«Die Angst, zur Schnecke gemacht zu werden, war da»

Von Marlène von Arx, Los Angeles

6.2.2021

Produzent und Marketing-Stratege Jean de Meuron setzt sich für den diesjährigen Schweizer Oscar-Beitrag «Schwesterlein» ein. Auch sonst bewegt der Basler viel in Hollywood. Seine Sporen verdiente er unter anderem bei Harvey Weinstein ab.

«Den letzten Film, den ich im Kino gesehen habe, war ‹Bad Boys For Life› mit Will Smith und Martin Lawrence – am Opening Weekend am 17. Januar 2020», erinnert sich Jean de Meuron noch genau, und seufzend fügt er hinzu: «Ich vermisse das Kino sehr …»

Die Kinowelt, um die sich sein Leben und seine Leidenschaft drehen, steht Corona-bedingt Kopf. Die Säle sind zu und gedreht wird nur unter Einhaltung rigoroser Sicherheitsmassnahmen. Auch die Oscar-Kampagnen sind anders: «Filmvorführungen gibt es nur online. Events gibt es keine», so der Basler, der den Schweizer Oscar-Beitrag «Schwesterlein» von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond mit Rat und Tat beim Stimmenfang unterstützt.

Der 35-Jährige hat darin Erfahrung, hat er doch mit seiner Kampagne für Timo von Guntens «La Femme et le TGV» 2017 eine Oscar-Nomination für den besten Kurzfilm herausgeholt. «Nun machen wir also Print-Werbung und gezielte Presse über Zoom. Es läuft alles digital.»

Kein einfaches Unterfangen

Die Konkurrenz ist grösser denn je: Gegen 92 Filme aus aller Welt tritt das «Schwesterlein» an. Also budgetierten Jean de Meuron und der angeheuerte Award-Consultant Josh Haroutunian einen Interview-Platz in der wichtigen Fach-Publikation «Deadline», die die beiden Lausannerinnen und ihr Star Nina Hoss für Academy-Mitglieder entsprechend gut sichtbar in die Award-Contender-Liste aufnahm.

Ein weiteres Plus: de Meuron ist selber stimmberechtigtes Academy-Mitglied. «Dieses Jahr habe ich mich für das Internationale Spielfilm-Komitee angemeldet, das in vier Gruppen aufgeteilt ist und die eingereichten Filme vorsondiert», so der Filmfan. «Ich bin ja sonst sehr auf das angelsächsische Kino konzentriert. Nun sehe ich auch mal Filme aus Kamerun oder Venezuela, was sehr spannend ist.» Von den 23 Filmen in seiner Gruppe muss er zwölf gesehen haben, damit seine Stimme zählt.

Dann kann er auch für «Schwesterlein» stimmen, obwohl der Film nicht in seiner Gruppe ist. Am 9. Februar veröffentlicht die Academy dann die neu von zehn auf 15 Titel erweiterte Shortlist in der «Best International Film»-Kategorie. Wer da dabei ist, darf am 15. März auf eine eigentliche Oscar-Nomination hoffen und von einem Sieg am 25. April träumen.

Ein Oscar heisst auch mehr Einnahmen

Welchen Stellenwert hat denn eine Oscar-Nomination heutzutage überhaupt noch? Einen hohen, findet Jean de Meuron: «Dieses Qualitätssiegel wirkt sich immer noch sehr positiv auf die Kasse aus. Vor allem bei Indie-Filmen – jedenfalls vor Corona. Man spricht von 25% mehr Einnahmen für eine Nomination und 50% mehr bei einem Sieg. ‹Moonlight› beispielsweise spielte seine Einnahmen gar hauptsächlich nach dem Oscar-Gewinn ein.»

Nebst der Oscar-Kampagne arbeitet Jean de Meuron in der Marketing- und PR-Abteilung von Roland Emmerichs Produktionsfirma Centropolis Entertainment. Zurzeit beschäftigt er sich mit den Presse-Communiqués von Emmerichs neuestem Film «Moonfall» mit Patrick Wilson und Halle Berry. Langfristig will er aber seine eigenen Projekte verfolgen: «Ich habe noch viel vor in Hollywood. Zum Beispiel selber einen Spielfilm produzieren oder bei einem Studio eine tragende Rolle spielen.»

Dass viele Wege zum Ziel führen, hat er früh gelernt. Da war beispielsweise sein Lieblingsregisseur Steven Spielberg, der während seines Studiums einmal über dieses Thema referierte: «Er sagte, wir sollen proaktiv unsere Karrieren vorantreiben und alle Talente nutzen, die wir haben, auch wenn die in erster Linie nichts mit dem Beruf des Regisseurs oder Produzenten zu tun haben.»

Die wichtigste Weisheit hat ihm aber wohl sein Vater, der Architekt Pierre de Meuron (Herzog/de Meuron), mit auf den Weg gegeben: «Von ihm weiss ich, dass ein Projekt das nächste ergibt und man sich so weiterentwickelt. Er dachte nicht schon am Anfang, dass er einmal das Bird Nest in Peking bauen würde.»

Mit 007 fing alles an

Jean de Meurons Begeisterung für den Film fing mit James Bond an, dessen Filme er mit dem Vater schauen durfte, weil er der Mutter versprach, die 007-Romanvorlagen von Ian Fleming dazu zu lesen. Nicht nur die Action interessierte ihn damals, sondern auch, was «MGM» bedeutet und wer die Warner Brothers waren. Jean de Meuron zitiert denn auch gern Mogule wie Academy-Gründervater Louis B. Mayer oder Disney-Boss Bob Iger.

Nach der Matura absolvierte er ein Praktikum bei MTV Miami. In der Schweiz half er die Premiere von Tim Fehlbaums «Hell» zu organisieren, wodurch er die «Schwesterlein»-Produzentin Ruth Waldburger kennenlernte. Mit Empfehlungsschreiben von international bekannten Schweizer Filmschaffenden wie Arthur Cohn und Marc Forster in der Tasche, machte er sich wieder in die USA auf. Er absolvierte verschiedene Studiengänge bis zum Bachelor in Film- und Medienwissenschaften, und schnupperte bei Paramount und Universal Pictures sowie bei den Produzenten Scott Rudin und Harvey Weinstein Hollywood-Luft. «Man hat den Druck da schon gespürt», blickt de Meuron auf seine kurze Zeit beim inzwischen inhaftierten Vergewaltiger Weinstein zurück. «Wir standen alle immer unter Strom. Die Angst, zur Schnecke gemacht zu werden, war immer da.»

In Hollywood hat er gelernt, einiges wegzustecken und neu zu evaluieren. Insbesondere auch jetzt während der Pandemie. «Mein Aha-Erlebnis im letzten Jahr war, dass wirklich nichts selbstverständlich ist», so Jean de Meuron, der sich vor Kurzem von seiner Lebenspartnerin C.C. Sheffield getrennt hat und mit ihr das Sorgerecht für die zweieinhalbjährige Tochter Chloé teilt. «Aber ich versuche, das Beste aus jeder Situation zu machen und dankbar zu sein und zu schätzen, was ich habe.»

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