Beatrice Egli: «Ich freue mich darauf, Mami zu werden»

Von Carlotta Henggeler

23.8.2020

Beatrice Egli ist mit ihrem ersten Mundart-Album «Mini Schwiiz – mini Heimat» am Start. Die Schlagersängerin über neue Heimatgefühle, dreckiges Schweizerdeutsch und feine Antennen nach ihrem körperlichen Crash.

Eine gut gefüllte In-Beiz beim Zürcher Paradeplatz. Beatrice Eglis knallpinke Sommerbluse fällt in der oft farblosen Zwinglistadt auf. Dort, wo Hipster am liebsten Schwarz in Schwarz samt Nerdbrille tragen, ist Eglis Outfit ein auffälliger Farbakzent. Dazu trägt sie mordsmässig hohe Sandaletten und leichtes Make-up. Egli bestellt stilles Mineralwasser und strahlt. Sie ist nach sieben Jahren Karriere und einer Erschöpfung wieder bei sich angekommen. Selbstbewusst und glücklich sind die passenden Attribute.

Frau Egli: ‹Mini Schwiiz – mini Heimat› haben Sie Ihr erstes Mundart-Album getauft. Könnte auch ein Slogan des Schweizer Fernsehens sein.

Beatrice Egli: Stimmt, der Titel war meine Idee. Die Kunst war dann, diesem Slogan gerecht zu werden. Durch meine italienischen Lieder (‹Bello e impossibile›; ‹Vivila›) und die französischen Tracks (‹Où es-tu?›; ‹Promet-moi de faire revenir›; ‹Promets-moi de faire revenir›) will ich die Weite der Schweiz aufzeigen. Wir sind flächenmässig klein, aber gross in der Vielfalt.

Französisch ist ein Pflichtfach in der Schule. Weshalb es einfacher war für Sie, auf Französisch als auf Italienisch zu singen. Richtig?

Stimmt, ich hatte Französisch in der Schule. Was aber nicht heisst, dass man die Sprache danach auch wirklich kann. Mir hat es mehr Mühe bereitet, auf Französisch als auf Italienisch zu singen, weil ich mit Französisch schon immer auf Kriegsfuss stand.

Interessant.

Kürzlich bin ich meinem Sekundarlehrer begegnet und habe ihn gefragt, ob wir die Französischprüfungen damals nicht singend hätten machen können. So wäre ich viel besser weggekommen (lacht). Denn das Singen erleichtert das Sprachlernen.

Genau. Wie hat es sich angefühlt, auf Italienisch zu singen?

Um Italienisch zu lernen, habe ich dann mal freiwillig einen Kurs besucht. Italienisch ist die schönste Sprache der Welt. Sie klingt wie Musik in den Ohren, selbst wenn sie nur gesprochen wird. Das Emotionale und ‹Füürige› dieser Sprache finde ich ‹uh› schön.

Das neue Album dreht sich um Heimat und Heimatgefühle. Letztes Jahr haben Sie eine dreimonatige Auszeit genommen und sind durch Australien gereist. Muss man weggehen, um sein Land wieder neu zu entdecken?

Ja, man schätzt seine eigene Heimat wieder mehr. Ich merke erst jetzt, wenn ich nach Hause fahre und den Zürichsee und den Säntis sehe, wow, da bin ich aufgewachsen. Und vorher war dieser Anblick normal für mich. Weil ich oft weg bin, spüre ich meine Heimat wieder mehr und während des Lockdowns habe ich es geschätzt, in einem Land zu leben, wo es angenehm ist, zu leben.

Das Album entstand während des Lockdowns. Wie sehr hat die Pandemie Ihre Arbeitsweise beeinflusst?

Die Arbeitsweise wurde dadurch natürlich stark beeinflusst, weil ich mich mit meinem Team nicht mehr physisch treffen konnte. Aber auch dieses Album entstand wieder mit meinen Produzenten Joachim Wolf. Weil wir uns gut kennen, war die Zusammenarbeit diesmal dann einfach digital. Ich bin aber froh, dass wir uns zu Aufnahmen wieder treffen dürfen, auch wenn man dabei ‹Social Distancing› berücksichtigen muss. Denn es ist für den künstlerischen Prozess einfach wichtig, dass man zusammen sein kann – ohne dass die Skype-Verbindung ständig abbricht. Doch das Positive an dieser Zeit war, daheim zu sein und viel Zeit zu haben.

Klingt nach einer gut laufenden Album-Produktion.

Ja, aber am Anfang des Lockdowns war ich in einer Art Schockstarre. Die ersten paar Wochen habe ich gebraucht, um mental damit klarzukommen, was diese neue Situation alles für mich bedeutet. In die Musik zu flüchten, hat mir sehr geholfen. Dort konnte ich mir meine Welt schön machen. Aber es bleibt eine Challenge.

Ja, kann ich mir vorstellen.

Die Musikbranche hat bis jetzt noch keinen Ausblick. Es zerrt an mir. Nicht nur an mir als Sängerin, die keinen Job hat. Mein ganzes Team steckt drin. Ich arbeite auch mit diversen externen Firmen – und ich weiss nicht, ob sie nächstes Jahr noch existieren.

Schwierige Situation.

Ja, anderseits bin ich froh, dass ich in die Musik abtauchen und Energie auftanken kann. Sie gibt mir Kraft. Die Pandemie hat die Branche enger zusammengeschweisst, es trifft den Hip-Hopper genauso wie den Schlagersänger. Für meine Generation ist es die grösste Challenge bis anhin. Meine Grosseltern finden, das werden wir schon schaffen. Sie haben die Spanische Grippe und den Zweiten Weltkrieg erlebt.

Zurück zu Ihrer Musik. Zum ersten Mal in Ihrer Karriere singen Sie Mundart.

Auf Schweizerdeutsch zu singen, ist wie in einer anderen Sprache zu singen. Ich liebe den Dreck der Sprache, sie ist frecher. Auch eine Ballade in meiner Muttersprache geht mir mehr unter die Haut.

Ein Mundart-Album fördert aber nicht gerade Ihre Karriere im deutschsprachigen Raum.  

Ist noch immer so, dass ich in Norddeutschland nicht verstanden werde, wenn ich auf Schweizerdeutsch singe. Aber die Leute hören meine Songs trotzdem gerne. Denn Musik ist eine Sprache, die alle verstehen. Auf meinem letzten Album war das Lied ‹Rock mis Härz›. Und als ich es zum ersten Mal in Norddeutschland gesungen habe, sind die Leute total abgegangen.

Normalerweise geht ein Künstler mit den neuen Songs auf Tournee. Momentan ist das aber nicht möglich.

Ja, ich hoffe, ich kann trotzdem los. Am 28. Februar bin ich in Sursee. Ich freue mich schon sehr darauf und hoffe, wir können die neuen Songs zusammen – mit dem notwendigen Abstand – feiern.

Und wie sieht es mit neuen TV-Formaten aus?

Gerade habe ich die zweite Staffel von ‹Ich finde Schlager toll› auf RTLplus mit Eloy de Jong moderiert. Die erste Staffel war ein Erfolg.

Sind TV-Moderationen ein zweites Standbein geworden?

Ja, mittlerweile. Ich mache das auch sehr gerne. Aber in erster Linie bin ich Sängerin und möchte das auch bleiben. Moderieren und schauspielern mache ich sehr gerne. Ich finde die Abwechslung sehr spannend.

Nicht alle Ihre TV-Formate waren ein Hit. Wie sehr nagt ein Misserfolg an Ihnen?

Natürlich ist das ärgerlich, aber ich habe gelernt, damit umzugehen. Umso mehr freuen mich die Erfolge. Das Format ‹Beatrice Egli – die grosse Show der Träume›, das ich mitentwickelt habe, war zum Beispiel ein grosser Erfolg. Das hat mich darin bestärkt, noch mehr im TV zu machen. Es ist wichtig, auch mal Neues zu probieren und dabei die Komfortzone zu verlassen – nur so kommt man weiter. Sonst wäre ich auch nicht dort, wo ich heute bin. Ich verdanke meine Karriere und mein Best-of-Album meiner Lust, Neues zu wagen.

Bekannte amerikanische Unternehmer sagen, nur wer experimentiert und dabei auch fällt, hat langfristig Erfolg.

Genau. Ich sage jeweils: Jedes Kind weiss, wenn es auf den Spielplatz geht, wird es mal runterfallen. Es wäre schade, würde das Kind es nicht probieren und nie das Klettern lernen. Das Leben ist ein Spielplatz und ich will mich austoben!

Auch modisch toben Sie sich immer mehr aus, sind bunter geworden, wagen mehr.

Ja, da bin ich typisch Frau, Mode interessiert mich. Gleichzeitig stehe ich zu mir. Ich wurde auch schon kritisiert, ich sei zu dick, dann wieder zu dünn. Ich stehe am Morgen auf und ziehe das an, was mir guttut – und das kann nicht falsch sein. Und das darf dir auch niemand wegnehmen. Wenn du dich am Morgen im Spiegel ansiehst und dir zulächeln kannst, dann stimmt die Energie.

Sie wären der perfekte Castingshow-Coach, mit Ihrer Erfahrung und Ihrem Selbstbewusstsein. Interessiert?

Ich habe Mühe, weil ich aus einer Castingshow komme, auf die andere Seite zu wechseln. Ich würde mein Wissen gerne weitergeben und Talente fördern. Zuerst wollte ich aber Erfahrung sammeln. Nach sieben Jahren im Musikbusiness habe ich nun genug im Rucksack und Tipps bereit, um jungen Talenten einige mühsame Erfahrungen zu ersparen.

Was fehlt Ihnen zum Glück?

Zum Glück nichts.

Und zum ganz grossen Glück?

Zum Glück kann ich dieses Gefühl in mir drinnen suchen. Auf meiner Australienreise habe ich die innere Balance wiedergefunden. Es war ein langer Weg.

Vor Ihrer Auszeit in Australien waren Sie komplett ausgepowert. Haben Sie heute in Stress-Situationen feinere Antennen?

Ja, die sind jetzt sehr stark. Durch den Crash, den ich erlebt habe, sind die Antennen sehr stark gewachsen und melden schnell, wenn es zu viel wird. Ich habe mit Menschen mit viel Lebenserfahrung gesprochen und diese sagen, man stösst im Leben immer wieder an seine Grenzen. Ich hoffe, dass ich das nie mehr erleben muss, und habe deshalb mein Leben entsprechend geändert. Es war eine tiefgreifende Erfahrung. Aber jetzt macht es mir das Leben einfacher, weil ich heute besser und schneller auf meine Signale höre.

Schwierig, im schnelllebigen Musikbusiness einen Halt einzulegen.

Ja, es ist ein Challenge. Aber nicht nur für mich. Wir leben in einer digitalen Welt, wir sind alle 24 Stunden erreichbar. Wir sind auch mehr als nur wir selbst. Wir sind auch Schwestern, Kinder, Cousinen, Mami, Papi und Geschäftsmenschen gleichzeitig.

Stimmt. Können Sie inzwischen auch mal das Handy abstellen?

Ja, aber das Handy wegzulegen, ist ein Luxus für mich. Viele sehen von meinem Beruf nur einen klitzekleinen Moment – und zwar den auf der Bühne. Das ist auch der schönste – ein Traumjob. Aber er beinhaltet noch ganz viele andere Sachen, zum Beispiel viel Administration.

Apropos Bühne. Momentan fallen alle Auftritte weg.

Ja, das ist nicht nur finanziell schwer. Meine Auftritte sind meine Energiequelle und ich erhalte dort Rückmeldungen zu meinen Songs. Das einzige Feedback, das ich momentan über mein neues Album erhalte, ist das aus der digitalen Welt.

Wann stellen Sie am liebsten das Handy weg?

Am liebsten, wenn ich mit meinen Nichten und Neffen auf den Spielplatz gehe – ich bin dreifache Tante. Das Lied ‹Kleiner Stern› auf meinem Best-of-Album ist meinen Nichten und Neffen gewidmet: Sie sind das Best-of meines Lebens.

Blicken wir in die Zukunft. Lieber ein neues Album oder Mami sein?

Das muss ich hoffentlich nicht entscheiden. Zum Glück wäre das aber in der heutigen Zeit beides möglich. Schauen Sie sich Sarah Connor mit ihren vier Kindern an. Ich finde es auch schön, dass die heutigen Männer damit anders umgehen und cooler werden. Sie freuen sich, Papi zu sein und packen daheim mit an. Ich freue mich darauf, irgendwann Mami zu werden. Sollte es aber nicht klappen, ist mein Glück nicht davon abhängig.

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