«Dogma 95»: Das Manifest und das Enfant terrible

Fabian Tschamper

12.3.2020 - 18:00

Lars von Trier wurde vom Cannes Film Festival zur persona non grata erklärt. Dies aufgrund seiner verstörenden Kommentare bezüglich des Nationalsozialismus.
Keystone

Realität über allem: Die Filmemacher Lars von Trier und Thomas Vinterberg wollten die Entfremdung des Kinos unterbinden und schufen ein «Keuschheitgelübde» für die Filmindustrie. Ist es heute noch relevant?

Das Manifest «Dogma 95» will, dass Filme so nah an der Realität sind wie nur menschenmöglich. Keine Entfremdung der Wirklichkeit soll stattfinden – Effekte und technische Raffinessen werden verbannt. Auch richten sich die zehn Regeln gegen Illusion und dramaturgische Vorhersehbarkeit im Filmgeschäft.

Die beiden dänischen Regisseure Lars von Trier und Thomas Vinterberg präsentierten das Manifest 1995 – an einer Medienkonferenz im Pariser Odeon-Theater anlässlich des 100. Geburtstags des Films.

Regeln des «Dogma 95»-Manifests

  • Als Drehorte kommen ausschliesslich Originalschauplätze infrage, Requisiten dürfen nicht herbeigeschafft werden.
  • Musik kann nur diegetisch im Film vorkommen, das heisst zum Beispiel in Form einer Band. Sie darf nicht nachträglich eingespielt werden.
  • Aufnehmen darf man nur mit Handkameras.
  • Die Aufnahme erfolgt ausserdem in Farbe, künstliche Beleuchtung ist inakzeptabel.
  • Spezialeffekte und Filter sind verboten.
  • Der Film darf keine Waffengewalt oder Morde zeigen.
  • Zeitliche oder lokale Verfremdung ist verboten – d. h. der Film spielt im Hier und Jetzt.
  • Es darf sich um keinen Genrefilm handeln.
  • Das Filmformat muss Academy 35 mm sein.
  • Der Regisseur darf weder im Vor- noch im Abspann genannt werden.

Schon zu Beginn verstiessen die meisten Dogma-Filme gegen eine oder mehrere Regeln, was dann oft – ironisch oder nicht – reumütig im Abspann erwähnt wurde.

Für Filmemacher stellte dieses Manifest eine riesige Herausforderung dar. Man könnte meinen, es widerspricht allem, wofür Filme stehen: Soll das Kino nicht eine Reise in eine andere Welt oder Zeit sein? «Dogma 95» verhindert dies, allerdings waren die erzählten Geschichten darum immer sehr dicht.

Bekannte Dogma-Filme sind «Das Fest» von Thomas Vinterberg, «Idioten» von Lars von Trier oder auch «Für immer und ewig» von Susanne Bier.

Am 20. März 2005 entschieden die massgeblich beteiligten Regisseure, dass sie die Idee «Dogma 95» mindestens teilweise fallen lassen wollen. Es steht jedem frei, ob sein Film den «Dogma 95»-Kriterien entsprechen soll.

Von Trier ist kein angenehmer Zeitgenosse

Der Urvater dieser Filmtheorie ist der Däne Lars von Trier. Das Enfant terrible scheuchte das Publikum mit seinem ersten Dogma-Film «Idioten» auf. Er zeigte explizite sexuelle Darstellungen und teils sehr gewalttätige Szenen. Sein Werk «Antichrist» wurde von mehreren Quellen «der meistgehasste Film der Welt» genannt.

Bei den Filmfestspielen in Cannes 2011 sorgte von Trier gar für einen Eklat und wurde ausgeschlossen: Bei der Pressekonferenz zu seinem Film «Melancholia» schien er Sympathien und Verständnis für Adolf Hitler zu haben. Der Regisseur entschuldigte sich zwar dafür, konnte das Image aber nie wirklich abschütteln. Erst im Mai 2018 war es ihm wieder gestattet, an den Filmfestspielen in Cannes teilzunehmen.

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