Dreimal so gut wie ausgeschieden: Tottenhams irrer Weg in den Final

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27.5.2019

Die Tottenham Hotspur qualifizierten sich dramatisch für den Champions-League-Final.
Bild: Getty

Keine neuen Stars, grosse Verletzungssorgen und hochdramatische Spiele. Dass die Tottenham Hotspur im Endpiel der Champions League stehen, grenzt an ein Wunder. Das war der unglaubliche Weg der Spurs ins Endspiel.

Wohl nicht einmal der optimistischste Tottenham-Fan hätte vor der Saison auch nur einen Franken darauf gewettet, dass sein Team am 1. Juni im Final der Champions League um den Titel spielt. Während Finalgegner Liverpool seinen Kader im Sommer mit Ausgaben von über 200 Millionen Franken verstärkte, gaben die Spurs keinen Rappen aus. Sie gingen mit dem gleichen Team in die Saison, das im Vorjahr in der Königsklasse bereits in den Achtelfinals gescheitert war.

Wegen des neuen Stadions, das schliesslich im April dieses Jahres mit grosser Verspätung eröffnet wurde und rund 1,3 Milliarden Franken gekostet hat, wurde Coach Mauricio Pchettino kein Geld für neue Stars zur Verfügung gestellt. So blieb die Erwartungshaltung vor der Saison auch eher klein.  Vor allem in der Champions League, wo die Spurs in die Hammergruppe mit Barcelona, Inter Mailand und PSV Eindhoven gelost wurden.

Tottenham und die späten Tore

Die Königsklasse begann dann auch alles andere als traumhaft mit einer Last-Minute-Pleite bei Inter Mailand. Darauf folgte eine 2:4-Heimniederlage gegen Barcelona und ein enttäuschendes 1:1 in Eindhoven. Tottenham war schon so gut wie ausgeschieden, zumal auch im vierten Gruppenspiel, dem Heimspiel gegen PSV, lange die nächste Pleite drohte. Bis zur 78. Minute lagen die Holländer nämlich in Führung, ehe Harry Kane zunächst ausgleichen und in der 89. Minute Tottenham sogar noch zum Sieg schiessen konnte.

Die Hoffnung aufs Weiterkommen war wieder da, doch die Spurs wussten, dass sie nun auch gegen Inter und Barça punkten müssen. Und genau das taten sie. Christian Eriksen schoss Tottenham gegen die Mailänder in der 80. Minute zum 1:0-Sieg. Und Lucas Moura traf schliesslich im letzten Gruppenspiel in Barcelona in der 85. Minute zum 1:1-Ausgleich. Weil auch Inter gleichzeitig zuhause gegen Eindhoven nur 1:1 spielte, qualifizierte sich die Pochettino-Elf dank des besseren Torverhältnis tatsächlich doch noch für die Achtelfinals.

Gegen den damaligen Bundesliga-Leader Dortmund, der zu diesem Zeitpunkt gerade mal zwei Saisonspiele verloren hatte, waren die Londoner klar der Underdog. Zumal im Hinspiel mit Harry Kane und Dele Alli gleich zwei Schlüsselspieler verletzt ausfielen. Doch Tottenham gewann das erste Duell gleich mit 3:0 und zog dann dank dem starken Goalie Hugo Lloris und einem 1:0 im Rückspiel überraschend in die Viertelfinals ein.

Der VAR Gottes

Da wartete mit Manchester City der nächste grosse Brocken. Und es wurde so richtig dramatisch. Nach dem 1:0-Sieg im Hinspiel (Heung-min Son schoss das Siegtor in der 78. Minute, die Citizens verschossen einen Penalty) folge ein denkwürdiges Rückspiel, das an Dramatik nicht zu überbieten war: Nach 21 Minuten waren bereits fünf Tore gefallem, City führte 3:2. Sergio Agüero erhöhte dann auf 4:2, was bedeutete, dass Tottenham mit diesem Resultat ausgeschieden wäre.

Doch Fernando Llorente drückte den Ball nach einer Ecke in der 73. Minute bei der gefühlt einzigen Tottenham-Chance in der zweiten Hälfte über die Linie. Die Spurs hingen in der Schlussphase in den Seilen und City-Stürmer Raheem Sterling schoss in der Nachspielzeit tatsächlich noch das vermeintliche 5:3, welches die «Sky Blues» wieder in die Halbfinals gebracht hätte. Doch weil es seit dieser Saison den Videoassisten gibt, gab es für die Spurs ein Happy End, da Vorlagengeber Agüero eine Fussspitze zu weit vorne stand. Die Tottenham-Fans erfanden nach Schlusspfiff gleich den passenden Song «VAR, my Lord».

Dramatischer geht nicht. Oder doch? Gegen Ajax lag Tottenham im Halbfinal nach drei von vier Halbzeiten mit 0:3 zurück, ehe die Stunde von Lucas Moura schlug. Nach seinem Blitz-Doppelpack setzte der Brasilianer in der 96. Minute – praktisch mit Schlusspfiff – noch einen obendrauf und traf zum 3:2-Auswärtssieg, der Tottenham aufgrund der Auswärtstorregel zum Weiterkommen verhalf.

Zum dritten Mal in dieser Champions-League-Saison waren die Spurs eigentlich schon so gut wie draussen, doch irgendwie schafften sie es immer wieder, das Ruder noch umzudrehen.

Wie unglaublich Tottenhams Einzug in den Final ist, unterstreichen folgende Statistiken:

▶ In acht der zwölf Partien lagen die Spurs zumindest zwischenzeitlich in Rückstand.

▶ Tottenham schoss nur drei seiner 20 Tore in der ersten Halbzeit.

▶ Acht Tore fielen erst in den letzten 15 Minuten, darunter die Siegtreffer gegen Inter, Eindhoven, Manchester City und Ajax sowie das wichtige Ausgleichstor im letzten Gruppenspiel gegen Barça.

▶ In Sachen Transferausgaben hielten sich die Spurs in den letzten vier Jahren zurück – europaweit nur Platz 22.

▶ Harry Kane, der wichtigste Spieler, verpasste nicht nur das Achtelfinal-Hinspiel gegen Dortmund, sondern auch das 3:4 bei ManCity sowie die beiden Halbfinal-Duelle gegen Ajax.

Mit dem Finaleinzug haben die Spurs etwas Unglaubliches erreicht. Gewinnen sie auch noch gegen Liverpool, wäre es zumindest für Trainer Pochettino ein Fussball-Wunder. Der argentinische Coach würde sich in London unsterblich machen, auch wenn er bereits angedeutet hat, dass er den Klub bei einem allfälligen Erfolg verlassen könnte. Pochettino: «Die Champions League mit Tottenham unter diesen Umständen zu gewinnen, wäre ein fantastischer Abschluss meiner Arbeit in den vergangenen fünf Jahren. Dann müsste ich mir überlegen, ob ich was anderes mache. Denn ein solches Wunder kannst du nicht wiederholen.»

Spurs-Coach Mauricio Pochettino (l.) kann wohl immer noch nicht fassen, was er geschafft hat.
Bild: Getty

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