«Die NASA beschrieb die Mutterschaft als ‹Gesundheitsproblem›»

Marlène von Arx, Los Angeles

10.9.2020 - 07:00

Astronautin zu werden war ein Kindertraum von Hilary Swank. Als Leaderin einer Mars-Mission in der Serie «Away» musste sich die Schauspielerin jedoch mit einer wachsenden Angst konfrontieren.

Hilary Swank, 46, hebt ab ins All: In der Serie «Away», die zurzeit auf Netflix läuft, führt die zweifache Oscar-Preisträgerin («Million Dollar Baby», «Boys Don’t Cry») eine Mission zum Mars an. Dabei gibt es nicht nur Probleme im All, sondern auch bei ihrem kranken Mann und der Tochter zu Hause. Die Schauspielerin kann die Doppelbelastung gut nachvollziehen, kümmert sie sich doch seit Jahren um ihren lungenkranken Vater. Inzwischen geht es ihm jedoch besser und Hilary Swank kann beruflich wieder voll durchstarten – wenn die Coronapause es wieder zulässt.

In der neuen Netflix-Serie ‹Away› führen Sie eine Mission zum Mars an. Wären Sie für ein Weltall-Abenteuer zu haben?

Ich liebe Abenteuer und die Weltraumforschung halte ich für sehr spannend. Ich wollte sogar Astronautin werden, bevor ich mich in die Schauspielerei verguckte. Aber ich möchte nicht drei Jahre aufwenden, um zum Mars zu fliegen. Der Trip müsste kürzer sein. Zudem gibt es ein kleines Problem.

Welches denn?

Ich habe beim Drehen der Serie festgestellt, dass ich fürchterliche Platzangst habe. Ich trug diesen schweren Anzug. Handschuhe und Helm wurden festgeschnallt, sodass ich alleine nicht raus konnte. Bei der Kostümanprobe wurde ich fast ohnmächtig. Ich wurde knallrot und fing an zu Schwitzen, aber ich wollte niemandem etwas sagen aus Angst, man würde mich feuern. Die Zeit hätte gereicht, um eine neue Schauspielerin zu verpflichten.



Wie sind Sie über die Angst hinweggekommen?

Mit Kräutern, Akupunktur und dem Vertrauen auf die Leute um mich herum, die bereitstehen mussten, um mich sofort zu befreien, wenn ich die Krise bekam. Ich habe erst jetzt gemerkt, wie real Phobien eigentlich sind. Vorher sagte ich allen, sie sollen doch einfach ruhig durchatmen und sich zusammenreissen. Aber jetzt sehe ich das anders. Je älter ich werde, desto schlimmer wird es mit meiner Platzangst. Vor Kurzem bin ich aus der New Yorker Subway gerannt, weil schon die Treppe vollgestopft und die Decke so tief war. Ich bin total ausgerastet.

Das sind ja keine guten Vorzeichen fürs coronabedingte Zuhause-Bleiben. Oder war das nicht so schwierig für Sie?

Das geht. Ich habe ein ziemlich grosses Wohnzimmer. Als der Lockdown anfing, war ich wegen der Beerdigung meiner Grossmutter in Iowa. Es war nicht einfach, meinen Vater, der eine Lungentransplantation hatte, von da wieder nach Los Angeles zu bringen. Aber wir haben es geschafft. Ich schaue weiter zu meinem Dad und arbeite sonst an meinem Kleider-Label ‹Mission Statement›, wofür ich sonst nicht sehr viel Zeit habe. Wir machen nun auch Masken!

Ihr Vater lebt jetzt schon sechs Jahre bei Ihnen. Geht das gut?

Ja, grossartig. Es ist eine ganz tolle Erfahrung. Es fühlt sich so italienisch an, die Familie um sich zu haben. Wir verstehen uns zum Glück alle bestens. Ich wünschte, ich könnte andere Familienmitglieder auch öfters sehen. Die Zeit, die wir gemeinsam haben, ist ja bekanntlich nicht unendlich.

Als die Gesundheit Ihres Vaters auf der Kippe stand, haben Sie als Schauspielerin eine längere Pause gemacht. Fürchteten Sie nie, dass man Ihnen ein Comeback verwehren könnte?

Das hätte ich wohl tun sollen, denn ich bin schon öfter darauf angesprochen worden. Ich dachte aber darüber nach, was es im Moment zu tun gab und was wichtig war. Und das war, dafür zu schauen, dass mein Vater die beste Chance hatte zu leben. Ich konnte mir das ja leisten. Viele können das nicht. Ich bin bald 30 Jahre im Metier und dachte, ich finde schon wieder etwas. Ich stellte auch fest, dass ich mich nicht nur als Schauspielerin definiere. Ich bereue die Pause also nicht.

Sie haben ja auch gerade Ihren zweiten Hochzeitstag mit dem Unternehmer und Produzenten Philip Schneider gefeiert. Oder ist Ihnen in diesen schwierigen Zeiten nicht zum Feiern zumute?

Doch, ich finde, es ist wichtig, dass man Hochzeitstage und Geburtstage, etc. feiert. Es ist doch schön, jemanden zu zelebrieren, der in mein Leben getreten ist. Da darf man ruhig etwas darüber nachdenken. Ich kann es kaum glauben, dass seit unserer Hochzeit schon zwei Jahre her sind. Das erinnert mich daran, dass die Zeit im Flug vergeht und man daher besser jeden Moment bewusst wahrnimmt.



Ihr Mann hat Ihnen angeblich den Kontakt zur NASA vermittelt?

Ja, durch seine Firma GISH, die für ‹Greatest International Scavenger Hunt› steht. Sie organisieren Schnitzeljagden für einen guten Zweck. Eine Aufgabe war einmal, den Namen GISH ins All zu bringen. Es hatten sich so viele Leute für die Jagd registriert, dass die NASA-Website abstürzte. Die NASA wollte zuerst die Aufgabe gestrichen haben, aber dann kam es zur Zusammenarbeit, schliesslich war dies ja Werbung für sie. Und so sind wir eine der wenigen Produktionen, die im Mission Control Zentrum in Houston filmen durften.

Haben Sie mit Astronautinnen gesprochen?

Ja, zum Beispiel mit Peggy Whitson. Sie hat mehr Missionen geleitet als sonst jemand. Dazu kommt sie aus dem gleichen Ort in Iowa wie meine Mutter! 100 Prozent der Frauen werden von der Presse gefragt, wie sie damit umgehen, ihre Familien zurückzulassen. Die Männer werden das nicht gefragt, als ob Väter in einer Familie nicht auch wichtig wären. Und der Mutterschaftsurlaub wurde als ‹Gesundheitsproblem› deklariert. Aber jetzt machen sie auch bei der NASA Fortschritte, was die Gleichberechtigung betrifft.

In der Serie werden Sie als Missionsleiterin hinterfragt. Sie selber haben eine Produktionsfirma, führen die Luxuskleider-Linie ‹Mission Statement› und die Stiftung ‹Hilaroo›, die in Ferienlagern Kinder aus schwierigen Verhältnissen und Hunde aus Heimen zwecks Vertrauensbildung zusammenführt. Wie gut sehen Sie sich als Chefin?

Ich versuche mein Bestes, in meinen Unternehmen fair und respektvoll anderen gegenüber zu sein ohne meine eigenen Ziele zu kompromittieren. Es ist eine Gratwanderung. Aber wenn man alles mit Respekt, Rücksicht und Ehrlichkeit angeht, kann man nicht fehlgehen. Klar, macht man Fehler. Aber es kommt drauf an, wie man mit diesen umgeht und dass man auch um Verzeihung bittet, wenn man falsch lag. Das gefällt mir an Emma Green in ‹Away›: Es wird nicht als Schwäche betrachtet, dass sie nicht alles weiss und dafür auf die Stärken der anderen baut. Gemeinsam sind wir stark!

Was sagen Sie jenen Leuten, die Raumfahrt für eine Geldverschwendung halten und das NASA-Budget lieber auf der Erde einsetzen würden?

Wir verteilen das Geld in den USA tatsächlich nicht sehr gut. Für die Bildung wird zu wenig und für die Erhaltung unseres Planeten überhaupt nichts ausgegeben. Man kann das sicher so verteilen, dass alle etwas abkriegen. Auch die Raumfahrt, denn die ist sehr wichtig, weil wir dadurch viel über unsere Erde erfahren. Gerade jetzt sehen wir ja aus dem All, welchen Effekt unsere Coronapause auf die Erde hat und dass wir alle – nicht nur unsere Regierungen – etwas zum Wohl unserer Mutter Erde beitragen können.

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