Viele Corona-Kranke leiden noch Monate später an Symptomen

Julia Käser

16.11.2020 - 17:22

Müdigkeit Frau Krankheit
Zahlreiche Corona-Betroffene fühlen sich auch Wochen später noch krank. 
Bild: Getty Images

Die Forschung steht noch am Anfang, dennoch verdichten sich die Hinweise darauf, dass viele Corona-Erkrankte noch wochenlang mit Symptomen kämpfen müssen. Was steckt hinter dem «Long Covid»?

269'974 Personen sind in der Schweiz bisher nachweislich am Coronavirus erkrankt. Die meisten von ihnen sind mittlerweile wieder genesen. Gesund fühlen sich deshalb aber längst nicht alle. 

Anhaltende Müdigkeit, Atemnot, monatelanger Verlust des Geruchsinns und Gedächtnisprobleme: Die Berichte über die Langzeitfolgen einer Corona-Infektion häufen sich. Haben Patientinnen und Patienten vier Wochen nach der Corona-Erkrankung noch immer mit Beschwerden zu kämpfen, sprechen Fachpersonen vom sogenannten «Long Covid».

Eine einheitliche Definition des Krankheitsbildes fehlt, denn es sind vielfältige Symptome, die auch Wochen nach einer Covid-19-Infektion noch auftreten können. Besonders häufig scheint bei «Long Covid» aber eine starke Müdigkeit bis hin zu Erschöpfungszuständen im Zentrum zu stehen. 

Viele litten an einer Lungenentzündung

So zeigt eine neu veröffentlichte Studie aus Irland mit 128 Teilnehmenden, dass rund die Hälfte der Corona-Erkrankten sechs Wochen nach der Infektion nach wie vor mit Müdigkeit zu kämpfen haben. Die Stärke der Covid-19-Erkrankung spielt dem Forschungsteam zufolge keine wesentliche Rolle für die nachfolgende Erschöpfung.

Hilfe für Betroffene

Zusammen mit der Selbsthilfe Zürich hat der Verein «Leben mit Corona» eine Selbsthilfegruppe für Betroffene von «Long Covid» und ihre Angehörigen ins Leben gerufen. Das erste Treffen soll am Mittwoch, 9. Dezember als Video-Konferenz stattfinden.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Studie der Gemelli-Klinik aus Rom. Gut die Hälfte der 143 untersuchten Corona-Erkrankten, die allesamt im Spital behandelt werden mussten, kämpften auch zwei Monate nach der Infektion noch mit Müdigkeit. 43 Prozent klagten zu diesem Zeitpunkt über Atemnot und 27 Prozent über Gelenkschmerzen. 

Zu beachten gilt jedoch, dass gut 70 Prozent der untersuchten Patientinnen und Patienten an einer Lungenentzündung als Folge der Corona-Infektion litten. Laut dem Studienteam kommt es bei Lungenentzündungen im Allgemeinen manchmal vor, dass Spätfolgen auftreten. 

Auch Gedächtnisprobleme treten auf 

Das deutsche Robert-Koch-Institut verweist darauf, dass verlässliche und repräsentative Daten aufgrund der Neuartigkeit des Coronavirus zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorlägen. Erkenntnisse aus bisherigen Forschungsarbeiten würden jedoch darauf hindeuten, dass rund 40 Prozent der hospitalisierten Erkrankten mit längerfristigen Folgen kämpften.

Von den mild Erkrankten würden rund zehn Prozent auch vier Wochen nach der Infektion noch über Symptome klagen  – also unter «Long Covid» leiden. Nebst der oft genannten Müdigkeit liessen sich bei ihnen auch längerfristige Merkstörungen, Gedächtnisprobleme oder Wortfindungsstörungen feststellen. 

Ein Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des King's College London kam zum Schluss, dass eine von 20 Personen auch zwei Monate nach der Ansteckung gesundheitlich eingeschränkt ist. In der Studie untersuchten sie knapp 4200 Covid-19-Erkrankte. Ältere Personen und Frauen waren überdurchschnittlich oft von «Long Covid» betroffen. 

Besonders oft litten die Betroffenen unter Erschöpfung, Kopfschmerzen und Atemnot und Geruchsstörungen. Aber auch Herzrasen wurde als Symptom des «Long Covid» vermehrt genannt. 

Neue Studie aus Zürich

Einen verhältnismässig hohen Anteil an Fällen von «Long Covid» fanden Forschende vom Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention der Universität Zürich. Demnach spüren ein Fünftel aller Covid-19-Patientinnen und -Patienten sechs Monate nach der Ansteckung noch Folgen der Erkrankung.

Die Befragung von 105 Covid-19-Patienten der ersten Welle habe ergeben, dass erst 77 Prozent von ihnen nach einem halben Jahr wieder vollständig gesund seien. Die Daten der Uni Zürich sind bis jetzt jedoch noch nicht veröffentlicht und sollten deshalb zurückhaltend beurteilt werden. 

Die Langzeitfolgen einer Corona-Infektion beschränken sich jedoch nicht nur auf den Körper. Eine kürzlich publizierte Studie der Lancet Psychiatry zeigt, dass bei 18 Prozent der über 62'000 Teilnehmenden innert 90 Tagen nach der Infektion psychische Probleme aufgetreten sind. Bei anderen Erkrankungen ist diese Rate deutlich kleiner. Die am meisten auftretenden psychischen Symptome waren Angst- und Schlafstörungen sowie Demenz. 

Psychische Folgen und Entzündungen am Herzen

Hinweise gibt es auch darauf, dass gerade Menschen, die schwer an Corona erkranken, an einer weiteren psychischen Folge leiden können. Erleben Patientinnen und Patienten beispielsweise starke Atemnot und Ohnmachtsgefühle, kann das mitunter eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auslösen. 

Schliesslich häufen sich Berichte über anhaltende Schäden in verschiedenen Organen wie etwa Lunge, Niere und Herz. Auch dazu gibt es erst wenige wissenschaftliche Arbeiten und kaum verlässliche Daten. Die Zusammenhänge zwischen den Coronaviren und den Beeinträchtigungen sind längst nicht abschliessend geklärt. 

Eine Studie des Universitätsklinikum Frankfurt mit 100 Teilnehmenden hat jedoch ergeben, dass 78 von ihnen zwei Monate nach der Ansteckung entzündliche Veränderungen am Herzen aufwiesen. Die Stärke der Erkrankung spielte dabei keine Rolle.

Welche Auswirkungen dies für Betroffene langfristig hat – und ob sogar kleinere Herzschäden bestehen bleiben, ist laut der Studie noch unklar. Dafür müsse man die Patientinnen und Patienten über eine längere Zeit untersuchen. 

Zurück zur Startseite