Bunt statt grau: Wie Asterix meine Kindheit in der DDR prägte

Andreas Fischer

24.3.2020 - 15:41

Albert Uderzo ist gestorben, wird aber wegen seiner «Asterix»-Geschichten weiterleben.
Bild: Keystone/AP Photo/Frank Boxler

Seine unbeugsamen Gallier haben einen Buben in der DDR ganz schön zum Schwitzen gebracht: eine sehr persönliche Erinnerung an Albert Uderzo (†92) und seine «Asterix»-Geschichten.

Natürlich kennt mich Albert Uderzo nicht. Wie sollte er auch? Dabei hat mir der französische «Asterix»-Zeichner unzählige unvergessliche Momente geschenkt – und Grenzen geöffnet, die für mich qua Staatsräson geschlossen waren. Die Nachricht von seinem Tod hat mich jetzt sehr traurig gemacht, weil ich mich nicht nur von einem grossartigen Künstler verabschieden muss, sondern auch von einem wichtigen Teil meiner Kindheit.

Ich bin in den 1980er-Jahren in einer kleinen Stadt in der DDR aufgewachsen. Dass ich eine unglückliche Kindheit hatte, kann ich nicht behaupten. Wir haben viel draussen gespielt, sind an die Ostsee in den Urlaub gefahren, manchmal gab es sogar Lakritz in der Kaufhalle. Und dann waren da ja auch noch Asterix und Obelix, meine ganz persönlichen Helden.

Eskapismus eines Zehnjährigen

Im Nachhinein lässt sich natürlich viel hineininterpretieren in die Geschichten und meine DDR-Vergangenheit: Eine Handvoll Unbeugsamer wehrt sich gegen die Unterdrückung durch die Staatsgewalt. Aber ganz ehrlich, daran habe ich als Zehnjähriger nicht gedacht. Obwohl die Abenteuer der Gallier auch für mich auf eine gewisse Art Eskapismus waren.

Im Grunde aber habe ich mich einfach nur gefreut, wenn ich «Asterix erobert Rom» oder «Asterix der Gallier» im Kino sehen konnte. Zeichentrickfilme aus dem Westen – das war etwas ganz Besonderes und für mich das pure Kinderglück: so bunt, so witzig, so ungestüm. Ich gruselte mich vor der Ebene der Toten und staunte, wie Obelix das Restaurant von Mannekenpix leer ass; den zeitlosen Witz mit dem «Passierschein A38» habe ich freilich erst später verstanden.

Zufrieden im Kino

In den Ferien haben mir meine Eltern manchmal 50 Pfennig (so wenig kostete das damals wirklich noch!) gegeben, um ins Kino zu gehen. Es liefen eigentlich immer die gleichen Märchenfilme im Ferienprogramm.

Doch manchmal eben auch ein «Asterix»-Film – der Eintritt kostete dann aber 1,65 Mark: Ich habe es in Rekordzeit geschafft, in meinen kurzen Hosen vom Kino durch die halbe Stadt zur Arbeitsstelle meiner Mutter zu laufen, um mir das restliche Geld zu erbetteln. Zurück ging's sogar noch schneller. So geschwitzt habe ich nie wieder.

Ich erinnere mich auch, wie ich an einem nasskalten, grauen Februartag in den späten 1980er-Jahren mit meinem Vater stundenlang vor Leipzigs grösstem Kino stand, um eine Karte für «Asterix – Sieg über Cäsar» zu ergattern. Der Film lief ganz frisch in den DDR-Kinos, und die ersten Vorstellungen waren natürlich ausverkauft.

Umso glücklicher war ich, als es irgendwann doch klappte und ich mich wie Obelix in Falbala verlieben konnte. Eine grössere Zufriedenheit, im Kino zu sitzen, habe ich nie wieder empfunden. Obwohl ich in meinem heutigen Beruf als Kritiker sehr viele und sehr gute Filme sehe.

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Danke für diese Kindheit

Die Comics habe ich erst viel später gelesen, in den 1990ern. Die Mauer war gefallen, und ein entfernter Verwandter in Wiesbaden hatte alle bis dato erschienenen Bände: Stundenlang verschanzte ich mich beim Grossonkel im Gästezimmer und las die Geschichten. Alle. In Erinnerung blieben mir vor allen «Asterix und die Trabantenstadt», «Obelix GmbH und Co. KG» und – wirklich, ich schwöre – «Asterix bei den Schweizern».

Manchmal laufen die Wiederholungen der alten «Asterix»-Zeichentrickfilme im Fernsehen. Beim Zappen bleibe ich heute noch hängen – und amüsiere mich köstlich. Wegen der Geschichten und wegen der Erinnerungen an meine Kindheit. Danke dafür Albert Uderzo (und René Goscinny).

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