Was ein Politiker erlebt, seit er seinen Twitteraccount gelöscht hat

Michael Angele

15.1.2019 - 12:23

Schluss. Aus. Der deutsche Grünenchef Robert Habeck ist dann mal weg.
Bild: Screenshot Twitter

Donald Trump? Twittert, als ob es kein Morgen gäbe. Angela Merkel? Lässt twittern. Der deutsche Spitzengrüne Robert Habeck? Twittert nicht mehr – doch dies nicht ungestraft.

Deutsche Journalisten sind für Schweizer Verhältnisse in einem unvorstellbaren Masse hämisch. Die Häme kommt allerdings nie direkt daher. «Der Kerl muss stürzen, dann geht es mir besser» – so hört oder liest man es nie. Sondern: «Das kann nicht mehr lange gut gehen. Warten wir mal ab, bis er den ersten Fehler macht.»

Genau so habe ich es gehört, als es um Robert Habeck ging. Der Vorsitzende der deutschen Grünen hat bis vor Kurzem eine brillante Figur abgegeben, das mussten auch Journalisten zugeben, die die Grünen für eine Partei halten, die vor allem von Vielfliegern gewählt wird, die insgeheim ihre Bestrafung herbeisehnen.

Der mitunter angenommene Heiligenschein geht jedem Politiker einmal flöten, auch Robert Habeck.
Bild: Keystone

Zum Glück für diese Leute hat Habeck nun einen Fehler gemacht. Nein, in Wahrheit hat er gleich zwei gemacht. In einem Clip, der ins Netz gestellt wurde, hatte er die Thüringer beleidigt. «Wir versuchen, alles zu machen. Damit Thüringen ein offenes, freies, liberales Land wird, ein ökologisches Land.»

Dummes Zeugs

Das ist natürlich dummes Zeugs, und Habeck hat auch eingesehen, dass es das ist. Er ist in sich gegangen und musste feststellen, dass er in den sozialen Medien zu einer Art Tier wird. «Offenbar triggert Twitter in mir etwas an: aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu sein – und das alles in einer Schnelligkeit, die es schwer macht, dem Nachdenken Raum zu lassen», schrieb er in seinem Blog.

Das klingt nicht verkehrt. Die Konsequenz ist dann das Twittern einfach zu lassen.

Würde der amerikanische Präsident damit aufhören, würde man von einem Segen sprechen. Bei Bob Woodward kann man nachlesen, wie sein Umfeld versucht hat, Trump vom Twittern abzubringen, als er den Konflikt mit Nordkorea durch Kurzmeldungen so anheizte, dass ein Atomkrieg gefährlich näher rückte.

Dennoch war es nicht Bewunderung, was Habeck entgegenschlug, als er nun verkündete, seinen Twitter-Account zu löschen. Unserer erhitzten Mediengesellschaft kehrt man nicht ungestraft den Rücken. Sie braucht den Stoff von Twitter. Also erntet Habeck nun reichlich Häme, und das selbst da, wo ihm eigentlich zugestimmt wird.

Schlimmster aller möglichen Vorwürfe

Der aktuelle «Spiegel» gibt ihm lang und breit recht, um dann zum schlimmsten Vorwurf zu greifen, den man derzeit in Deutschland erheben kann: Habecks Ausstieg aus den sozialen Medien sei Ausdruck der «eigenen moralischen Überlegenheit».

Ähnliches wirft man Angela Merkel in der Flüchtlingsfrage vor. Die Kanzlerin hat übrigens einen Twitteraccount. Aber sie legt erkennbar keinen persönlichen Wert auf diese Art der Kommunikation und lässt ihr Team twittern. So geht es natürlich auch.

Künftig liefert der Berner Michael Angele hier regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend.

Michael Angele, 55, bildet zusammen mit Jakob Augstein die Chefredaktion der Wochenzeitung «Der Freitag». Angele ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Berlin. Berndeutsch kann er aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt».

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