Meilenstein Vor 100 Jahren kam der erste schwule Film in die Kinos

tsch

30.5.2019

«Anders als die Andern» gilt als erster Film der Geschichte, der sich mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzt. Vor 100 Jahren feierte das Liebesdrama seine Premiere.

Dieser Film hat alles, was ein guter Blockbuster braucht: eine spannende Kriminalstory, einen bewegenden Plot über zwei Liebende und ein flammendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit. Und tatsächlich: «Anders als die Andern» wurde ein Erfolg an den Kinokassen. Und das, obwohl er ein Thema behandelte, das damals, im Mai 1919, ein Tabu war: «Anders als die Andern» war der erste Film der Geschichte, der von einem Homosexuellen erzählte. Am 28. Mai vor 100 Jahren feierte er in Berlin Premiere und polarisierte sofort. «Von allen Seiten ertönten Pfui-Rufe, man johlte, schrie und pfiff», notierte eine Zeitung damals. Eine andere urteilte hingegen, der Film sei eine «geschmackvolle Behandlung des heiklen Stoffes». «Ist ‹Anders als die Andern› unsittlich?», fragte ein drittes Blatt.

Der Wiener Richard Oswald drehte «Anders als die Andern» kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs in Berlin. Oswald, Jahrgang 1880, war Experte für reisserische Stoffe. Zwei Jahre zuvor hatte er «Es werde Licht!» produziert, einen Streifen über Geschlechtskrankheiten, später drehte er den Zweiteiler «Die Prostitution» über Grossstadtdirnen. «Vor hundert Jahren wäre ich kein Filmregisseur geworden, sondern wahrscheinlich Löwenbändiger», sagte Oswald einmal. Dass «Anders als die Andern» mehr ist als ein sensationsheischender Streifen, ist einem anderen zu verdanken: Magnus Hirschfeld. Der 1868 in Kolberg geborene jüdische Arzt und Sexualwissenschaftler schrieb zusammen mit Oswald das Drehbuch und diente ihm als wissenschaftlicher Berater. Schon 1897 hatte Hirschfeld – vergeblich – versucht, eine Strafrechtsreform anzustossen. Sein Ziel: die Abschaffung des Paragrafen 175, der Sex zwischen Männern unter Strafe stellte. «Anders als die Andern» sollte nun Stimmung gegen das Gesetz machen. Hirschfeld hatte erkannt, welche Kraft das neue Medium Film besass.

Eine Liebe bis in den Tod

Der Stummfilm erzählt die tragische Geschichte des Musikers Paul Körner. Entsetzt liest der feingliedrige Mann in der Morgenzeitung von all den Selbstmorden, die sich zuletzt in Berlin ereignet haben – junge Männer, die sich ohne ersichtlichen Grund das Leben genommen haben. Für Körner ist klar: Es sind Menschen wie er, Homosexuelle, denen die Kraft fehlt, in einer feindlichen Gesellschaft zu bestehen. Körner nimmt den jungen Kurt unter seine Fittiche, soll ihm das Klavierspielen beibringen. Zwischen den beiden Männern, dem Lehrer und dem Schüler, entwickelt sich eine Romanze. Kurts Vater bleibt das nicht verborgen, er verbietet Kurt, Körner wiederzusehen. Doch ein Sexualwissenschaftler, gespielt von Hirschfeld, belehrt ihn: «Sie dürfen über ihren Sohn nicht schlecht denken, weil er homosexuell ist. Seine Veranlagung ist völlig unverschuldet. Sie ist weder ein Laster noch ein Verbrechen, ja nicht einmal eine Krankheit, sondern eine Variante, einer der Grenzfälle, wie sie in der Natur zahlreich sind.»

Wenig später sieht man Körner und Kurt Arm in Arm durch einen Berliner Park spazieren. Ein Erpresser wird auf das Paar aufmerksam. Als er Körner später in dessen Wohnung besucht, fordert er Geld und droht, Körner wegen des Paragrafen 175 anzuzeigen. Körner zahlt, doch der Erpresser will immer mehr. Schliesslich finden sich beide vor Gericht wieder. Drei Jahre Zuchthaus wegen Erpressung lautet das eine Urteil, eine Woche Gefängnis wegen Verletzung des Paragrafen 175 das andere. Körner ist nun ein geächteter Mann, wird auf der Strasse nicht mehr gegrüsst, seine Konzertagentur kündigt ihm den Vertrag. In seiner Verzweiflung sieht Körner nur noch einen Ausweg und nimmt sich das Leben. An seinem Totenbett kniet Kurt.

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«Eine Zensur findet nicht statt»

«Anders als die Andern» liegt heute nur noch in einer stark verstümmelten Version vor. Mithilfe von Fotos und zeitgenössischen Notizen hat das Filmmuseum München den Film rekonstruiert und vor wenigen Jahren auf DVD veröffentlicht. Überlebt hatte nur eine umgeschnittene Version aus dem Jahr 1927, in einer ukrainischen Exportfassung. Denn obwohl «Anders als die Andern» zunächst ein Erfolg in den deutschen Kinos war, schlug bald die Zensur zu. Nach dem Krieg hatte sich Weimar eine fortschrittliche Verfassung gegeben – «Eine Zensur findet nicht statt», hiess es darin.

Doch schon 1920 wurde ein spezielles Gesetz zur Filmzensur erlassen, «Anders als die Andern» wurde ihr erste Opfer. Der Film mache gemeinsame Sache mit der «homosexuellen Seite» und sei voreingenommen. Im Oktober desselben Jahres wurde «Anders als die Andern» verboten. Proteste gegen den Film, von katholischen und protestantischen Gruppen sowie von antisemitischen Hetzern, taten ihr Übriges.

Magnus Hirschfeld, der Mann hinter dem Film, wurde wenig später auf offener Strasse angegriffen, die «New York Times» meldete schon den Tod des berühmten Wissenschaftlers. Und im Münchner Hofbräuhaus hetzte Hitler gegen das «Judenschwein» Hirschfeld. Für Conradt Veidt, den Hauptdarsteller von «Anders als die Andern», hatte sein Auftritt hingegen keine Konsequenzen. Nur ein Jahr später drehte er «Das Cabinet des Dr. Caligari», einen der wichtigsten deutschen Filme der Stummfilmzeit, nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten arbeitete er in Hollywood. Veidt sei «das schönste Mädchen auf der Strasse», schrieb die amerikanische Drehbuchautorin Anita Loos damals über den heterosexuellen Schauspieler, «da sich in Berlin jede Nachtschwärmerin am Ende als Mann entpuppen könnte».

Dass «Anders als die Andern» ausgerechnet in Deutschland gedreht wurde, war kein Zufall. Berlin war in den Zwanzigern die schwule Welthauptstadt. Unzählige Kneipen für Lesben, Schwule und Transvestiten eröffneten in der Stadt, auf den Strassen wurden ganz offen Dutzende Zeitschriften für Homosexuelle verkauft – die «Freundschaft» für Schwule, «Frauenliebe» für Lesben und sogar ein Heft namens «Transvestit».

Berlin, schwule Hauptstadt der Welt

In Deutschland, schreibt der Historiker Robert Beachy in «Das andere Berlin», herrschte damals «eine nahezu einzigartige Freiheit, was die Darstellung realistischer homosexueller und lesbischer Charaktere und ihrer Beziehungen betraf». Trotz des Paragrafen 175 liess die Berliner Polizei die Szene, die Homosexuelle aus der ganzen Welt anzog, weitgehend in Ruhe. Berlin wurde zum Mekka für schwule Sextouristen aus allen Ländern Europas.

Die Botschaft, die «Anders als die Andern» vermittelte, ist überraschend aktuell. In einer Rückblende zeigt der Film, wie der Musiklehrer Körner vergeblich versucht, seine Homosexualität mithilfe einer Hypnosetherapie zu «behandeln». Heute, 100 Jahre später, wird in Deutschland noch immer darüber diskutiert, solche «Konversionstherapien» zu verbieten. «Die Liebe zum eigenen Geschlecht kann ebenso rein und edel sein wie die zum anderen Geschlecht. Diese Veranlagung findet sich bei vielen braven Menschen in allen Bevölkerungsschichten», erklärt Hirschfeld dem verzweifelten Klavierlehrer. Dass Homosexualität etwas ganz Natürliches ist, war ein revolutionärer Gedanke.

Schon lange ein Thema

1867 hatte sich der Anwalt Karl Heinrich Ulrichs auf dem Juristentag in München als wohl erster Mann in der Geschichte der Moderne geoutet. Von ihm stammte der Gedanke, dass Sexualität nicht wandelbar ist, sondern angeboren. In Deutschland, so der Historiker Beachy, sei damals die Homosexualität nachgerade «erfunden» worden.

Auch wenn «Anders als die Andern» der erste einer ganzen Reihe von «queeren» Filmen der Weimarer Republik war – «Michael» etwa erzählte 1924 von der Liebesbeziehung eines Malers zu seinem männlichen Model, «Mädchen in Uniform» 1931 von der unerfüllten Liebe zwischen einer Lehrerin und ihrer Schülerin –, erreichte Magnus Hirschfeld sein Ziel mit seinem Film nicht: Der Unrechtsparagraf 175 wurde in der Bundesrepublik erst 1969 entschärft, und es dauerte bis ins Jahr 1994, bis er schliesslich aus dem Strafgesetzbuch verschwand.

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