«Es geht nicht nur um grosse Entscheide, es geht um Schicksale»

Von Carlotta Henggeler

7.5.2020

SRF/Oscar Alessio

SRF-Brüssel-Korrespondent Sebastian Ramspeck kehrt nach fünfeinhalb Jahren ins Hauptquartier in Zürich zurück. Ein Gespräch über seine Zeit im EU-Epizentrum und warum er aufpassen muss, nicht zynisch zu werden.

Sebastian Ramspeck arbeitet momentan im Homeoffice in Zürich und weiss noch nicht, wann er als internationaler Korrespondent auf dieser Welt loslegen kann. Heute Abend feiert er mit «#SRF Global» Premiere.

Herr Ramspeck, fünfeinhalb Jahre lang haben Sie aus Brüssel berichtet. Welcher Moment ist Ihnen am meisten unter die Haut gegangen?

Da gab es einige. Ohne lange nachzudenken, kommt mir ein EU-Gipfel im Sommer 2015 in den Sinn – da ging es um den Verbleib Griechenlands in der Euro-Zone. Es war einer der längsten Gipfel in der EU-Geschichte. Er dauerte 17 Stunden, von 15 Uhr eine ganze Nacht bis 8 Uhr in der Früh.

Und warum ging Ihnen das so nahe?

Einige meiner griechischen Kolleginnen und Kollegen im Medienzentrum hatten von ihren Redaktionen monatelang keinen Lohn mehr erhalten, es ging um die Existenz ihrer Familien, es flossen Tränen. Das war ein besonderer Moment, bei dem man als Korrespondent mitbekommt, dass es auch um persönliche Schicksale geht und nicht nur um grosse politische Entscheide. Das ging ans Eingemachte.

Ich stelle es mir schwierig vor, als SRF-Korrespondent in Brüssel an die Politiker und Informationen heranzukommen. Die Schweiz ist nur ein kleines Land, dass zudem auch nicht zur EU angehört.

Als Journalist muss man sich immer durchkämpfen. Egal, wo man arbeitet. Zumindest wenn man mehr erfahren möchte als ein paar Polit-Floskeln. Brüssel zeichnet sich aber dadurch aus, dass es eine geringe Distanz zwischen den Medien und dem politischen Geschehen gibt – auch für einen Journalisten eines Nicht-Mitglied-Staates. Man hat als Schweizer Journalist sicher einen etwas weniger direkten Zugang zu Spitzenpolitikern aus Ländern wie Deutschland oder Frankreich. Ich hatte aber nie das Gefühl, diskriminiert zu sein.

Welche war bisher Ihre schlimmste Panne?

Ich bin einmal im Studio gestanden und dann gab es einen «Chlapf». Alles wurde schwarz, ich habe nichts mehr gesehen. Wir konnten die geplatzte Birne aber schnell ersetzen. Der Zuschauer hat das zum Glück nicht mitbekommen.

Haben Sie nach Ihrer Zeit in Brüssel ein anderes Bild der EU?

Ich habe heute den besseren Durchblick, aber deswegen ist weder ein positiveres noch ein negativeres Bild entstanden. Vieles, was man aus der Ferne wahrnimmt, verstehe ich heute besser. Und wenn man dann dort ist, sieht man, wie die Franzosen über die EU reden, die Deutschen, wie diese Leute im Alltag funktionieren, was sie für einen Weg gehen, oder in was für ein Restaurant ein typischer EU-Beamte geht. Das gibt einem schon nochmals eine andere Farbe.

Wie hatten Sie sich auf den Posten vorbereitet?

Ich hatte mich damals 2014 mit Fachbüchern eingelesen und ein kleines Studium, ein CAS, absolviert.

Was war das für ein Studium?

In EU-Recht. Das gibt einen Einblick in ein kompliziertes Konstrukt wie die Europäische Union.

Genau, Sie waren mitten im Geschehen. Spannend!

Ich finde vor allem faszinierend, dass man so nahe am politischen Geschehen dran ist. Man besucht Pressekonferenzen, hört auch mal ein Gerücht, das an einem Medienanlass zirkuliert und kann mitverfolgen, welche Gerüchte es in die Nachrichten schaffen und welche nicht. Diese News-Nähe hilft einem zu verstehen, wie Weltpolitik gemacht und wie darüber berichtet wird.

Neu sind Sie bei SRF als internationaler Korrespondent. Was heisst das genau?

Ich werde über internationale Politik berichten und auch vor Ort sein, mit Live-Schaltungen und Beiträgen. Zum Beispiel bei einem G7-Treffen oder an einer UNO-Versammlung.

Das Coronavirus hat Sie jetzt aber ausgebremst …

Ja, im Moment ist völlig unklar, wann wieder gereist werden kann. Ich arbeite im Homeoffice in Zürich, schreibe da zum Beispiel für die Redaktion Einschätzungen.

Was hat Sie an Ihrem neuen Job besonders gereizt?

Ich bin im Zeitalter des Kalten Krieges aufgewachsen, jetzt leben wir in einer völlig anderen Welt, mit neuen Machtzentren, die wichtiger werden, allen voran China. Wie sich diese Welt entwickelt, mit der Digitalisierung, die alle Gesellschaftsbereiche und die internationale Politik prägt, wie das alles zusammenspielt, das finde ich spannend. Mich fasziniert es, diese Zusammenhänge zu erklären. Auf eine verständliche Art herunterzubrechen, ohne banal zu werden.

Heute Abend feiern Sie Ihren Einstand als «#SRF global»-Moderator. Was dürfen die Zuschauerinnen und Zuschauer erwarten?

In der heutigen Sendung schauen wir uns die wahren und die vermeintlichen Corona-Helden an. In dieser Zeit reden alle, auch wir Journalisten, von Heldinnen und Helden. Überall gibt es jetzt Helden des Alltags, Experten-Helden oder Politiker-Helden. Wir hinterfragen das kritisch und hoffentlich auch mit einem Augenzwinkern. Wir reden unter anderem mit einem Heldenforscher über die Bedeutung eines Helden in unserer Gesellschaft. Ich spreche auch mit meiner Kollegin in China, Claudia Stahel, und mit USA-Korrespondent Peter Düggeli über dieses Thema.

Katja Stauber sagte bei Ihrem kürzlichen TV-Abschied: «Ich bin durch meinen Job nicht abgebrühter geworden». Wie geht es Ihnen damit, jeden Tag meist über Schreckliches zu berichten?

Abgebrüht zu sein, das wäre eine schlechte Eigenschaft. Aber diese Gefahr besteht natürlich. Wenn man sich den ganzen Tag mit der Welt und den Problemen beschäftigt, dann muss man vorsichtig sein, dass man nicht zynisch wird. Und man darf das Gute, das Positive nicht aus den Augen verlieren. Gerade für einen Journalisten ist das wichtig.

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