Experten warnen vor Risiken der «stillen Ausbreitung»

Von Carla Johnson, Matt Sedensky und Candice Choi, AP/uri

23.7.2020 - 10:11

Menschen geniessen im Juni 2020 das schöne Wetter am Genfersee: Vorsicht ist in Zeiten von Corona auch bei Menschen angebracht, die keine Krankheitssymptome zeigen. (Archiv)
Bild: Keystone

Auch wer gar keine Symptome hat, kann mit dem Virus infiziert sein – und es an andere weitergeben. Zu Beginn der Pandemie dauerte es lange, bis das allgemein bekannt war. Und künftig dürfte es deswegen schwierig werden, weitere Ansteckungswellen zu verhindern.

Selbst Mediziner waren überrascht, wie schnell das Coronavirus um die Welt ging. Nur drei Monate nach dem ersten Ausbruch in China war es auf allen Kontinenten ausser der Antarktis im Vormarsch. Viele Gesundheitsbehörden waren geradezu überrumpelt, frühe Eindämmungsversuche blieben oft erfolglos. Heute ist zumindest einer der Gründe dafür bekannt: Das Virus wird auch von scheinbar gesunden Menschen übertragen.

Nun, da Angestellte allmählich in ihre Büros zurückkehren, Kinder wieder in die Schule gehen und auch viele Restaurants wieder besser besucht sind, lassen die inzwischen vorliegenden Erkenntnisse Schlimmes befürchten: Wegen der «stillen Ausbreitung» durch symptomfreie Infizierte könnte es fast unmöglich sein, das Virus in den Griff zu bekommen. «Es kann tödlich sein. Trotzdem wissen 40 Prozent der Leute nicht einmal, dass sie es haben», sagt Dr. Eric Topol vom Scripps Research Translational Institute in Kalifornien.

Viele Fragen noch immer offen

Viele Fragen sind derweil noch immer unbeantwortet. Forscher haben zwar die beängstigende Wahrscheinlichkeit einer Ausbreitung durch asymptomatische und präsymptomatische Träger in den Fokus gerückt. Aber wie gross ihre Rolle genau ist, kann derzeit nur grob geschätzt werden. «Um tatsächlich zu verhindern, dass das Virus zurückkommt, müssen wir uns mit diesem Problem auseinandersetzen», sagt Rein Houben von der London School of Hygiene and Tropical Medicine.

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Dass weltweit mehr als 580'000 Menschen mit dem Coronavirus gestorben sind, rückt in den öffentlichen Debatten gerade etwas in den Hintergrund – jetzt, wo viele der Schutzmassnahmen der vergangenen Monate gelockert worden sind. Wissenschaftler sind umso besorgter. Denn Reisende, die nicht husten, werden an Flughäfen nicht aufgehalten; Büroangestellte ohne Fieber bleiben bei einem Temperatur-Check unauffällig; wer sich nicht unwohl fühlt, nimmt wie gewohnt an Meetings teil. Und nahezu unbemerkt könnte dann alles wieder von vorne losgehen.

Schon im Januar gab es Anzeichen dafür, dass auch Menschen ohne Symptome infiziert sein könnten. In China wurde ein scheinbar gesunder zehnjähriger Junge, der nach Wuhan gereist war, positiv auf das Coronavirus getestet. Sechs Mitglieder seiner Familie hatten Husten und Fieber. In München hatte eine symptomfreie Geschäftsfrau aus China, die erst nach ihrer Rückkehr in die Heimat positiv getestet wurde, mehrere Kollegen angesteckt. Zunächst überwogen bei solchen Fällen aber die Zweifel – so hiess es etwa, die chinesische Geschäftsfrau habe womöglich doch zumindest milde Symptome gehabt, aber diese einfach dem Jetlag zugeschrieben.

«Es war schockierend»

Als Covid-19 auftauchte, gingen die meisten Experten lange davon aus, dass es wie bei anderen Coronaviren sein würde. «Wir dachten, die Sache läuft wie bei Sars: eine lange Inkubationszeit und keine Übertragung während dieser Inkubationszeit», sagt Lauren Ancel Meyers von der University of Texas. Selbst aus Risikogebieten in China und anderswo durften Flugpassagiere daher zunächst einreisen, wenn sie nicht gerade husteten oder Fieber hatten. «Wir haben uns selbst und gegenüber der Öffentlichkeit versichert, dass Kontakt mit einer symptomfreien Person ungefährlich ist», sagt Dr. Jeff Duchin von den Gesundheitsbehörden im Bezirk King County im US-Staat Washington.



Meyers wertete derweil verfügbare Informationen aus China zu Infektionsketten aus. Nachdem sie dabei auf mehr als 50 Fälle gestossen war, in denen es offenbar noch vor dem ersten Auftreten von Symptomen zu einer weiteren Ansteckung gekommen war, informierte sie Ende Februar die US-Gesundheitsbehörde CDC. «Als wir uns die Daten ansahen, dachten wir: ‹Oh nein, das kann nicht wahr sein›», sagt die Wissenschaftlerin. «Es war schockierend.»

Ohne flächendeckende und regelmässige Tests ist es unmöglich, zu wissen, wie viele symptomfreie Menschen infiziert sind. Als das Coronavirus Anfang Februar auf dem Kreuzfahrtschiff «Diamond Princess» ausbrach, bot sich Wissenschaftlern daher eine seltene Gelegenheit. Ein Team um den Londoner Forscher Houben entwickelte ein mathematisches Modell, um das Infektionsgeschehen an Bord des isolierten Schiffes zu simulieren. Ihr Ergebnis: Asymptomatische Träger «können wesentlich zur Übertragung beitragen».

USA waren «mit allen Dingen langsam»

Für diese These sprachen bald auch Erkenntnisse von Duchin im US-Staat Washington. Hier ergab die Untersuchung eines Ausbruchs in einem Altenheim, dass Pflegekräfte das Virus auch in andere Einrichtungen gebracht hatten. Einige von ihnen hatten offenbar gearbeitet, nachdem sie sich selbst angesteckt hatten, aber bevor bei ihnen Symptome aufgetreten waren. Später zeigte sich bei einem Massentest in einem anderen Pflegeheim, dass mehr als die Hälfte der positiv getesteten Bewohner symptomfrei waren – wenngleich die meisten von ihnen danach noch welche entwickelten.

Etwa zur gleichen Zeit befassten sich die Behörden des King County mit einer Cocktail-Party in einer Wohnung in Seattle. Obwohl keiner der etwa 30 Gäste erkennbar krank gewesen war, wiesen später 40 Prozent von ihnen Covid-19-Symptome auf. Spätestens da war für Duchin klar, dass im Kampf gegen dieses Virus ein ganz anderer Gang eingelegt werden musste. «Diese Krankheit wird extrem schwer zu kontrollieren sein», habe er damals gedacht, sagt er.



In den folgenden Wochen, als in grösserem Massstab getestet wurde, bestätigte sich der Verdacht, dass sehr viele infizierte Personen keine Symptome haben – in einem Quartier in San Francisco ebenso wie auf einem Flugzeugträger im Pazifik. Entsprechend gab es in immer mehr Ländern Empfehlungen oder Vorgaben zum Tragen von Gesichtsmasken.

Vonseiten der US-Behörden wird kritisiert, China habe wichtige Erkenntnisse bezüglich der «stillen Ausbreitung» des Coronavirus zu spät öffentlich gemacht. Der Experte Topol betont allerdings, dass die USA auch eigene Testprogramme hätten initiieren können. Damit hätten womöglich viele der Todesfälle im Land verhindert werden können. «Wir waren in den USA mit allen Dingen langsam», sagt Topol. «Und ich muss sagen, dass es beschämend ist.»

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