Kommentar Viel tiefer fallen als Lance Armstrong kann man kaum

Von Patrick Lämmle

3.6.2020

Lance Armstrong will reinen Tisch machen – wieder einmal.
Lance Armstrong will reinen Tisch machen – wieder einmal.
Bild: Keystone

Wären Lance Armstrongs Dopingsünden nie ans Licht gekommen, er wäre als einer der grössten Sportler in die Geschichte eingegangen. Seit Jahren scheint er bemüht, sein Image reinzuwaschen. Es bleibt beim Versuch.

Sport-Dokumentationen geniessen in Zeiten von Corona Hochkonjunktur. Bei ESPN läuft derzeit die Doku «LANCE», in der der US-Amerikaner reinen Tisch machen will. Doch was soll der Zuschauer überhaupt noch erfahren? 2013 legte der siebenfache Tour-de-France-Sieger sein umfängliches Doping-Geständnis ab. Die Vergehen zu leugnen, wäre zu diesem Zeitpunkt allerdings auch kaum noch möglich gewesen, die Schlinge zog sich längst bedrohlich zu.



Dass Armstrong, der mit 25 Jahren an Hodenkrebs erkrankte, sich an die Spitze gekämpft hat und die wichtigste Radrundfahrt siebenmal gewinnen konnte, das bleibt eine beachtliche Leistung. Armstrong abzusprechen, dass er ein Spitzenathlet war, das würde zu weit führen. Ohne Doping hätte er den Radzirkus nicht derart dominieren können, zu den besten hätte er wohl dennoch gehört. Doping allein macht aus einem mittelmässigen Athleten noch lange keinen Seriensieger, das geht oftmals vergessen. Und waren seine ärgsten Konkurrenten vielleicht nicht auch vollgepumpt mit unerlaubten Substanzen?

Wie dem auch sei, es versteht sich von selbst, dass man einen Dopingsünder für seine Erfolge nicht feiern soll. Denn Armstrong war ein eiskalter Betrüger und er geht zurecht als solcher in die Geschichte ein – und nicht als Held. Dass er nun mithilfe einer Doku all seine Vergehen offenlegen will, das ist kein Akt von Grösse. Wenn er dafür Lob erwartet, dann wähnt er sich im falschen Film.

«Eine Frau eine Hure zu nennen, war völlig inakzeptabel»

Im zweiten Teil der Doku wird er gefragt, was das Schlimmste sei, das er je getan habe. Der Zuschauer erwartet eine rasche Antwort, doch Armstrong überlegt lange: «Wahrscheinlich ist es, wie ich Emma O'Reilly behandelt und wie ich über sie gesprochen habe. Das ist vermutlich das Schlimmste.» O'Reilly? Noch nie gehört? Sie war zwischen 1996 und 2000 Armstrongs Masseurin, Physiotherapeutin und persönliche Assistentin beim US Postal Service Cycling Team. Sie half lange, alles zu vertuschen.

Als sie 2004, elf Jahre vor Armstrongs Geständnis, an die Öffentlichkeit ging, startete der Radstar eine Offensive gegen sie, unterstellte ihr, alles erfunden zu haben. Damals behauptete Armstrong, sie tue das, weil sie sauer aufs Team sei: «Sie hat Angst, dass wir sie als Hure, oder was auch immer, outen.» Zudem sei sie eine Alkoholikerin.

Rückblickend sagt Armstrong: «Eine Frau eine Hure zu nennen, war einfach völlig inakzeptabel. Ich glaube, es ist echt schwierig, schlimmer zu sein als das.» Und doch hat er es getan. Warum nur? «Weil ich ein Idiot war und im vollen Angriffsmodus. Deshalb habe ich es getan. Ich hätte alles gesagt.» Wer sagt, er sei ein Idiot gewesen, der sagt zwischen den Zeilen auch, dass er es nicht mehr ist.



Armstrong ist tief gefallen und mit jedem weiteren Geständnis fällt er nur noch tiefer. Und warum sollte man ihm überhaupt noch etwas glauben? Seine ganze Karriere war das reinste Lügenkonstrukt und er hat Leute diskreditiert, die die Wahrheit sagten. Vielleicht hätte man ihm gar nicht erst eine so grosse Plattform bieten sollen, um sich erneut ins Rampenlicht zu katapultieren. Denn in Vergessenheit zu geraten, das scheint für Lance Armstrong die schlimmste aller Strafen zu sein.


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