angenommen, dass helle Flächen die Temperatur ebenfalls sinken lassen. Ein Experiment, das die Stadt Zürich auf einer Strasse im Westen der Stadt gemacht hat, zeigt jedoch das Gegenteil. Die Roggenstrasse wurde im Jahr 2020 beige und rötlich eingefärbt. Die Ergebnisse: Der graue Belag blieb gegenüber den anderen durchschnittlich rund zwei Grad kühler – die ungleichmässige Beschattung dürfte dabei auch eine Rolle gespielt haben.

Umfrage
Wie werden Städte künftig gekühlt?

Doch spielen neben solchen Wasser-Installationen und Farben besonders die Pflanzen eine grosse Rolle im Kampf gegen die Hitze auf Stadtgebiet. Dass aber Grün nicht gleich Grün ist, zeigten Forscher der ETH im vergangenen Winter.

Im Sommer kann der Turbinenplatz in der Stadt Zürich bis zu sieben Grad wärmer sein als andere Orte auf Stadtgebiet.
Stadt Zürich

Bäume kühlen mehr als Wiesen

Geoökologe Jonas Schwaab zeigte anhand von Daten aus rund 300 europäischen Städten, dass Flächen mit Bäumen um ein Vielfaches kühlender wirken als blosse Grünflächen mit Wiese.

In Bern, Biel und Chur sammeln die Klimaaktivist*innen von Umverkehr derzeit Unterschriften für zwei Stadtklima-Initiativen, wie Co-Präsidentin und Nationalrätin Franziska Ryser (Grüne/SG) zu blue News sagt. Ob die Hitzewelle die Unterschriftensammlung angekurbelt habe, lasse sich noch nicht sagen. «Durch die aktuelle Hitze hat man einen Bezug zum Thema und viele merken, dass man handeln muss», sagt sie.

Geht es nach dem Verein, sollen jährlich 0,5 Prozent der Strassenfläche in Fläche für den ÖV oder Fuss- und Veloverkehr umgewandelt werden und ebenfalls jährlich weitere 0,5 Prozent in Grünfläche. Von der zusätzlichen Begünung erhofft man sich mehr Lebensqualität, mehr Biodiversität und nicht zuletzt ein kühleres Stadtklima im Hochsommer.

Dieselben Initiativen wurden bereits in weiteren Städten wie Zürich, St. Gallen und Basel eingereicht und befinden sich nun im politischen Prozess. In St. Gallen wurde gar bereits ein Gegenvorschlag vom Parlament durchgewinkt, was zum Rückzug der Initiative führte. Demnach erhält St. Gallen rund 200'000 Quadratmeter zusätzliche Fläche für Grünräume und klimafreundliche Mobilität.

Die Co-Präsidentin des Vereins Umverkehr und St. Galler Nationalrätin der Grünen: Franziska Ryser.
Keystone

In Grossstädten wie Zürich oder Basel gibt es bereits seit Jahren Abteilungen, die sich mit dem Stadtklima befassen. Rennt man nicht offene Türen ein? «Doch», sagt Ryser. «Auch die Exekutiven haben den Handlungsbedarf erkannt. In allen Städten, in denen wir die Initiativen schon eingereicht haben, haben sie das Thema aufgenommen», sagt sie.

«Als wir die erste Initiative lancierten, war das Thema noch kaum präsent. Im Gleichschritt mit unseren Initiativen entwickelte sich auf den Verwaltungen auch das Bewusstsein für das Thema Stadtklima», so Ryser.

Dennoch ist Ryser überzeugt, dass es die Initiativen braucht trotz der grossen Bereitschaft der Städte. «Nebst dem, dass wir klare Vorgaben machen, bietet eine Volksabstimmung oder eine Parlamentsdebatte über unsere Initiativen auch einen klaren Auftrag und eine demokratische Legitimation der Kosten für solche Projekte», sagt sie.

Ausserdem fokussieren die Initiativen nicht nur darauf, den Strassenraum so zu gestalten, dass Abkühlung möglich ist. Mit der Förderung des Langsamverkehrs packe man das Problem auch bei der Wurzel und bekämpfe die Ursache, so Ryser.