Ökonom Wellershoff: «Jeder sagt: Bei uns ist Ihr Geld gut angelegt»

31.5.2018 - 15:38, sda/awp multimedia/Joel Bedetti/jfk

Klaus Wellershoff kritisiert in seinem Buch «Plädoyer für eine bescheidenere Ökonomie» die Angewohnheit der Ökonomen, Prognosen zu liefern.
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Wellershoff wurde 1995 mit nur 31 Jahren Chefökonom des UBS-Vorgängers SBV (Schweizerischer Bankverein).
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Auch Wellershoff (hier 2001) tat, was von ihm erwartet wurde: Prognosen zu liefern. «Mit der Erfahrung wächst die Skepsis», sagt er.
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«Wenn es um die nächsten Jahre geht, stehen wir in einer Nebelwand», sagt Klaus Wellershoff. Doch genau diese Prognosen sind gefragt. Im Bild ein Trading Floor der UBS.
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Wellershoff kritisiert besonders Vermögensverwalter. «Nicht einmal Grossbanken wissen, wie gut ihre Performance im Vergleich ist.»
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Doch auch die einfachen Anleger können etwas beisteuern: Sich besser auf das Gespräch vorbereiten.
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Vereinzelt werde seine Kritik als Nestbeschmutzung empfunden, sagt Klaus Wellershoff. Im Bild der Zürcher Paradeplatz.
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«Mir geht es darum, dass das Nest wieder vorzeigbarer wird.»
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In seinem neuen Buch erklärt der ehemalige UBS-Chefökonom Klaus Wellershoff, wie man als Laie besser anlegt als Anlege-Profis. Und er fordert, dass Ökonomen weniger in die Zukunft blicken.

Der in der Schweiz lebende Deutsche gewährt in einem Interview mit der SDA wertvolle Einblicke in die Mechanismen der Anlegepolitik professioneller Berater.

Herr Wellershoff, Anlage-Profis kommen in Ihrem neuen Buch schlecht weg.

Wir haben die Performance der wichtigsten Schweizer Vermögensberater in den vergangenen zehn Jahren untersucht. Die Mehrheit erwirtschaftet weniger Geld als der Markt im Durschnitt gewinnt. 40 Prozent dieses möglichen Gewinns gehen für Fehlinvestitionen drauf, 25 Prozent für Gebühren – beim Anleger landet nur gut ein Drittel. Das ist eine bittere Erkenntnis.

Ihren Berechnungen zufolge legt man als Laie mit einem einfachen Rezept erfolgreicher an als viele Profis: Man wirft sein Geld gleichmässig in eine Anzahl Töpfe etwa Immobilien, Rohstoffe, Aktien. Und wartet.

Wenn man sich strikt an diese Regel hält, ist die Chance gross, dass man mehr verdient. Man muss aber ein paar Tricks kennen: Will man etwa in Immobilien investieren, wird die Bank einen Fonds anbieten. Der wird aber gemanagt und kostet anderthalb bis zwei Prozent der Investition pro Jahr – frisst also einen Grossteil des Ertrags auf. Computergesteuerte Exchange Traded Funds (ETF) hingegen bilden die durchschnittliche Marktentwicklung eines Segments ab und kosten nur ein halbes Prozent. Diese Differenz spart man sich gerne.

Trotzdem raten Sie dem Leser, sein Geld in die Hände professioneller Anleger zu geben. Weshalb?

Erstens gibt es für viele Leute schönere Dinge als Zahlenreihen. Zweitens sind auch scheinbar einfache Produkte wie Exchange Traded Funds manchmal schwer zu durchschauen.  Und drittens gibt es tatsächlich auch ein paar gute Vermögensverwalter, die recht konsistent Renditen über dem Markt erzielen.

Wie findet man denn einen guten Anlageberater?

Es ist nicht leicht: der Markt ist völlig intransparent. Jeder sagt, bei uns ist Ihr Geld gut angelegt – aber nicht einmal die grossen Banken wissen, wie gut ihre Performance im Vergleich ist. Mit unserer Anlageberatung ZWEI messen wir diese Leistungen.

Erstaunlicherweise geben die Vermögensverwalter ihre Daten bereitwillig heraus.

Das ist erfreulich. Die Schweizer Finanzbranche weiss, dass etwas passieren muss, will sie ihren Ruf halten. Zudem kommen Finanzinstitute durch uns gratis an Kunden, wenn sie ihre Sache gut machen. Wir definieren mit unseren Kunden die Anlageziele und holen dann Offerten der Anlageunternehmen ein. Wer gut performt, den empfehlen wir weiter.

Was machen gute Vermögensverwalter abgesehen von guten Investitionsentscheiden besser?

Viele Finanzberater orientieren sich an einem akademischen Modell, das sich in der Branche verbreitet hat. Es geht von einem Sparer aus, der nur eine Risikopräferenz hat und nur langfristig anlegt. Ein guter Finanzberater hingegen weiss, dass Menschen komplexe Wesen sind.

Das heisst?

Viele wollen einen Vorsorgetopf für Krankheit oder Todesfall, wo sie kein Anlagerisiko eingehen wollen. Andererseits wollen sie vielleicht irgendwann eine Wohnung kaufen. Da sind sie zu höheren Risiken bereit – klappt es nicht, ist es nicht das Ende der Welt. Zudem ist das Vermögen heute bei den Endsechzigern konzentriert. Finanzprofis sollten wissen, dass die nicht dreissig Jahre lang warten können, bis sich ihre Investition auszahlt.

Sie sehen aber die Fehler nicht nur bei den Profis, sondern auch bei den Laien. Viele Anleger bereiten sich auf den Wocheneinkauf besser vor als auf das Gespräch mit dem Vermögensverwalter, schreiben Sie.

Viele Leute machen sich keine Gedanken, was genau ihre Anlageziele sind. Der Kundenberater kann das ja nicht erraten. Oft hat er nur eine Stunde Zeit und muss seine Produkte verkaufen. Bei diesen Gesprächen spielt zudem die Psychologie hinein. Banker umgibt noch immer diese Aura der Autorität – Sparer wollen vor ihnen nicht dumm dastehen. Daraus ergibt sich eine verkrampfte Atmosphäre, in der oft falsche Entscheidungen gefällt werden.

Was kann man da als Anleger dagegen tun?

Anleger sollten sich zuvor überlegen, welche Ziele sie haben - und sie niederschreiben. Das hilft dem Berater schon sehr viel.

Ihre Kritik betrifft nicht nur die Vermögensverwalter, sondern ihre ganze Zunft. Das Problem der Ökonomen sei, dass sie versuchen, die Zukunft vorauszusagen. Obwohl sie es nicht können.

Da muss ich Ihnen widersprechen. Unsere Prognosen sind zuverlässig, wenn sie das Wachstum der nächsten Monate betreffen. Und in der Voraussage langfristiger Trends sind wir richtig gut. Dass sich das Wachstum von China in den Zehnerjahren verlangsamen wird, konnten wir ziemlich genau vorhersehen.

Wann tappen Ökonomen im Dunkeln?

Wenn es um die unmittelbar bevorstehenden Jahre geht, stehen wir vor einer Nebelwand. Doch genau diese Prognosen sind verständlicherweise sehr gefragt. Einige meiner Berufskollegen nutzen dieses Bedürfnis, um sich in den Medien zu profilieren – und liefern statt einer Prognose eine politische Meinung.

Zum Beispiel?

Es gibt Kollegen, die bei jeder Schwäche des Euro seinen baldigen Zusammenbruch predigen – einige tun dies seit seiner Einführung. Man muss sich das mal vorstellen: Die laufen seit bald 20 Jahren mit falschen Prognosen durchs Land und trauen sich noch immer, solche Geschichten zu erzählen. Das ist nur schwer zu ertragen.

Bankanalysten müssen von Berufs wegen in die Zukunft blicken – sie sind für die Anlagetipps zuständig. Der Ethnologe Stefan Leims arbeitete zwei Jahre lang in einer Schweizer Grossbank und beobachtete Kollegen, die Astrologen zuratezogen oder würfelten.

Analysten stecken in einem Dilemma. Sie stehen unter dem Druck ihrer Vorgesetzten, etwas zu liefern, das sie nicht liefern können. Wie geht man damit um? Ich kann mir vorstellen, dass man da zu würfeln beginnt.

Sie selbst waren vierzehn Jahre lang Chefökonom der UBS – Sie mussten das Spiel ja auch mitspielen und Prognosen liefern.

Fairerweise muss man sagen, dass Prognosen nicht gleichzusetzen sind mit Anlageempfehlungen. Zu erwarten, dass der Dollar steigt, bedeutet nicht automatisch eine Empfehlung, ihn zu kaufen. Trotzdem: Anfangs war ich noch voller guten Glaubens, dass das alles gute Prognosen seien. Mit der Erfahrung wächst die Skepsis.

Wie reagieren Ihre Berufskollegen auf Ihr Buch? Können Sie sich am Paradeplatz noch blicken lassen?

Die meisten Reaktionen sind sehr positiv, aber es gibt auch vereinzelt Stimmen, die meine Kritik als Nestbeschmutzung sehen. Das finde ich schade. Mir geht es darum, dass das Nest wieder vorzeigbarer wird.

Zur Person: Klaus Wellershoff

Klaus Wellershoff, 54, war von 1995 bis 2009 Chefökonom der UBS. Danach gründete er das Beratungsunternehmen Wellershoff & Partners sowie die Vermögensverwaltungs-Beratung ZWEI. Wellershoff lebt mit seiner Familie in Zürich. Sein Buch «Plädoyer für eine bescheidenere Ökonomie» ist im Verlag NZZ Libro erschienen.

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