Holocaust

Historiker kritisieren Untersuchung zum Verrat an Anne Frank

SDA

18.1.2022 - 15:27

This is an undated photo of Anne Frank, the young Jewish girl who, with her family, hid from the Nazis in Amsterdam, Netherlands, during World War II. Though today she is known around the world, she was just one of more than 100,000 Jews deported from the Netherlands to Nazi camps for death or forced labor. Her name appears only once among the 50 million pages in the world's largest storehouse of documents on victims of Nazism, the Red Cross's International Tracing Service. (AP Photo)
Anne Frank versteckte sich mit ihrer Familie von 1942 bis 1944 in Amsterdam. Dann entdeckte die Gestapo das Versteck und deportierte die Familie in ein Konzentrationslager. Nach dem Krieg veröffentlichte ihr Vater als einziger Überlebender das Tagebuch. Dieses gilt bis heute als wichtiges Zeitzeugnis. 
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Historiker haben deutliche Kritik an der Untersuchung über den Verrat des Verstecks von Anne Frank vor den Nationalsozialisten geübt. Die Beweislage sei zu dünn.

SDA

18.1.2022 - 15:27

«Zu grossen Beschuldigungen gehören grosse Beweise. Und die gibt es nicht», sagte der Amsterdamer Professor für Holocaust- und Genozidstudien, Johannes Houwink ten Cate, im NRC Handelsblad am Dienstag. Die Beweislage der gestern veröffentlichen Studienergebnisse sei sehr dünn. 

Ein internationales Team hatte fünf Jahre lang in Archiven geforscht, wer 1944 das Versteck von insgesamt acht jüdischen Menschen in Amsterdam an die deutschen Nazis verraten hatte. Anne Frank (1929 – 1945) hatte dort ihr heute weltberühmtes Tagebuch geschrieben. Das Team hatte am Montag seine Ergebnisse veröffentlicht.

Danach habe sehr wahrscheinlich ein jüdischer Notar das Versteck verraten. Er habe damit seiner Familie das Leben retten wollen. Das Team beruft sich vor allem auf die Kopie eines anonymen Briefes, den der Vater von Anne, Otto Frank, nach dem Krieg erhalten hatte und in dem der Name des Notars genannt wird.



Mehrere Historiker äusserten Zweifel an den Schlussfolgerungen und sprachen von Fehlern und Ungenauigkeiten in der Untersuchung. So gebe es keinerlei Beweise, dass der Jüdische Rat im Zweiten Weltkrieg Listen mit Adressen von Verstecken von Juden aufgestellt hatte. Auch sehen die Historiker kein Motiv bei dem Notar. Er sei bereits selbst im Sommer 1944 mit seiner Familie wegen drohender Deportation untergetaucht. Mit einer Anzeige beim Sicherheitsdienst hätte der Notar nach Darstellung der Historiker nur die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt.

SDA, smi

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