Warum wir die Rückkehr ins Grossraumbüro überdenken sollten

Von Runa Reinecke

30.4.2020

Eine Untersuchung aus Südkorea lässt vermuten, dass sich das SARS-CoV-2-Virus im Grossraumbüro wohlfühlt. (Symbolbild)
Bild: Getty Images 

Raus aus dem Homeoffice, zurück zu den Arbeitskolleginnen und -kollegen in die Firma? Ein Beispiel aus dem ansonsten als vorbildlich geltenden Südkorea zeigt, dass das vielleicht keine so gut Idee ist.

Nach dem über mehrere Wochen andauernden Lockdown stehen die Zeichen in der Schweiz auf Lockerung. Sollen im Zuge der schrittweisen Öffnung auch bald wieder im Büro tätige zurück an den angestammten Arbeitsplatz?

Erst gestern empfahl der Bundesrat den Unternehmen an einer Pressekonferenz, die pandemiebedingte Heimarbeit für ihre Mitarbeitenden vorerst weiterzuführen. Überfüllte Züge, Busse oder Trams könnten nicht nur zu einer Überlastung des öffentlichen Verkehrs führen, sie dürften auch der Verbreitung des neuartigen Coronavirus Vorschub leisten.

Zudem sind die Auflagen, die es seitens der Unternehmen zum Schutz ihrer Mitarbeitenden einzuhalten gilt, streng: Neben den vom Bundesamt für Gesundheit empfohlenen Hygienemassnahmen darf in den Büros nur mit Sicherheitsabstand gearbeitet werden. Das könnte für einige Unternehmen schon aufgrund räumlicher Gegebenheiten zur grossen Herausforderung werden.

Ansteckungsherd Grossraumbüro

Im Umgang mit der Coronavirus-Krise wird immer wieder Südkorea als positives Beispiel genannt. Trotz eines heftigen Ausbruchs im Februar gelang es dem ostasiatischen Staat, die Infektionskurve im weiteren Verlauf auch ohne Lockdown flach zu halten: Cluster von Infizierten wurden hier schon seit Beginn der Pandemie früh entdeckt, Infektionsketten wurden zurückverfolgt.



Damals gingen mehr als 60 Prozent aller Infektionen auf Anhänger der Sekte Shincheonji Jesu zurück, die sich regelmässig in einem Gemeindehaus versammelten, sich gegenseitig ansteckten und das Virus auch auf Personen in ihrem Umfeld übertrugen. Die Regierung setzte auf restriktive Quarantänemassnahmen von Infizierten und deren Kontaktpersonen.

Wie in anderen asiatischen Ländern gehören Atemschutzmasken auch in Südkorea zum Alltag. Dort gilt es als unhöflich, insbesondere zu Zeiten einer Pandemie, im öffentlichen Raum keine Maske zu tragen. Sogar Stoffmasken können in Speicheltröpfchen gebundene Viruspartikel zurückhalten und dadurch die Ansteckungsgefahr für andere Personen minimieren.

Auch für den Träger besteht ein, wenn auch nur geringfügiger, Selbstschutz: «Hustet oder niest jemand in meiner Nähe, so ist es theoretisch möglich, dass grössere Tröpfchen von einem Durchmesser von mindestens fünf Mikrometern zurückgehalten werden», sagt der Infektiologe Woo-Joo Kim vom Korea University Guro Hospital im Interview mit «Asian Boss».



Das ist dem Professor zufolge immer noch besser, als gar keine Maske zu tragen. Deutlich effektiver für den Selbstschutz sind sogenannte FFP2-Masken. Durch sie gelänge es, wie Labortests zeigten, Tröpfchen von einem Durchmesser von etwa 0,3 Mikrometern abzuwehren.

Jeder Zweite infiziert

Ob das Tragen von Masken in Südkorea, das in Sachen Infektionsschutz ansonsten vorbildlich funktioniert, auch in allen Büros oberstes Gebot ist? Dort wurde in einem Grossraumbüro auf der elften Etage eines Hochhauses am 8. März eine Person positiv auf das neuartige Coronavirus getestet. Wenig später musste das gesamte Gebäude gesperrt werden. Alle im Haus tätigen und dort wohnenden 1'143 Menschen wurden auf das SARS-CoV-2-Virus getestet: Von den 216 Callcenter-Mitarbeitenden, die alle auf der elften Etage des Hauses tätig waren, wurde fast die Hälfte positiv getestet.

Das Grossraumbüro: Auf jedem in blau-grün markierten Platz sass eine mit SARS-CoV-2 infizierte Person. Auffällig: Die geringere Anzahl Infizierter auf der linken Seite.
Bild:  Centers of Desease Control and Prevention

Von den 97 Personen mit positiven Testresultaten arbeiteten 94 auf der elften Etage des Gebäudes. Offenbar war es dem Virus gelungen, sich unbemerkt unter den Arbeitskolleginnen und -kollegen zu verbreiten, bevor die positiven Testergebnisse des ersten Falles vorlagen.

Auch die Kontaktpersonen der Infizierten wurden von koreanischen Wissenschaftlern untersucht: Von den 225 Personen, die mit den Betroffenen Kontakt hatten, zeigten nur 34 Personen einen positiven Befund. Die Ansteckungsrate lag mit 16,2 Prozent also deutlich unter der der sich im Callcenter befindlichen Mitarbeitenden (43,5 Prozent).

«Das Ausmass des Ausbruchs zeigt, wie eine Arbeitsumgebung, in der wenig physische Distanz zwischen den Mitarbeitenden besteht, zu einem Ort mit hohem Risiko für die Verbreitung von Covid-19 und möglicherweise zu einer Quelle weiterer Übertragung werden kann», heisst es in einer Publikation der südkoreanischen Wissenschaftler, die von den Centers of Disease Control and Prevention veröffentlicht wurde.

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