Überzeugen «Marvel's Avengers» auch auf der Konsole?

Pascal Wengi

4.9.2020 - 12:54

Hulk, Thor, Captain America, Iron Man, Ms Marvel und Black Widow sind bereit, die Welt ein weiteres Mal zu retten, dieses Mal auf PS4, Xbox One und PC. 
Bild: Square Enix

Nach dem grossartigen Kinoerfolg halten Marvels Superhelden endlich auch auf den Spielgeräten Einzug. Ob sich das lange Warten für die Fans gelohnt hat? Unsere zweiteilige Kritik liefert Antworten.

Hollywood-Altmeister Martin Scorsese sagte einst über das Marvel Cinematic Universe, dass sich die Superhelden-Filme für ihn eher wie Ausflug in einen Themenpark anfühlen und weniger wie ein Kinostreifen. In gewisser Art und Weise muss man der Regie-Legende recht geben. Egal wie gut und erfolgreich die Filme sind, bieten die Streifen selten filmische Überraschungen oder starke Themen, wie sich das andere Werke trauen, und das sage ich als grosser Marvel-Fan.

Und trotzdem machen die Filme Spass und zwar jede Menge. Wie eine Achterbahnfahrt eben. Adrenalin, Spannung und Nervenkitzel, ohne zu fest darüber nachdenken zu müssen. Dieser Vergleich trifft nun auch sehr gut auf das Videospiel «Marvel's Avengers» von Crystal Dynamics zu, auf positive wie negative Weise.

Grosses Kino

Kamala Khan, welche man über den Verlauf der Einzelspielerkampagne begleitet, ist eine junge, aufgeweckte Teenagerin aus New Jersey und riesengrosser «Avengers»-Fan. Ein Traum wird wahr für sie, als es ihre Fan-Fiction ins grosse Finale am Avengers-Day (A-Day) schafft und sie ihre Geschichte an der Messe zu Ehren der Superhelden persönlich präsentieren darf.

Als Comicfan kann man schon an dieser Stelle mitfühlen, wie gross ihre Vorfreude und Anspannung ist. Die Ausstellung zu Beginn des Spiels, welche als Intro dient, zeigt sich dann auch als wahrer Geek-Traum. Das Level wirkt wie eine Hommage an eine Comic-Messe und bietet jede Menge Anspielungen auf die Filme und Comics der bekannten Superhelden. Dass Kamala dabei völlig in den Fangirl-Modus übergeht und sich nicht mehr zusammenreissen kann, ist für jeden Fan absolut nachvollziehbar und schlicht sympathisch. Kamala ist eine Art Liebeserklärung seitens Marvel an seine Fans.

Das Ende und der Neuanfang der Avengers

Doch leider kommt es nicht zu Kamalas Vortrag, denn der A-Day wird durch einen Anschlag jäh unterbrochen und wird zum Desaster. Der Flugzeugträger der Avengers stürzt in die Bucht von San Francisco und ein Gas entweicht, welches Menschen mutieren lässt und ihnen Superfähigkeiten verleiht. Die Avengers lösen sich aufgrund des Zwischenfalls, an dem sie sich selber die Schuld geben, auf. Captain America stirbt beim Anschlag, Thor, Hulk und Black Widow verschwinden spurlos und Iron Man verliert sein gesamtes Vermögen und lebt irgendwo als Pleitegeier in einem Wohnwagen.



Statt der Avengers sorgt fortan der Megakonzern AIM mit seinen Robotern für Recht und Ordnung in den Strassen und macht Jagd auf jede Person, welche über Superfähigkeiten verfügt, um einen zweiten A-Day zu verhindern. Einzig Kamala scheint den Avengers nachzutrauern und recherchiert auf eigene Faust über die Hintergründe zum Anschlag und stösst prompt auf Beweise, welche sie ins Fadenkreuz von AIM katapultieren.

Doch Kamala ist seit dem Vorfall alles andere als wehrlos, denn sie kam beim Unglück mit einem Gas in Berührung, welche in ihr ebenfalls Superkräfte zum Vorschein brachten und sie zu Ms Marvel macht. Für sie ist klar: Sie muss die Mitglieder der Avengers suchen und wieder vereinen, um die Verschwörung hinter dem Anschlag aufzudecken.

Flexibilität steht ganz sicher in Kamalas Lebenslauf. Durch ihre Polymorph-Fähigkeiten kann sie ihren Körper beliebig strecken und ihre Grösse anpassen. 
Bild: Square Enix

Wenn der Fan zum Fan-Liebling wird

Der Plot wirkt wie ein nie gedrehter Avengers-Film. Crystal Dynamic legte grossen Wert auf eine glaubwürdige Geschichte, welche sich nahtlos ins grosse Marvel Universum einfügt. Es sind nicht einfach fünf bekannte Avengers und eine neue Superheldin, welche man in einen 0815-Story-Eintopf schmeisst und hofft, dass durch deren Bekanntheit etwas dabei rauskommt. Das Spiel erzählt die Geschichte mit viel Rücksicht und Liebe für das Kinouniversum, welches sich Marvel geschaffen hat. Obwohl die Avengers im Spiel aus Lizenzgründen rein optisch ihren Leinwand-Vorbildern nur gering ähneln, bringen sie die Essenz der Figuren perfekt ins Spiel.

Zum Beispiel Fan-Liebling Tony Stark in seiner Rolle als Iron Man ist ein grossmäuliger Playboy, aber charmant und tief im Innern ein liebenswerter Kerl. Seine Dialoge könnten ebenso gut eins zu eins von Robert Downey Jr. eingesprochen worden sein und würden in einem Kinofilm bestens funktionieren.



Auch die zwischenmenschlichen Konflikte unter den Avengers werden spannend und glaubhaft umgesetzt. So gut, dass man sich gar nicht erst traut, eine Zwischensequenz zu überspringen. Kamala Khan, welche später zu Ms Marvel wird, erweitert dabei die Crew gewinnbringend und fügt sich wunderbar in die Heldenriege ein, ohne sich selber aufzuzwingen. Sie ist eine herzliche Bereicherung für die Story und man kann hoffen, dass es ihre Figur irgendwann auch auf die Leinwand schafft.

Inkonsistente Inszenierung

Das auf dem Bildschirm Gezeigte erlebt teils massive Schwankungen. Einige Levels und Abschnitte sehen nach richtigem Next-Gen-Game aus und strotzen nur so von coolem und interessantem Leveldesign. Vor allem die storyrelevanten Missionen zeichnen eine teils recht spektakuläre und stimmige Kulisse. Der Prolog auf der Golden Gate Bridge zeigt hier stellvertretend, was möglich wäre: bombastische Hollywood-Action gepaart mit schönem Leveldesign.

Leider zieht sich dieser Eindruck aber nicht durchs ganze Spiel und ab einem gewissen Punkt wirken die Levels einfach hingeklatscht und lieblos. Der Unterschied von Kampagnen- und Nebenmissionen ist frappant. Zwar sehen die Charaktermodelle durchwegs ansehnlich aus, helfen aber nicht über den Verdacht hinweg, dass man während der Fertigstellung des Spiels irgendwann auf «Hauptsache fertig»-Modus geschaltet hat.

Kamala Khan aka Ms Marvel entdeckt das Wrack des Helicarriers. Ob da drin noch ein Avenger haust?
Bild: Square Enix

Das blanke Chaos

Nach und nach schaltet man in der Story verschiedene Avengers frei, welche ab diesem Zeitpunkt selber gesteuert und aufgelevelt werden können. Insgesamt sechs Helden stehen nach Abschluss der Kampagne zur Verfügung, weitere sollen später noch per kostenlosen Erweiterungen folgen.

Dabei folgt jeder Held einem ähnlichen Steuerschema. Es gibt einen schwachen und starken Angriff, drei Heldenfähigkeiten und eine Abwehr-Funktion. Doch auch wenn im Grunde die Steuerung dieselbe ist, spielen sich die sechs Avengers komplett unterschiedlich. Während sich Hulk als Tank-Klasse Gegnerhorden gerne frontal und mittendrin stellt, bevorzugt Black Widow als Assassine den Angriff in den Rücken der Gegner und geht schnell in den Kampf rein und wieder raus.

Obwohl die Steuerung der Helden schnell erlernt ist und Fähigkeiten dank Skillpunkten stetig verbessert werden können, sind Kämpfe alles andere als blindes Knöpfedrücken. Ausser bei Bosskämpfen trifft man immer auf eine sehr grosse Anzahl Gegner und fordert durch die stetig einprasselnden Angriffe einiges an Reaktions- und Taktikgeschick. So müssen Konterfähigkeiten perfekt getimed werden und unparierbaren Angriffen in letzter Sekunde ausgewichen werden. Sonst droht schnell der Game-Over-Bildschirm.

Mit vereinten Kräften nimmt es die Heldentruppe mit jedem Gegner auf.
Bild: Square Enix

Vor allem bei Kämpfen gegen grössere Gegnergruppen wird es dann dank der merkwürdigen Kameraführung rasch unübersichtlich und man wird gefühlt aus jeder Bildschirmecke ins Visier genommen. Zwar warnen Icons am Bildschirmrand über Angriffe von ausserhalb des Sichtfelds, aber wenn vier Helden mitten im Kampf sind und sonst schon Dutzende Projektile und andere Effekte den Bildschirm füllen, kann es passieren, dass man diese Warnungen gar nicht mehr sehen kann. Die Kämpfe machen ordentlich Spass, verfügen aber auch über ein grosses Frustpotenzial, wenn man vor lauter Chaos gegnerische Angriffe kaum mehr erkennt und somit das Zeitliche segnet.

Zwischenfazit zur Singleplayer-Kampagne

Zwar ist die Hauptkampagne mit rund zehn Stunden Spielzeit etwas gar kurz, aber ein Muss für Marvel-Fans. Die Story weiss zu packen und bietet jede Menge Fanservice. Technisch lässt sich vor allem bemängeln, dass die Kämpfe übersichtlicher sein dürften und dafür die Menge an zielsuchenden Geschossen von ausserhalb des Bildschirms etwas heruntergeschraubt werden könnte. Grafisch erlebt man Höhen und Tiefen von cineastischen Avengers-Momenten bis hin zu lieblosen Retorten-Umgebungen. Es wirkt fast so, als ob die Entwickler ein grandioses Einzelspieler-Abenteuer produziert hätten, mittendrin dann plötzlich ein Onlinespiel daraus machen wollten und die Qualitätsanforderung einfach runterschraubten.

Der zweite Teil unserer Kritik folgt in den nächsten Tagen. Darin werden wir gezielt auf den Multiplayer-Teil und das Endgame eingehen und das Spiel in seinem gesamten Umfang bewerten.


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