«Das Damengambit»

Anya Taylor-Joy: «Ich war nie wirklich ein Kind»

Von Marlène von Arx, Los Angeles

17.12.2020

Sie dreht seit fünf Jahren einen Film nach dem anderen, aber erst die Serie «Das Damengambit» hat Anya Taylor-Joy zum internationalen Star gemacht. Wer ist die Schauspielerin, die alle schachmatt setzt? Wir haben nachgefragt.

Frau Taylor-Joy, wie gut spielen Sie Schach?

Sehr viel besser als vor «The Queen’s Gambit».

Was heisst das?

Ich bin nach wie vor keine grossartige Spielerin, aber ich weiss etwas über die Materie. Schach schien mir zwar interessant, aber ich hatte vor «The Queen’s Gambit» nie gespielt. Ich hatte das grosse Glück, von grossen Meistern in die geheimnisvolle Welt des Schachs eingeführt zu werden. Mein Sensei war Bruce Pandolfini. Es war mir sehr wichtig, dass er findet, ich hätte es gut gemacht.

Können Sie gut verlieren?

Es erstaunt mich, wie schnell ich aggressiv werde, wenn ich spiele. Unglaublich, was in einem abgeht, wenn der Intellekt infrage gestellt wird.

«Das Damengambit» ist der grosse Herbst-Hit auf Netflix. Was hat Sie selber an der Serie gereizt?

Ich habe das Buch quasi inhaliert. Ich fühlte mich richtig gesehen von diesem Buch. Es gab so viele Parallelen zwischen Beth und mir. Das war toll, aber gleichzeitig musste ich auch vorsichtig sein. Denn wenn Beth einen schlechten Tag hatte, hatte ich auch einen schlechten Tag.

Was meinen Sie damit, es gab so viele Parallelen zwischen Ihnen und Beth?

Ich mag ja kein Genie sein wie sie, aber ich weiss sehr genau, wie es ist, wenn man nirgends dazugehört und man verzweifelt einen Ort sucht, an dem man sich zu Hause fühlt. Früher fühlte ich mich oft sehr allein und unverstanden. Es gibt da einige Dämonen in meiner Vergangenheit, aber ich mag noch nicht darüber reden.

Allein, weil Sie keine Freunde hatten?

Ich hatte tatsächlich kaum Kontakt mit Gleichaltrigen. Auch heute zieht es mich zu Leuten, die älter sind als ich. Das kommt wohl daher, dass ich eine enge Beziehung zu meinen Eltern und meinen Geschwistern habe, die alle viel älter sind als ich. Deshalb war ich eigentlich nie ein Kind. Aber dafür habe ich einen guten Draht zu meinem inneren Kind, das sich den ganzen Tag in andere Figuren versetzen kann.

Ihre Familie ist sehr multikulturell. Rührt es daher, dass Sie sich ausserhalb der Familie nirgends heimisch fühlten?

Ja, ich hatte das Gefühl, ich gehöre überall und nirgends hin. Meine Mutter stammt aus London und Saragossa in Spanien und ist in Afrika aufgewachsen. Mein Vater hat schottisch-argentinische Wurzeln und stammt aus Buenos Aires. Meine Muttersprache ist Spanisch, aber in Argentinien bin ich nicht argentinisch genug und in England nicht englisch genug. In Spanien erkenne ich eine gewisse Verrücktheit, die ich auch habe. Inzwischen habe ich gemerkt, dass ich mich mit mir selber identifizieren muss, nicht mit einem Land. Überhaupt sollten wir uns alle als Erdlinge sehen, die sich alle umeinander kümmern – ohne Mauern und Grenzen. Wenn ich eine Heimat habe, dann ist es die Schauspielerei: Das erste Mal, dass ich wirklich das Gefühl hatte, ich gehöre irgendwo dazu und ich habe einen Wert, war auf dem Set des Films «The Witch».

Sie waren 19, als Sie das Horror-Kostümdrama «The Witch» drehten und arbeiten seither nonstop. Wie gehen Sie mit dem Erfolg um?

Ich habe viele Erfahrungen nur in eine Box gestopft und kam bisher gar noch nicht richtig dazu, diese auszusortieren. Aber die Pandemie hat mir quasi nun die Gelegenheit gegeben darüber nachzudenken, was ich in den letzten Jahren alles erlebt und gelernt habe.



Was haben Sie gelernt?

Gelernt habe ich vor allem, dass ich nicht immer so streng mit mir sein sollte.

Liegt die Schauspielerei in Ihrer Familie?

Eigentlich nicht. Meine Mutter war Psychologin und mein Vater war ein Investmentbanker und Speedboot-Rennfahrer. Jetzt sind beide pensioniert, was sie auch verdient haben nach sechs Kindern! Ich bin die Jüngste und meine Geschwister sind eher Sportler-Typen. Wir haben Polo- und Hockey-Spieler und Speedboot-Fahrer in der Familie. Ich bin der Schwächling, der imaginäre Freunde hatte und im Wald hinter dem Haus mit Fabelwesen spielte. Wie man an meinen Rollen sieht, war das nicht nur eine Phase.

Die Weichen zur Schauspielerei wurden also schon früh gestellt.

Ja, meine Mutter hat ein Video von mir im Alter von fünf Jahren, in dem ich sage, ich wolle Künstlerin werden, aber nicht in die Schauspielschule und dass das auch so irgendwie klappen würde. Und tatsächlich: So arrogant dieses Statement war, es hat geklappt.

Ihr Résumé besteht vor allem aus Horrorfilmen und düsteren Thrillern – von «Morgan», über M. Night Shyamalans «Split» und «Glass», «Thoroughbreds» und «The New Mutants». Woher kommt dieser Drang zum Düsteren?

Düster bedeutet eben meistens ehrlicher. Man will doch seine tiefen, düsteren Emotionen und Bedürfnisse verstehen. Mit diesen Filmen kann man in die hintersten Hirnwinkel einer Figur schauen, ohne die Belastung auf sich selber zu nehmen. Für mich sind solche Rollen jedenfalls sehr entkrampfend. Bei düsteren Filmen sind die Sets ausserdem immer sehr lustig. Schliesslich sollte man lachen können, wenn man Gruseliges tun muss – wie zum Beispiel in «Thoroughbreds» den Stiefvater umbringen.

«Das Damengambit» («The Queen's Gambit») läuft auf Netflix.

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