Rechtsextremes soziales Netzwerk unfreiwillig offline

dj

11.1.2021

Der tödliche Putschversuch am Mittwoch wurde auf Parler angekündigt und gefeiert.
Der tödliche Putschversuch am Mittwoch wurde auf Parler angekündigt und gefeiert.
Keystone

Nachdem sich quasi alle Geschäftspartner abgewendet haben, ist das bei US-Rechtsextremen beliebte Social-Media-Netzwerk Parler seit diesem Morgen offline. Auf der Plattform wurde vielfach zum Sturm auf das Kapitol aufgerufen.

Das soziale Netzwerk Parler, das offenbar im erheblichen Masse für die Planung des gewaltsamen Umsturzversuches am US-Kapitol genutzt wurde, ist seit diesem Morgen für unbestimmte Zeit offline. Amazon Web Services (AWS), der Cloud-Dienst des Versand-Giganten, der die Server zum Betrieb von Parler bereitstellte, kündigte die Zusammenarbeit auf.

Zuvor hatten erst Google und dann Apple die Parler-App aus ihren App Stores entfernt. Das plötzliche Ende von Parler folgt dem Sturm von Donald-Trump-Anhängern auf das Kapitol. Diese hatte sich vielfach auf Parler vernetzt und dort explizit die Ermordung von Trump-Gegnern angekündigt. Parler-CEO John Matze sagte hingegen noch am Mittwoch — während der Sturm auf das Kapitol andauerte — in einem Interview mit der «New York Times», er sehe es nicht als seine «Verpflichtung» an, solche Inhalte von seiner Plattform zu entfernen.

Keine Interesse an Moderation

Das sahen seine Geschäftspartner ganz anders. Google entfernte am Freitag ohne Vorwarnung die Parler-App aus dem Play Store, Apple setzte Parler am gleichen Tag ein Ultimatum. Die Plattform solle innert von 24 Stunden einen Plan zur Moderation von Inhalten präsentieren — eine Forderung, die Parler nicht erfüllen wollte und konnte. Denn über die Löschung von Inhalten entschied auf der Plattform hauptsächlich eine «Jury» von anderen Nutzern. Da aber quasi alle Parler-Nutzer rechtsextremistisches Gedankengut hegen, kann man sich vorstellen, welche Inhalte diese Jury für akzeptabel hält und welche nicht.

Der Todesstoss für Parler war allerdings die Entscheidung von AWS, nicht mehr die Server für den Betrieb der Plattform zur Verfügung zu stellen. AWS ist Weltmarktführer bei Cloud-Computing, selbst Netflix nutzt AWS zum Streamen seiner Inhalte an die Kunden. In einem Brief an Parler schrieb AWS laut «Buzzfeed News», dass Parler offensichtlich keinen Plan habe, gewaltanstiftende Inhalte von seiner Plattform zu entfernen.

Parler wittert Verschwörung

Matze sprach zunächst von einer «Big Tech»-Verschwörung gegen sein Unternehmen, die die Meinungsfreiheit einschränken und die eigenen Monopole schützen wolle. Kurz vor der Abschaltung versuchte er es denn plötzlich mit einem versöhnlicheren Ton und sagte, dass er Gewalt ablehne und doch nur einen «höflichen Diskurs» ermöglichen wolle.

Auch seine Prognose, wie lange Parler offline bleiben werde, änderte Matze. Nachdem er zunächst von 24 Stunden ausgegangen war, sagt er nun, seine Plattform bleibe wohl auf unbestimmte Zeit vom Netz. Grund sei, dass niemand mehr mit Parler Geschäfte machen wollen. Selbst die eigenen Anwälte hätten sich von Parler abgewendet. Die nötige Infrastruktur zum Betrieb einer Plattform mit Millionen Nutzer selbst zu beschaffen, wäre teuer und zeitaufwendig.

Hinzu kommt, dass nicht ersichtlich ist, wie und ob Parler überhaupt Einnahmen geniert. Laut einem Bericht des «Wall Street Journals» war die Milliardärsfamilie Mercer der Hauptfinancier von Parler. Diese steckte bereits hinter anderen rechtsextremen Projekten, wie der Website «Breitbart» oder dem vom Facebook-Datenskandal bekannten Cambridge Analytica. Ob die Mercers allerdings durch die dauerhafte Finanzierung einer Plattform, auf der offenkundig Terroranschläge geplant werden, weitere Aufmerksamkeit auf sich ziehen wollen, bleibt abzuwarten.

Andere Websites gingen ins Ausland

Parler ist nicht die erste US-Plattform, die auf diese Weise vom Netz genommen wurde. Ein ähnliches Schicksal blühte in den letzten Jahren den ebenfalls rechtsextremistischen Seiten Gab, 8chan oder Daily Stormer. Diese gingen teilweise wieder online, indem sowohl Betreiber als auch Server ins Ausland verlegt wurden. Aber selbst Wikileaks wurde 2010 von AWS rausgeschmissen.

In seinen letzten Stunden wurde Parler zudem noch Opfer eines massiven Lecks. Aktivisten gelang es offenbar, sämtliche auf Parler veröffentlichten Posts und Fotos herunterzuladen. Letztere enthielten auch Metadaten, wie Ort und Zeitpunkt der Aufnahme. Da viele der Möchtegern-Putschisten vom Mittwoch freimütig ihre Aktivitäten auf Parler dokumentierten, könnte hier einiges an inkriminierendem Material zu finden sein.

Trump blieb lieber auf Twitter

Parler war immer wieder im Gespräch als freundliche Plattform für den abgewählten Trump. Im vergangenen Sommer wollte Trumps damaliger Wahlkampfmanager Brad Parscale den Präsidenten dazu bewegen, sich doch auf Parler anzumelden. Doch der blieb lieber Twitter treu, das ihn am Freitag endgültig verbannte. 

Jetzt ist also beides keine Option mehr und Trump jammert über Zensur. Stattdessen könnte er seine Proklamationen natürlich einfach auf der eigenen Website veröffentlichen oder bei seinen Freunden von «Fox News» anrufen. Alternativ könnte er sich auch einfach in den Aufzug im Weissen Haus begeben, um ein Stockwerk von seinen Wohnräumen zum eigens für diesen Zweck eingerichteten Pressezentrum zu fahren und dort mit den Amerikanern zu sprechen. All das scheint ihm derzeit allerdings zu viel Aufwand zu sein.


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