«2019 steht eine grössere Veränderung an.» Beni Huggel, 41, Ex-Fussballer und Coach

Anna Meier, Kein Hochglanzmagazin

3.12.2018

Foto: Silvan Dietrich/Leica

Erst mit 21 Jahren startete Beni Huggel als Fussballprofi durch, dafür aber richtig: Mit dem FC Basel wurde er 7x Schweizer Meister und spielte 41 Partien mit der Schweizer Nationalmannschaft. Mit 41 Jahren wagt er einen Neustart als Coach von Führungskräften.

Wir treffen uns an einem nebligen Tag auf dem Basler Münsterplatz. Kalt und grau präsentiert sich dieser Ort, den Beni Huggel für unser Treffen ausgesucht hat. Nicht den Barfüsser- oder Marktplatz, wo der Klub zusammen mit den Fans die grössten Erfolge feierte, jeweils in einem bunten Menschenmeer.

Hier: menschenleer. Dieser Gegensatz passt zu Beni Huggel. Der ehemalige Fussballstar liebt Menschen, aber meidet privat grosse Menschenansammlungen, fiel schon während seiner aktiven Sportlerkarriere auf durch seine Andersartigkeit. Er entsprach nie dem typischen Klischee des erfolgsverwöhnten Fussballers: Blitzgescheit und differenziert kann man mit ihm über alles parlieren. Ein belesener, vielseitiger Mann, dieser Beni Huggel.

Am 7.7.77 geboren, spielt die Zahl 7 auf eigentümliche Weise eine Rolle in seinem Leben. Ein Gespräch über 7-Jahres-Rhythmen, die Bundesratswahl und (Wut-)Ausbrüche.

Anna Maier und Beni Huggel auf dem Basler Münsterplatz. Foto: Silvan Dietrich/Leica

«Ich war ein Langsamstarter.»

Anna Maier: Ende Jahr ist – auch bei dir – Zeit zur Reflexion. Ich weiss von dir, dass du dann die Agenda durchgehst und schaust, was im vergangenen Jahr alles passiert ist. Wie war dein 2018?

Beni Huggel: Mein Sommer stand natürlich vor allem im Zeichen der Fussball-Weltmeisterschaft in Russland, wo ich als Experte beim Schweizer Fernsehens im Einsatz war. Danach war ich drei Wochen im Urlaub. Das heisst, den Sommer durch war ich fast zwei Monate unterwegs. Das war sehr prägend.

Beruflich bin ich daran, neue Weichen zu stellen: Anfang Jahr habe ich eine Weiterbildung abgeschlossen. Ja, es lief recht viel in diesem Jahr.

Du scheinst gerne zurück zu schauen. Ist das ein bewusster Entscheid, um Dinge im neuen Jahr anders zu machen?

Nein, ich schaue nicht nur zurück. Ich schaue auch sehr viel voraus, was im 2019 gehen wird. Wenn sich mein Leben in 7-Jahres-Schritten verändert, wie das bisher der Fall war, dann ist es so, dass nächstes Jahr eine grössere Veränderung anstehen würde.

Um die Bibel zu bemühen: Befindest du dich am Ende der sieben fetten oder der sieben mageren Jahre?

Der sieben mageren (lacht). Theoretisch müssten jetzt die sieben fetten Jahre kommen.

Es gibt ja Menschen, die sehen diesen 7-Jahr-Rhythmus im Leben als gegeben. Glaubst du daran?

Ja, das hat schon was. Man kommt zur Welt und mit sieben beginnt die Schulzeit. Mit 14…

…hast du das Gymnasium noch nicht hingeschmissen, oder?

Noch nicht! (lacht) Da war ich aber schon schlecht in der Schule. Ich habe mich durchgemogelt. Die Pubertät. Mit 21 wurde ich Profi-Fussballer, sehr spät. Mit 28 Jahren wechselte ich ins Ausland zu Eintracht Frankfurt. Mit 35 Jahren beendete ich meine Karriere. Und nächstes Jahr werde ich 42.

Du hast vor einiger Zeit ein Coaching gemacht, was du bis zum Jahr 2019 erreichen möchtest. Und?

Was ich mir damals vorgenommen habe, habe ich umgesetzt.

Was denn?

Zum Beispiel, dass ich gewisse Dinge hinter mir lasse aus der Fussballkarriere. Ich war am Schluss meiner Karriere etwas gar negativ.

Was war der Auslöser für diese Negativität?

Wahrscheinlich hatte es damit zu tun, dass etwas wegbrach, was für mich sehr wichtig war, was mich ausgezeichnet hat. Meine Profi-Karriere hat mir Bestätigung gegeben. Mein Name stand dafür. Ich hatte wohl recht viel Mühe mit dem Schritt, diese Karriere aufzugeben. Ich habe zwar immer gesagt, dass ich ja freiwillig aufgehört habe, aber es ist im Profisport eben nie ganz freiwillig.

Was waren denn die eigentlichen Gründe, wenn du dein Karriereende heute aus einer gewissen Distanz anschaust?

Ein Grund war, dass es bei Basel so nicht mehr weitergegangen wäre. Ich hätte den Verein wechseln können, das wollte ich aber nicht.

Wegen des Alters?

Ja, auch wegen des Alters. Aber vor allem wegen der Gesundheit. Meine Knie zeigten Verschleisserscheinungen. Jedes Jahr, welches ich länger auf dem geforderten, hohen Niveau gespielt hätte, hätte dieses Problem verschlechtert.

Du sagst, du seist zu negativ gewesen. Wie hat sich das geäussert?

Am Ende meiner Karriere wusste ich so viel über Fussball wie nie zuvor. Ich habe das Spiel gespürt. Ich hätte dir prozentual sagen können, wie die Waage eines Spieles steht, selbst wenn es 0:0 stand. Jegliche Feinheiten spürte ich wahnsinnig gut, war geistig in Topform. Und genau zu diesem Zeitpunkt wurde mir bewusst, dass der Körper nicht mehr auf diesem Level mitmachen kann.

Das ist brutal.

Ja, sehr. Und dann habe ich gedacht, dass ich Trainer werden will.

Und es war dir sehr ernst damit?

Oh ja! Ich habe mich voll in das Thema reingestürzt. Ich musste dann aber merken, dass es ein ganz anderer Job ist als der des Spielers. Man hat weniger Hebelwirkung, als ich es als Spieler hatte.

Foto: Silvan Dietrich/Leica

«Für mich war an diesem Punkt Schluss.»

Als Trainer kannst du den Spieler nur bis zu einem gewissen Grad formen.

Das ist genau der Punkt, der mich desillusioniert hat. Und mich hat die Frage beschäftigt: Wie viele von den Spielern, die ich trainiere, haben effektiv die Kapazitäten, das zu begreifen, was ich ihnen beibringe? Wie viele wollen wirklich etwas lernen oder sagen zwar «Ja!», aber setzen nicht um.

Ich musste gerade schmunzeln, als du sagtest, dass du so ehrgeizig seist und es dich wahnsinnig gemacht habe, wenn andere nicht denselben Biss zeigten. Ich habe mir versucht vorzustellen, wie sich deine Eltern gefühlt haben müssen, als ihr Sohn, in den sie so viel Liebe investiert hatten, eine Zeit lang alles machte, was ihren Wunschvorstellungen widersprach.

Hast du mit meinen Eltern telefoniert?

Nein, aber ich weiss, dass du in einem gutbürgerlichen Haushalt aufgewachsen bist und als Teenager ziemlich rebelliert hast. Du hast nur noch Fussball gespielt und das Gymnasium hingeschmissen. Was war das für eine Phase?

Ich habe irgendwann einfach bemerkt, wo meine Stärken liegen und wo sie mehr wert sind. Beim Sport erhielt ich meine Anerkennung. Die Schule selber war mühsam für mich. Ich wuchs aber in einer Familie auf, in der Bildung sehr wichtig war. Und ich habe stets entgegnet, dass man mit Wissen gar nichts anfangen könne.

Wenn ich mir übrigens anschaue, was unsere Kinder heute lernen, dann hat sich in den Schulen wenig geändert. Zu unserer Zeit gab es noch kein Internet, heute kann man sich sein Wissen komplett ergoogeln und trotzdem geht es in den Schulen oft nur um Wissensvermittlung. Da frage ich mich manchmal, wie es denn um die Kompetenzentwicklung steht. Aber das ist ein anderes Thema.

Auf jeden Fall habe ich mich im Gymnasium überhaupt nicht wohlgefühlt. Ich hatte vom Fussball viele Freunde aus den unterschiedlichsten Schichten. Auch Realschüler, mit denen ich immer noch sehr gut befreundet bin. Mir wurde mitgegeben, dass man alle Menschen gleich behandelt – egal, was sie erreicht haben, egal, wer sie sind. Dafür bin ich sehr dankbar.

Im Gynmasium war ich umgeben von teilweise sehr elitären Menschen, die ihr ganzes Leben schon verplant hatten: Mit der Anwaltsprüfung oder der Arztpraxis, die sie vom Vater übernehmen sollten.

Ich war aber auch einfach schlecht, weil ich einfach zu wenig gelernt hatte.

Foto: Silvan Dietrich/Leica

«Ich brauchte ein Korsett mit klaren Strukturen.»

Warum suchst du diese Anerkennung so sehr?

Du bist die Erste, die das rausfindet.

Das braucht nicht wahnsinniges Fingerspitzengefühl.

Ja, und weil…

Ähm, weichst du jetzt aus?

Ich wollte zuerst noch die vorherige Frage fertig beantworten: Warum ich Landschaftsgärtner werden wollte. Für mich war es gut, mich in einem Korsett zu bewegen, welches klare Strukturen hatte.

Wirklich? Das erstaunt mich jetzt wieder. Du befreist dich aus einem Korsett, um freiwillig in ein anderes gepresst zu werden?

Das Korsett davor hatte keine Strukturen.

Und die brauchst du?

Heute brauche ich sie nicht, aber damals hat es mir gutgetan.

Du wolltest, dass man dir einen klaren Auftrag erteilt, den du erfüllen konntest?

Richtig. Ich war dann auch in der Berufsschule plötzlich gut. Das hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich habe die Lehre gut abgeschlossen.

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