Experte über «Yellowjackets»

«Man findet heute mehr Gewalt in TV-Serien als früher»

Von Manuel Kellerhals

12.3.2022

«Game of Thrones», «Squid Game» und jetzt «Yellowjackets»: Bei den Serien-Hits der letzten Jahre fliesst auffällig viel Blut. Wieso ist das so? 

Von Manuel Kellerhals

12.3.2022

Kannibalismus, Amputationen ohne Narkose, Pfählungen: In dem TV-Drama «Yellowjackets» geht es blutig zu und her. 

Trotz – oder gerade wegen – zahlreicher Szenen, bei denen zart Besaitete am liebsten wegschauen, wurde die Fernseh-Serie für seinen Sender «Showtime» (hierzulande läuft die Serie auf «Sky») zum Mega-Erfolg. Woche für Woche schalteten allein in den USA Millionen von Zuschauern ein, um mitzuverfolgen, wie eine Gruppe im Wald gestrandeter Teenie-Mädchen um ihr Leben kämpfen muss. 

Auch TV-Kritiker überhäufen «Yellowjackets» mit Lob. Auf der Website «Rotten Tomatoes», die Kritikerstimmen sammelt, hat die Serie mit 100 Prozent positiven Reviews das begehrte Zertifikat «Fresh» erhalten.

«Mehr Gewaltdarstellungen im TV als früher»

Dass eine Serie mit so drastischen Gewaltszenen zu einem TV-Phänomen wird, wäre vor nicht allzu langer Zeit noch undenkbar gewesen. Heute gehören sogenannte Splatter-Szenen aber zum guten Ton, wie Kultur-Experte Maximilian Jablonowski im Gespräch mit blue News sagt. 

«Mein Eindruck ist tatsächlich, dass man heutzutage mehr explizite Gewaltdarstellungen in TV-Serien findet als früher», sagt der Dozent am Institut der populären Kulturen der Universität Zürich. «In den Nuller-Jahren fand man sie vor allem in Genre-Filmen, etwa im Horror-Kino. Heutzutage sind Elemente wie abgetrennte Köpfe im Mainstream angekommen.» 

Es ist ein Eindruck, den auch Genre-Filmemacher teilen. Der Berner Johannes Hartmann arbeitet derzeit an seinem Spielfilm-Debüt «Mad Heidi». In der Action-Satire, in der die Schweizer Kult-Figur Heidi gegen ein brutales Militär-Regime kämpft, fliesst das Kunstblut schon im Trailer literweise. Früher wäre Hartmann wegen solchen Effekten bei der Finanzierung wohl vor grossen Hürden gestanden. Heute holt er trotz Sackmesser-Folterszenen sogar das SRF als Co-Produzenten an Bord. 

«Gewalt in Film und TV ist salonfähig geworden», sagt der Regisseur dazu. «Eine normale Folge von ‹The Walking Dead› ist blutiger als alles, was noch vor ein paar Jahren für Kontroversen gesorgt hat. Die Gesellschaft hat sich in gewisser Weise an solche Darstellungen gewöhnt.» 

Grösseres Budget für Effekte

Das hat laut Maximilian Jablonowski mehrere Gründe: In den letzten zehn Jahren fand in der Öffentlichkeit eine Aufwertung von sowohl TV-Serien als auch Genre-Filmen, in denen Splatter-Szenen vorkommen, statt: «Horrorfilme gewinnen wichtige Preise an Film-Festivals, blutige Serien wie ‹Game of Thrones› oder ‹The Walking Dead› brechen Zuschauerrekorde.» 

Das wiederum habe Einfluss auf die Budgets von solchen Serienkrachern, was wiederum die Verbreitung fördert: «Gute Splatter-Effekte sind teuer, vor allem wenn man sie wie etwa bei ‹Game of Thrones› realistisch gestalten will. Dank der Aufwertung haben TV-Produktionen heute das Budget dafür. Das wäre früher noch undenkbar gewesen.» 

Doch was macht die Faszination von der Brutalität am Bildschirm überhaupt aus? Schliesslich rufen sie bei so manchem Zuschauern eher den Impuls aus, weg- anstatt hinzuschauen. Für Jablonowski liegt genau da der Punkt. «Grob gesagt ist das sogenanntes ‹Körper-Kino›. Es löst körperliche Reaktionen wie etwa Ekel oder Furcht aus. Eigentlich sind das negative Gefühle, aber weil man sie aus einer sicheren Situation erlebt, wandelt sich ihre Wahrnehmung.»

Dabei kann es auch um Ablenkung gehen: «Wenn man im Alltag gestresst ist, schaut man sich gern eine Serie an, die einen so richtig durchschüttelt und so auf andere Gedanken bringt. Und oft ist es so, dass extreme Eindrücke extreme Reaktionen hervorrufen. Durch erhöhte Gewaltdarstellungen wird man emotional involvierter. Das ist, was viele Menschen suchen.» 

Auch Regisseur Johannes Hartmann spielt gern mit der Reaktion des Publikums. Für mich als Filmemacher sind explizite Gewaltszenen ein wahnsinnig spannendes Instrument, sagt der Filmemacher. Man kann die Gewalt etwa so übertreiben und ins Lächerliche ziehen, dass sie mit Humor aufgenommen wird. Sogar mein 80-jähriges Grosi hat beim ‹Mad Heidi›-Trailer verstanden, dass es lustig gemeint ist. Mit realistischen Gewaltszenen könne ausserdem eine Seite des Lebens gezeigt werden, die der Zuschauer niemals selbst erleben will: Das ist für den Menschen spannend.

Doch wohin führt die gesteigerte Verwendung von Splatter-Szenen im TV? Werden bald auch TV-Soaps im Nachmittagsprogramm mit Kunstblut auftrumpfen? Esperte Jablonowski winkt ab: «Es ist nicht von einer weiteren Steigerung auszugehen. Es gibt immer Konjunkturen. Sprich: Die Wahrnehmung von solchen Serien nimmt auch wieder ab, andere ästhetische Aspekte rücken dann wieder stärker in den Vordergrund.» TV-Fans, die sich Splatter-Szenen nicht ansehen können oder wollen, müssen sich also keine Sorgen machen: «Für sie werden auch weiterhin Serien produziert.»