«Das ist ein Scheiss hier, ehrlich!»

Lukas Rüttimann

14.4.2019 - 10:40

Nervenzusammenbruch in Nepal: Maria Theresia Zwyssig aus Spiez BE. Die Bernerin reiste 15'000 km mit dem Velo nach Nepal.
Bild: SRF

Kiki Maeder präsentierte in «Jetzt oder Nie – Lebe deinen Traum» vier Menschen, die ihr Leben komplett auf den Kopf stellten. Es wurde eine tolle Sendung mit grossen Emotionen.

Die Zahlen der letzten Zeit haben es gezeigt: Auswanderersendungen sind gefragt wie nie zuvor; auch auf SRF erreichen die Schicksale von fernwehgetriebenen Schweizerinnen und Schweizern Traumquoten. Dazu verzeichnen auch Schicksalsshows wie «Happy Day» nach wie vor sehr gute Werte.

Ist es also Kalkül, dass Kiki Maeders Show «Jetzt oder nie – Lebe deinen Traum» wie ein Mix aus diesen beiden Konzepten daherkommt? Gut möglich.

Doch auch das erfolgversprechendste Sendungsformat ist immer nur so gut wie sein Inhalt, und in dieser Beziehung musste sich gestrige Ausgabe von «Jetzt oder nie» nicht verstecken. Im Gegenteil – selten hat man so viele spannende Portraits von aussergewöhnlichen Menschen in einer einzigen SRF-Sendung gesehen.

Nervenzusammenbruch in Nepal

Beeindruckt hat vor allem der über mehrere Monate gefilmte Bericht über Thesi Zwyssig. Die Spiezerin reiste aus der Schweiz nach Nepal – und zwar nicht etwa mit dem Flugzeug, sondern über weite Strecken mit einem ziemlich gewöhnlich wirkenden Velo. 15'000 Kilometer über Stock und Stein, mit nur einem minimalen Budget fürs Nötigste, ganz allein als Frau durch Länder wie Polen, Russland, Thailand oder Japan – das war für den Zuschauer stellenweise fast so intensiv wie für die Protagonistin.

Erstaunlich, wie die 32-Jährige trotz widrigster Bedingungen motiviert blieb, sich mit äusserst bescheidenen Lebensumständen zufrieden gab, Gefahren ins Gesicht blickte, und nie ihre gute Laune verlor. Nur ganz am Schluss, auf der gefährlichsten Strasse der Welt in Nepal, verlor sie vorübergehend die Nerven: «Aaahh, das ist ein Scheiss hier, ehrlich! Das mache ich nie mehr!», fluchte sie verzweifelt in die GoPro-Kamera, während tonnenschwere Lastwagen nur Zentimeter neben ihr vorbei donnerten.

Schon kurze Zeit später jedoch, bei ihrer ehemaligen Gastfamilie in Nepal angekommen, strahlte die Bernerin schon wieder übers ganze Gesicht – und sorgte so für einen weiteren Beweis, dass die Welt am Ende wohl doch den Mutigen gehört.

Immigrations-Thriller in Sidney

Nicht minder spannend war die Geschichte von Thomas Fuchs, der mit 58 Jahren nach Australien auswanderte und in Sidney einen Coiffeursalon eröffnete. Der Luzerner fungierte dabei als eine Art Anti-These zu all den vielen TV-Auswanderer, bei denen man sich permanent an die Stirn klatscht und sich fragt, was die sich wohl überlegt haben. Denn Fuchs machte alles vorbildlich. Planung, Durchführung, Erwartungshaltung, Vorgehen – wer mit dem Gedanken spielt auszuwandern, erhielt quasi eine Lehrstunde.

Klar, der sympathische Coiffeur hatte optimale Voraussetzungen, immerhin lebten seine beiden Kinder bereits im Land. Dass aber ausgerechnet bei ihm am Ende unsicher blieb, ob sein Abenteuer gut ausgeht, entbehrte nicht einer gewissen Ironie. Die Bestimmungen für Immigranten wurden während der Drehzeit geändert; und ob die Bewilligung für den Luzerner verlängert wird, wird sich erst im nächsten Monat zeigen.

Kiki Maeder im Element

Es war nicht die einzige Geschichte ohne Happy End. Auch der Ostschweizer Koch Adam Koc konnte sein eigenes Restaurants nicht wie geplant eröffnen und brachte Kiki Maeder damit um das eigentliche Finale der Sendung. Doch dass das nicht weiter störte, war die grosse Stärke dieser Show. Denn alles wirkte ungekünstelt und echt, und das kam auch der Moderatorin zugute. Mader jedenfalls wirkte viel spontaner, befreiter und natürlicher als im oft etwas pastoralen Ambiente von «Happy Day».

Ganz ohne Happy Day – pardon: End  – ging es aber auch bei dieser Samstagabendkiste nicht. Die berührende Geschichte des Paraplegikers Lorenzo, der sich in einem Monoskibob zurück auf die Skipiste kämpfte, ging fast ein wenig unter.

Das jedoch spricht nicht gegen ihn, beziehungsweise den Film über sein Schicksal – sondern vor allem für die hohe emotionale und dramaturgische Qualität dieser durchgehend toll gemachten Sendung.

Bilder aus der Schweiz
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