Hautnah dran in Locarno: So hat «Bluewin» Meg Ryan erlebt

von Roland Meier

8.8.2018

Jungs klebten Bilder von ihr in die Schulhefte, junge Frauen wollten sein wie sie: In den 90ern führte kein Weg an Meg Ryan vorbei. «Bluewin» hat sie am Filmfestival in Locarno getroffen.

Was es bedeutet, die Königin der romantischen Komödie einer ganzen Generation zu sein, zeigt wohl am besten eine Episode aus einem New York Taxi, die sich vor ein paar Wochen abgespielt hat. Als der Fahrer Meg Ryan erkannte, fragte er die 56-jährige Schauspielerin. «Ach, Meg Ryan, darf ich Sie nach Paris fahren?». Sowas passiere ihr ständig, erzählt die «French Kiss»-Darstellerin uns Journalisten bei ihrem Besuch am Festival glucksend.

Mit «Harry und Sally» – für viele die beste Rom-Com aller Zeiten - wurde sie weltberühmt. In den Neunzigerjahren konkurrenzierte sie sich mit Julia Roberts um den Titel des «American Sweatheart». Sie war abonniert auf die Rolle der putzigen Blondine. Keine «Femme Fatale», sondern das Mädchen von nebenan. Unvergessen, wie sie in ihren Filmen auf dem Weg zum Traumprinzen – oft in der Gestalt von Tom Hanks – ihren Kopf in Schräglage setzte und dabei süsse Runzeln auf ihrer Stirn formte.

Rückblickend sieht Meg Ryan die Bezeichnung «Sweetheart» aber auch als Last. «Wie jedes Label limitiert es dich auch», sagt sie im Interview in Locarno. Bewusst loswerden wollte sie die Bezeichnung aber nie. Schauspielerin zu werden war nie ihr Traum. Früh berühmt zu werden aber ein Glück, das sie vielleicht auch von den Avancen innerhalb der männlich dominierten Filmindustrie beschützte. Angesprochen auf die #MeToo-Bewegung, meint Ryan: «Ich konnte in ein Vorsprechzimmer gehen und wurde nicht belästigt, was anderen vielleicht hätte passieren können. Ich hätte sowas der Presse stecken können und hatte meinen Agenten.»

Sie liess die Kassen klingeln

Meg Ryan war zeitweise der kassenträchtigste weibliche Star Hollywoods. Ein Status der nicht nur ihr Macht brachte, sondern auch ein ganzes Genre beflügelte. Die Handlungen der romantischen Komödie sind heute um einiges weniger raffiniert als diejenigen von Genre-Spezialistin Nora Ephron (†2012), die Meg Ryan berühmt machten. Die Rom-Com gehört heute zu den Genres, die zwischen den Superheldenfilmen für Teenager auf der einen und den unabhängig produzierten kleinen Filmen auf der anderen Seite im Kino fast nicht mehr stattfinden.

Ryan ist sich dessen bewusst, sieht aber auch Parallelen zu früher: «Meine Filme waren auch damals schon Kontrastprogramm. Der DVD-Markt ermöglichte mittelgrossen Filmen, profitabel zu werden. So mussten nur 20 Prozent der Einnahmen mit Kinoeintritten gemacht werden. Das Heimkino sorgte für den Rest.» Da die DVD nun weg ist, übernimmt das Fernsehen diese Rolle. «Dort laufen heutzutage die intelligenten Dramen. Und zwar erfolgreich mit immer mehr Zuschauern», sagt Ryan. Auch seien die Actionfilme von heute nicht allzu schlecht. Deren Charaktere hätten Tiefe und seien auch mit Humor gezeichnet, meint die Mimin.

New York statt Hollywood

So schnell wird man Meg Ryan aber nicht als Marvel-Superheldin sehen, wie das andere Ladys aus ihrer Zunft in letzter Zeit vormachen. Zuletzt Michelle Pfeiffer im soeben gestarteten Marvel-Film «Ant-Man and The Wasp». Denn Meg Ryan selber hat Hollywood den Rücken gekehrt. Seit zehn Jahren lebt sie in New York. Sie renoviert riesige Wohnungen in Manhattan und verkauft sie mit Millionengewinn weiter. Ihr Sohn Jack, aus der Ehe mit Dennis Quaid, nennt den Vorgang «Meganisieren».

«Berühmt sein in New York macht mehr Spass als in Los Angeles, wo man immer im Auto ist», fasst sie ihre Zeit in der Ostküsten-Metropole zusammen. In Manhattan werde man zwar erkannt, aber der New Yorker sei «freundlich». «Und er verscheucht auch mal die Paparazzi, die vor einem Laden herumlungern.» Wenn ihre Filme heute irgendwo laufen, und das tun sie, wie ihre 13-jährige Tochter Daisy gerade entdeckt, schaltet Meg Ryan diese ab: «Das meiste habe ich geschaut, als es herauskam, seither nicht mehr!»

Ihr Entscheid, von der Arbeit vor der Kamera Abstand zu nehmen, kam schleichend. «Dass man mit etwas abschliessen soll, merkt man, wenn einen Kleinigkeiten zu stören beginnen.» Das ständige Mikrofon-Anheften. Immer jemanden haben, der einem am Gesicht herumzupft, waren die Dinge, die ihr zunehmend unangenehm wurden. Heute sei sie gerne eine Geschichtenerzählerin. Autoren und Kameramänner gäben ihr den Kick. Wenn alle für dasselbe Ziel zusammenarbeiten, wie bei ihrem Regie-Debüt «Ithaca» 2015.

Freunde ausserhalb der Industrie wurden ihr wieder wichtiger: «Ich war nie in erster Linie Schauspielerin. Und heute bin ich auch gerne ein Elternteil. Ich beobachte lieber das Leben, als das Subjekt der Beobachtungen zu sein.» Weg vom Business zu sein, mache sie zu einer interessanteren Person, ist Meg Ryan heute überzeugt: «Wenn sich – wie an einem Filmset – alles nur um dich dreht, tötet das deine Neugier.»

Sympathisch und ohne Allüren

Locarno war wegen ihr trotzdem in Aufruhr. Und Meg Ryan mittendrin. Unprätentiös kam sie in bequemem und trotzdem schicken Sandalen ihren Preis abholen. Da störte auch der Regen auf der Piazza Grande nicht, wegen dem die Preisverleihung in eine überdachte Örtlichkeit verlegt werden musste, die weit weniger Charme versprüht als Meg Ryan. Sympathisch auch, dass sie einen Tag später zum Publikumsgespräch nochmals dieselben Schuhe trug.

Fotos waren allerdings während des darauf folgenden Interviews vertraglich verboten. Ein Schönheitschirurg hat ihre Mundwinkel, die bei ihrem Lächeln schon immer markant waren, permanent gemacht. Das führt zu Irritationen beim Betrachter und Häme bei Beobachterinnen der Szene. Meg Ryans blonde Löwenmähne ist aber leuchtend wie eh und je. Und mit ihren smarten Statements und schlauen Ansichten nimmt sie das Publikum auch heute noch für sich ein. Da ist sie Tom Hanks, ihrem ewigen Partner aus Filmen wie «E-Mail für Dich» und «Schlaflos in Seattle», nicht unähnlich: Den findet wirklich jeder in- und ausserhalb von Hollywood grundsätzlich sympathisch. Und auch ihn würden viele gerne jederzeit nach Paris fahren wollen.

TV-Tipp
SRF 1 zeigt am Mittwoch, 8. August, um 22.25 Uhr «Filmfestival Locarno 2018 – Das Spezial» mit weiteren Hintergründen. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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