Kopfschuss auf der Terrasse: Deutschland rätselt über Politiker-Tod

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4.6.2019

Ein hoher politischer Beamter in Deutschland stirbt nach einem Kopfschuss. Die Ermittler stehen vor vielen Rätseln und suchen fieberhaft nach Motiv und Täter. Rechtsextreme beleidigen den Toten im Internet.

Der Regierungspräsident im nordhessischen Kassel wurde in der Nacht auf Sonntag auf seiner Terrasse tot aufgefunden. Laut Obduktion starb Walter Lübcke (†65) an einem Schuss in den Kopf. Nun ermittelt eine Sonderkommission. Wer ist der Täter? Und was das Motiv? 2015 hatte der deutsche Politiker Morddrohungen erhalten.

Knapp 40 Stunden hatte es gedauert, bis die Behörden erste Ermittlungsergebnisse nach dem Tod von Kassels Regierungspräsident vorstellten. Walter Lübcke wurde mutmasslich Opfer eines Verbrechens. Er starb an einem Schuss aus nächster Nähe in den Kopf, wie die Kasseler Staatsanwaltschaft und das hessische Landeskriminalamt am Montagabend sagten. Ein Rätsel bleibt der Tod des beliebten CDU-Politikers weiterhin.

Der deutsche Politiker Walter Lübcke wurde mit einer tödlichen Schusswunde auf der Terasse seines Hauses gefunden. Die Ermittler stehen vor vielen Rätseln. Welche Rolle spielen Morddrohungen aus dem rechtsextremen Milieu?
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Wenig Klarheit, viele Rätsel

Der Tatort ist ein idyllisches Fleckchen im ländlichen Norden Hessens. Das Bundesland liegt in der Mitte Deutschlands. Nur rund 900 Einwohner hat Istha, ein Ortsteil der Kleinstadt Wolfhagen. Lübcke wohnte am Ortsrand. Von seinem Haus aus hat man einen weiten Blick über die Felder.

Doch die Strasse zum Haus ist am Montag wie ausgestorben, nur ein paar Polizeibeamte und ein Einsatzfahrzeug sind vor dem Gebäude zu sehen. Das Absperrband um das Haus flattert im Wind. Ein paar Meter weiter bauen Arbeiter gerade ein Bierzelt ab. Denn in der Tatnacht wurde schräg gegenüber des Tatorts eine Chilbi gefeiert.

Ob es einen Zusammenhang der Tat zur Chilbi gibt, sagen die Ermittler nicht. Auch zu Fragen, ob Zeugen etwas gesehen haben oder eine Tatwaffe gefunden wurde, schweigen sie. Klar ist laut den Ermittlern dagegen: Der CDU-Politiker Lübcke wurde in der Nacht zu Sonntag kurz nach Mitternacht von einem Verwandten auf der Terrasse gefunden. Kurze Zeit später wurde der Tod des 65-Jährigen festgestellt.

Das Anwesen von Walter Lübcke in Wolfhagen. Der CDU-Politiker wurde offenbar vor seinem Haus erschossen.
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20-köpfige Sonderkommission ermittelt

«Die umgehend anberaumte und noch am selben Tag durchgeführte Obduktion hat ergeben, dass Dr. Lübcke an den Folgen einer Schussverletzung verstorben ist», sagte Horst Streiff, Leiter der Kasseler Staatsanwaltschaft. Das Projektil einer Kurzwaffe – darunter fallen Pistolen – habe ihn am Kopf getroffen.

Der Schuss sei aus nächster Nähe abgegeben worden. Nun werde gegen unbekannt wegen der Tötung Lübckes ermittelt. «Konkrete Hinweise bezüglichen eines Tatverdächtigen beziehungsweise eines Tatmotivs haben die Ermittlungen bisher nicht ergeben», erklärte Streiff.

Antworten soll nun eine 20-köpfige Sonderkommission finden, die aus Mitarbeitern des Landeskriminalamts und der nordhessischen Polizei gebildet wird. «Wir ermitteln in alle Richtungen», sagte LKA-Chefin Sabine Thurau.

Morddrohungen in der Flüchtlingskrise

Hinweise auf einen Zusammenhang mit den Morddrohungen, die Lübcke während der Flüchtlingskrise 2015 erhielt, sehen die Ermittler bisher nicht. Damals hatte sich der Regierungspräsident gegen Schmährufe zur Aufnahme von Flüchtlingen gewehrt und gesagt, wer gewisse Werte des Zusammenlebens nicht teile, könne das Land verlassen.

Wie «Tagesschau.de» berichtet, bestätigte der stellvertretende Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber, dass Lübcke in den vergangenen Jahren immer wieder von bestimmten Gruppen bedroht worden sei, unter anderem von sogenannten Reichsbürgern, «die sich vielfach in unverschämten Schreiben an uns wenden und auch Drohungen gegen den Präsidenten ausrichten». Lübcke habe deswegen 2015 zeitweise unter Personenschutz gestanden.

Hetze und Beleidigungen von rechts

Im selben Jahr sei auf dem rassistischen Blog «PI-News» die Adresse des Politikers veröffentlicht worden, in sozialen Netzwerken würde dazu aufgerufen, bei ihm vorbeizuschauen. Laut «Tagesschau.de» hiess es in den Kommentaren unter anderem: «Der Kasper aus Kassel macht es nicht mehr lange.»

Auch nach dem Tod werde weiter gegen Lübcke gehetzt. Viele anonyme Nutzer zeigen unverhohlen ihre Schadenfreude und drohen anderen deutschen Politikern ein ähnliches Schicksal an. Auf Facebook hiess es etwa: «Selbst schuld, kein Mitleid, so wird es Merkel und den anderen auch ergehen.»

Volksnah und konfliktfreudig

Polizei und LKA wollen ermitteln dennoch in alle Richtungen, eine heisse Spur gibt es bislang noch nicht. Oberstaatsanwalt Horst Streiff sagte bei einer Pressekonferenz am Montagabend auf die Frage, ob die Tat in Zusammenhang mit den Morddrohungen gegen Lübcke wegen dessen Haltung zu Flüchtlingen stehen könnte, dass es dazu bislang keine Erkenntnisse gebe. Mögliche Zeugen wurden gebeten, sich mit Hinweisen per Mail oder Telefon bei der Polizei zu melden.

Lübcke hatte als politische Spitzenbeamter zehn Jahre lang das Regierungspräsidium Kassel geleitet, eine Verwaltungsbehörde auf mittlerer Ebene zwischen dem Land Hessen und seinen Gemeinden. Der promovierte Wirtschaftswissenschaftler galt als beliebt und volksnah. Er war oft auf öffentlichen Terminen und Festen anzutreffen. Auch die Konfrontation mit Kritikern scheute der 65-Jährige nicht.

Kerzen und eine Nachricht an den verstorbenen Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke am Haupteingang des Regierungspräsidiums in Kassel. 
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Umstrittene Projekte als Regierungspräsident

Das Regierungspräsidium war unter seiner Leitung auch an vielen umstrittenen Genehmigungsverfahren beteiligt. Dazu gehörte beispielsweise der Bau von Windkraftanlagen, die Planung einer Pipeline für Salzabwässer durch den Salz- und Düngerproduzenten K+S und der Ausbau des Regionalflughafens Kassel.

Eigentlich hätte Lübcke zum Zeitpunkt seines Todes schon im Ruhestand sein können. Doch er hatte über das 65. Lebensjahr hinaus eine Verlängerung seiner Amtszeit bis September 2019 beantragt. Er hinterlässt eine Frau und zwei erwachsene Kinder.

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