Pro

Laura Hüttenmoser

Leiterin Entertainment

Alle haben eine Meinung zu ihm, alle wissen es besser. Lasst Prinz Harry doch die Deutungshoheit über sein Leben.

Wie schrecklich muss es sein, wenn sich die Medien Tag für Tag über dein Intimstes hermachen: dein Familienleben.

Deine Frau wird als aufmerksamkeitsgeile Hexe an den Pranger gestellt, «palastnahe» Mitarbeiter behaupten zu wissen, wie dein Verhältnis zu deinem Vater oder Bruder ist. Und last but not least, gibt es eine laufende Netflix-Produktion über deine Familie, ein Schauspieler verkörpert dich, Worte werden dir in den Mund gelegt. Die ganze Welt bingewatcht dein Leben und denkt: So ist sie also, diese Familie. Horror!

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass Harry seine Geschichte selber erzählen will und finde, das ist sein gutes Recht. Wie würdest du reagieren, Carlotta, wenn jemand Lügen und Behauptungen über dich verbreitet? Ist doch klar, dass man nicht alles auf sich sitzen lässt.

Dass die angekündigten Memoiren ein Rachefeldzug sind, glaube ich jedoch nicht. Wann immer Harry persönlich gesprochen hat, auch bei Oprah, war er respektvoll. Er hat Missstände angeprangert, aber keine Namen genannt, niemanden in den Dreck gezogen. Ich empfand den vieldiskutierten Talkshow-Auftritt nicht als Abrechnung, sondern als Darlegung seiner Sicht der Dinge.

Prinz Harry und seine Ehefrau Herzogin Meghan beim Interview mit der US-Moderatorin Winfrey (nicht im Bild).
Harry und seine schwangere Frau Meghan beim Interview mit Oprah Winfrey im März.
Bild: Joe Pugliese/Harpo Productions/AP/dpa

Dieselben Leute, die sich nun wegen der Memoiren aufregen, werden die ersten sein, die jedes juicy detail verschlingen, weil sie es lieben, sich über ihn aufzuregen.

Auch dass er damit nur Kapital schlagen will, kann man ihm nicht vorwerfen. Der Erlös des Buches wird für wohltätige Zwecke gespendet – und da dürfte wohl einiges zusammenkommen. 

Profitgier könnte man viel eher den Boulevardmedien vorwerfen, die sein Leben ausschlachten und mit aufgebauschten Storys ihre Klickzahlen hochtreiben wollen. 

Liessen sie ihn und seine Familie einfach mal in Ruhe und würden nur offizielle, bestätigte Quellen wiedergeben, wäre das ganze auch nicht zu so einem Drama ausgeartet. Aber das ist nun mal genau das, was die Medien wollen. 

Ich finde aber, dass selbst ein privilegierter Prinz das Recht hat, selbst über sein Leben zu bestimmen und nicht nur als Klatsch-Objekt herzuhalten. Daher: Go Harry! Mach dein Ding, schreib deine Memoiren. 

Contra

Carlotta Henggeler

Redaktorin Entertainment

Prinz Harry hat für seine Memoiren einen 20-Millionen-Deal abgeschlossen. Darin will er pikante Storys aus dem Königspalast preisgeben. Lieber Harry, bitte storniere den Deal, sonst hört der Familienzwist nie auf.

Da wird die Queen bei dieser Ankündigung wohl not amused sein und ihr geliebter Gin Tonic weniger geschmeckt haben. Enkel Harry will beim Penguin Random House seine Memoiren publizieren. Der Verlagsriese aus New York teasert auch schon die Harry-Bio in den sozialen Medien an: Es handle sich um «intime und herzliche Memoiren von einer der faszinierendsten und einflussreichsten globalen Figuren unserer Zeit».

Intime? Bei diesem Wort hat sicher der britische Königspalast gezittert. Puh, dicke Post, die Ende 2022 in Buchform erscheinen soll.

Und Harry selbst schreibt über sein Buchprojekt: «Ich schreibe dies nicht als der Prinz, als der ich geboren wurde, sondern als der Mann, der ich geworden bin.» Und doppelt nach: «dass wir, egal woher wir kommen, mehr gemeinsam haben, als wir denken».

Eine kryptische Message, die alles oder nichts heissen kann.

Fest steht, die Queen, Papi Charles, Bruder William und Schwägerin Kate finden den Buch-Pakt sicher nicht lustig. Alle Medien werden darüber berichten und die brisanten Enthüllungen bis ins letzte Detail ausschlachten.

Ja, genau, gell Laura: Immer diese bösen Medien ... Das ist ein bisschen sehr schwarz-weiss gedacht. 

Schon einmal hat Harry mit dem Oprah-Interview im März 2021 viel Geschirr zerschlagen. Doch an der Beerdigung von Prinz Philip und bei der Denkmalenthüllung von Dianas Statue schien er sich der Family wieder einen kleinen Schritt angenähert zu haben.  

Mit diesem Buchdeal begeht er einen Mordsfehler. Jetzt sind die Türen des Königshauses wohl für immer zu. 

Sicher, eine schlimme Kindheit lässt sich nicht schönreden, auf keinen Fall. Aber man könnte dies mit therapeutischer Hilfe aufarbeiten – in den eigenen vier Wänden? Ohne die schmutzige Wäsche öffentlich zu waschen.

Aber ja, liebe Laura. You got me! Bäm, klar werde ich diese Memoiren lesen. Wahrscheinlich sogar auf Englisch, damit ich nicht auf die Übersetzung warten muss. Denn der Mensch ist ein neugieriges Wesen. So werde ich auch die WM in Katar wohl schauen, obwohl man diese boykottieren sollte. 

Okay, dass er die Einnahmen spendet, finde ich gut. Das lässt Prinz Wankelmütig in meiner Sympathie-Skala ein paar Stufen höher steigen.

Trotzdem: Harry, lass die Finger davon. Zeig Grösse und beende die royale Telenovela. Kümmere dich um deine Netflix-Projekte und deine zwei süssen Kids. Wenn schon dein Papi anscheinend kein guter Vater war, kannst du es für Archie und Lilibet sein. Alles Gute!