«Zwingli»-Star Rachel Braunschweig liebt einen Sans-Papiers

Lukas Rüttimann (Text), Nicolai Morawitz & Olivia Sasse (Video)

26.2.2019 - 10:11

Rachel Braunschweig über das Unfassbare und Unwiderstehliche

Rachel Braunschweig über das Unfassbare und Unwiderstehliche

Am Rande der Dreharbeiten kann «Bluewin» mit Rachel Braunschweig über ihre Rolle im Film «The lines of my hand» sprechen.

25.02.2019

Der Schweizer Regisseur Christian Johannes Koch wagt sich an ein brisantes Thema: Eine Lehrerin hat eine Affäre mit einem Sans-Papiers. Hauptdarstellerin Rachel Braunschweig kennt solche Dilemmata aus ihrem Privatleben, wie sie «Bluewin» am Filmset erklärt.

Einmal im Leben Filmstar sein – wer möchte das nicht? Für hundert Schülerinnen und Schüler der Sekundarschule Georgette in Sursee LU geht dieser Traum am letzten Schultag vor den Winterferien in Erfüllung. Wobei die meisten lediglich als Statisten einen Hauch Hollywood abbekommen. Doch das ist egal: Mit erstaunlicher Disziplin und vollem Einsatz agieren die Kids vor der Kamera, und sowieso könnte die Stimmung an diesem Freitag kaum besser sein. Denn: «Besser als Matheunterricht ist das allemal», sagt eine Gruppe lachend.

Christian Johannes Koch (r.) koordiniert mit seiner Crew das Filmset an der Sekundarschule Georgette in Sursee LU.
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Gut gelaunt ist auch ein anderer. Regisseur Christian Johannes Koch dreht hier seinen Erstling «The Lines of My Hand», und für ein Schweizer Spielfilmdebüt ist sein Projekt eine durchaus ambitionierte Sache. Ein Budget von rund 2,5 Millionen Franken ermöglichen 37 Drehtage und einen Cast, bei dem der russische Star Alexej Serebryakov («Leviathan») internationales Flair verbreitet. Mit Rachel Braunschweig ist zudem eine der gefragtesten Schweizer Schauspielerinnen («Zwingli», «Wolkenbruch», «Die Göttliche Ordnung») in der Hauptrolle zu sehen.



«Bluewin»-Autor Lukas Rüttimann im Gespräch mit Christian Johannes Koch.
Bluewin/mn

Spürt Koch als Debütant einen besonderen Druck? «Druck hast du immer», antwortet der Innerschweizer, der seinen ersten Spielfilm nach vielen Jahren an der Filmuniversität Babelsberg unbedingt in der alten Heimat drehen wollte, lächelnd. Zum Glück habe er ein gutes Team um sich herum, das genau wisse, wie der Karren am Set zu laufen hat. Kommt hinzu: «Ich selbst habe immer so viele Dinge im Kopf, da hat Nervosität kaum Platz».

Politisches trifft auf Privates

Tatsächlich ist sein Film ein spannendes Projekt, und das längst nicht nur wegen des relativ hohen Budgets. Denn die Handlung, die der junge Regisseur lose dem Fotobuch «The Lines of My Hand» von Robert Frank entnommen hat, birgt eine Menge explosives Material. Erzählt wird die Geschichte von Marina (Braunschweig), einer verheirateten Oberstufenlehrerin Anfang 40, die ein Doppelleben führt. Im Geheimen trifft sie sich mit Artem (Serebryakov), dem Vater einer ihrer Schülerinnen, der wie seine Tochter seit vielen Jahren ohne Aufenthaltsbewilligung in der Schweiz lebt. Die Affäre führt dazu, dass Marina alles in Frage stellt: ihre Beziehung, ihre Familie, ihre Heimat, ihre Vergangenheit, ihre Zukunft.

«Der Film zeigt reale Schweizer Lebenswelten, die gewaltig aufeinanderprallen – das fand ich äusserst spannend», erklärt Produzent Rajko Jazbec, 37, seine Faszination für das Projekt gegenüber «Bluewin». Ein primär politischer Film sei «The Lines of My Hand» aber trotz seiner Sans-Papiers-Figuren im Zentrum nicht. «In den Zwischentönen ist der Film zwar durchaus politisch, aber das ist nicht unser Hauptthema. Wir zeigen auch nicht mit dem Finger auf einen Misstand oder zwingen den Leuten eine Meinung auf», so Jazbec.

Sein Regisseur Christian Johannes Koch pflichtet ihm später beim Interview am Set bei. Freilich tangiere man mit dieser Geschichte eine brandaktuelle politische Thematik, sagt er. Doch: «Für mich stehen mehr persönliche Fragen im Vordergrund. Solche wie: Wann können wir eigentlich noch ganz uns selbst sein? Und wie viel sind wir bereit, dafür zu opfern?»

Das Interview mit Christian Johannes Koch
«The Lines Of My Hand»: So läuft es hinter den Kulissen

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22.02.2019

Eigene emotionale Erfahrung

«Alles andere als ein Klischee», sei ihre Rolle, sagt dann auch Rachel Braunschweig beim Interviewtermin im Klassenzimmer der Sekundarschule Georgette. Während des Lesens des Drehbuchs habe sie immer wieder gespürt, dass sie solche emotionalen Dilemmas, wie sie Marina im Film erlebt, selbst kenne. «Auch von solchen Momenten, in denen man bewusst etwas politisch Unkorrektes macht. Man weiss ganz genau, man sollte nicht, aber man kann nicht anders». Viele Menschen würden gar nicht realisieren, wie eingespurt sie in ihrem Leben sind. Wenn dann etwas passiert, das alles auf den Kopf stellt, werde es dramatisch – und «sehr spannend».



Glaubt die derzeit so begehrte Schweizer Schauspielerin an einen Erfolg des für Frühling 2020 geplanten Films? Man müsse ganz klar sehen, dass dieses intensive Drama doch eher ein Arthouse- oder ein Festival-Film sei, sagt sie. «Aber wer weiss? Wer hätte schon gedacht, dass ‹Wolkenbruch› oder ‹Die Göttliche Ordnung› so erfolgreich würden? Möglich ist alles.»

Regisseur Christian Johannes Koch, dem sie «ganz viel Leidenschaft und eine grosse Akribie bei der Arbeit» bescheinigt, habe sie bei der Zusage für ihre Rolle einfach gefragt, ob sie mit ihm für dieses Projekt ein halbes Jahr auf die Reise gehen wolle. Braunschweig lacht: «Das fand ich sehr überzeugend und auch sehr schön, denn das klang fast ein wenig wie ein Heiratsantrag. Und natürlich habe ich 'Ja' gesagt».

«The Lines of My Hand» soll 2020 ins Kino kommen

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