Spiele-Kritik

Wie leidvoll es sein kann, in die Haut von Federer zu schlüpfen

Von Roman Müller

6.3.2020

In «AO Tennis 2» ist Roger Federer nur über Umwege im Spiel verfügbar.
Bild: Big Ant Studios

Wegen einer Knieoperation müssen Federer-Fans bis zur Rasensaison auf ihren Liebling verzichten. Nicht ich. Denn ich bin in «AO Tennis 2» einfach mal in seine Haut geschlüpft, was ziemlich anstrengend war.

Es sind harte Zeiten für Federer-Fans. Eine Operation zwingt ihn aktuell zur Pause. Doch wie übersteht man die Zeit ohne den Maestro? Vielleicht mit einer guten Partie Tennis auf der Playstation 4. Deshalb habe ich kurzerhand das aktuellste Tennisspiel für die PS4 unter die Lupe genommen: «AO Tennis 2».

Ich durchforste zum Start etwas die Menüführung, die durchaus übersichtlich gestaltet ist und starte eine neue Karriere, das Herzstück des Spiels. Dann der erste Schock: Kein Roger Federer zur Auswahl! Zu meinem Vergnügen fehlt aber mit Novak Djokovic auch einer seiner grössten Rivalen. Dafür sind Rafael Nadal, Stan Wawrinka oder bei den Frauen Belinda Bencic mit dabei. Glücklicherweise haben die Entwickler eine Mod-Sektion eingebaut, mit welcher man zusätzliche Spieler integrieren kann. Gut 40'000 andere Zocker sind mir bereits zuvorgekommen und haben die Federer-Mod runtergeladen.

Der harzige Start einer neuen Karriere

Also nichts wie los an die Karriere mit dem verletzungsfreien Federer. Anders, als wenn ich mit einem neu erstellten Nobody spiele, startet ein Starspieler bereits mit guten Skills und in meinem Fall gar auf der Weltranglistenposition 1. Wie man es von anderen Tennisspielen kennt, kann ich Woche für Woche mit Turnieren, Trainingseinheiten oder Ruhepausen verplanen. Hier kommt schon mal echtes Federer-Feeling auf: Eine kurze Sandsaison, dafür eine gute Vorbereitung auf Rasen. Lange Pausen nach den Grand Slams und die kleinen, unwichtigen Turniere auslassen. Ganz wie der echte Federer mit dem kleinen Unterschied, dass ich mich für das Turnier in Gstaad anmelde. Schliesslich möchte ich meine Schweizer Fans ja nicht im Stich lassen und endlich wieder mal eine Kuh gewinnen.

So startet mein Jahr mit dem Highlight in Australien, dem «Happy Slam». Mein Erstrundengegner, ein Malteser namens Riccardo Guerra – den es in Echt nicht gibt. Beim Spielervergleich stelle ich erschrocken fest, dass die Skills meines Rogers nicht viel besser sind, als die des Nobodys. Als erfahrener Tenniszocker mache ich mir deswegen aber keine Sorgen. Die Spielerpräsentation ist schön gemacht mit zeitgenössischen Schnitten und Perspektiven, grafisch kein Meisterwerk, aber die Stimmung kommt gut rüber und die Animationen sind ziemlich flüssig.

Beim Spieler-Editor sind einem fast keine Grenzen gesetzt.
Bild: AO Tennis 2

Auch der erste Eindruck des Gameplays ist ähnlich. Die Bewegungen und Schläge wirken realistisch, die Ballphysik stimmt. Die Steuerung ist von der Belegung her ähnlich wie bei den meisten Konkurrenztiteln: Die verschiedenen Schläge wie Slice, Topspin und so weiter sind auf die vier Standard-Knöpfe verteilt, mit den L-Tasten kann man beispielsweise auf Inside-Out wechseln oder Powerschläge ausführen.

Ich versuche mein Schlag-Repertoire so gut es geht auszuschöpfen. Selbst den verpönten «Aufschlag von unten», den man wohl für die Nick-Kyrgios-Fans eingebaut hat, streue ich ein, auch wenn er für ein Raunen bei den Zuschauern sorgt. Nach den Ballwechseln habe ich die Möglichkeit, meinen Emotionen freien Lauf zu lassen. Ich kann dabei zwischen «Engel» und «Teufel», also «anständig» oder «rüpelhaft» wählen – eine erfrischend witzige Idee, die gar Einfluss auf spätere Ereignisse in der Karriere hat.

Teilweise gelingt es mir, den Gegner übers Feld zu hetzen, aber sehr oft landen meine Schläge im Aus. Deshalb ist es nicht ganz verwunderlich, dass ich bei meiner Premiere gegen den maltesischen Nobody sang- und klanglos untergehe. Danach muss ich an der Pressekonferenz meinen Mann stehen und unangenehme Fragen beantworten. Dieser Teil ist wirklich cool gemacht, wenn auch eine uralte Idee. Die Fragen und Antworten sind knackig und originell und meist richtig gut ins Deutsche übersetzt.

Vorsicht, «Alarm»!

Letzteres ist leider nicht immer der Fall. Im Gegenteil, es gibt viele Übersetzungsfehler, die den Spielspass etwas trüben. Seien es Ausdrücke aus dem Tennis-Chargon wie «Gewinnbälle» statt «Gewinnschläge». Das Wort «retournieren» wurde mit «entgegennehmen» übersetzt. Der neue Statistikhype, der «Win Predictor» wurde fast schon verzweifelt anmutend zum «Prädiktor gewinnen». Aber nicht nur tennisspezifische Übersetzungsfehler sorgen für unfreiwillige Komik, sondern auch grundsätzliche. So wurde das Wort «Hinweis» zum Beispiel mit «Alarm» interpretiert.

Auch in Sachen Präsentation fehlt es etwas an Liebe zum Detail. Die Linienrichter sehen in etwa immer gleich aus, wechseln höchstens ihre Kleiderfarben. Die Balljungen sitzen zwar bei jedem Spiel am Netz bereit, bewegen sich aber keinen Zentimeter. Genauso wie die Kameramänner, die neben dem Platz filmen, ohne dabei einen Wank zu machen.

Der schlimmste Fehler ist aber die Verletzungsanfälligkeit der Spieler. Ich habe mit meinem Federer etwa zehn Spiele gespielt und es gab kein einziges Match, indem sich nicht entweder mein Gegner oder ich mich verletzt habe. Bei mir war es abwechslungsweise eine Zerrung im Knie oder ein verstauchter Knöchel. Wenn sich der Spieler verletzt, kann man sich den Physiotherapeuten auf den Platz bestellen, der die Verletzung temporär wieder heilt. Dies kann man in einem Spiel dreimal tun, nach dem dritten Mal gibt der Spieler automatisch und ohne Vorwarnung auf. So wird aus dem Kampf mit einem Gegner ein Kampf gegen Verletzungen.

«Top Spin 4» bleibt die Nummer 1

So lautet mein Credo also «Du musst gewinnen, bevor du dich verletzt». Deshalb mein perfider Plan für das Wimbledon-Turnier: Ich simuliere die ersten paar Partien – so kann man sich nicht verletzten. Und konzentriere mich auf den Halbfinal gegen John Isner. Der Aufschlag-Gigant hat im Spiel übrigens einen deutlich langsameren Service als Federer. Unrealistisch. Was jedoch realistisch ist: Er bewegt sich schlecht.

Ich dominiere den Amerikaner nach Strich und Faden, gewinne den ersten Satz 6:1, muss aber ein erstes Mal den Arzt konsultieren. Den 2. Satz entscheide ich gar mit 6:0 für mich, aber auch hier muss der Physio eingreifen. Die Spannung steigt im 3. Satz. Hält mein Knie? Oder gibt mein Gegner zuerst auf? Ich führe 5:0, kuriere ein letztes Mal meine Verletzung und beim Stand von 15:40 ist fertig. Aufgabe durch Verletzung. Und der Gipfel des Ärgernisses: An der anschliessenden Pressekonferenz werde ich mit der Frage konfrontiert, wie ich eine solch schwache Leistung erklären will. Frust pur!

An solchen Stellen wird man das Gefühl nicht los, dass hier gespart wurde, weil das Spiel pünktlich zum Turnierstart 2020 rauskommen musste. Das ist schade, denn mit etwas mehr Perfektion hätte «AO Tennis 2» durchaus das Potenzial gehabt, das neue beste Tennisspiel auf dem Markt zu werden. So bleibt dieses aus meiner Sicht aber weiterhin «Top Spin 4», welches bereits neun Jahre auf dem Buckel hat.

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