«Es geht um Liebe, Betrug oder Seitensprung»

Von Carlotta Henggeler

14.3.2021

Der Zürcher Journalist Alexander Wenger sucht nach Vermisssten: «Es ist eine Fleissarbeit. Was man im Fernsehen sieht, ist eine Romantisierung der Realität», sagt er über seinen Job, der auch seine Leidenschaft ist.
Bild: zVg

Für eine TV-Sendung suchte Journalist Alexander Wenger nach vermissten Personen. Es nahm ihm den Ärmel rein. Recherchen seien in der Schweiz eher einfach, sagt der selbständige Menschensucher, der sich Hobbydetektiv nennt.

Von Carlotta Henggeler

14.3.2021

Man kennt diese herzerwärmenden Momente aus «Happy Day» oder «Vermisst». Das Wiedersehen von vermissten Menschen, wenn sie sich nach vielen Qualen endlich mal in den Arm schliessen. Immer hochemotional, die Tränen fliessen. 

Was gab Ihnen den Impuls, sich als Selbständiger der Personensuche zu widmen?

Ich habe früher bei einer TV-Produktion für die Schweizer Version der Sendung «Vermisst» gearbeitet. Jene Sendung, die auch auf RTL läuft oder ähnlich in Sat.1 unter dem Titel «Bitte melde dich». Bei der Recherche der Fälle habe ich mega Freude bekommen. Ich habe sogar mal einen Vater in Australien aufgespürt. Leider wurde das Format nach einer Sendung abgesetzt, da sie schlecht lief. Kein Wunder, wurde die Schweizer Ausgabe zur selben Zeit wie ein wichtiger Fussballmatch gezeigt.

Ja, schade. Wie ging es weiter?

Ich habe mir dann gedacht, dass wenn Leute vor der Kamera nach Menschen suchen, es auch Menschen gibt, die nicht die Öffentlichkeit suchen, sondern lieber eine Dienstleistung buchen wollen.

Genau. Wie viele Fälle sind es momentan?

Zur Person

Der Menschensucher Alexander Wenger arbeitet auch als Freelance-Journalist, moderiert Events und produziert als Podcaster «Zurich Pride Podcast».

So fünf bis sechs pro Jahr. 

Wie lange suchen Sie, bis Sie fündig werden?

Einige seltene Fälle sind in ein paar Minuten gelöst, andere gehen über Monate. Die Kunden bestimmen je nach Budget den Rahmen.

Wie stehen die Erfolgschancen dabei?

Das ist schwer auszurechnen, so bei zirka 60 Prozent. Ich nehme auch Fälle an, die schwer sind.

Bitte erzählen Sie.

Ich habe zum Beispiel für eine Frau versucht den Vater ihrer Tochter zu finden. Es war ein One Night Stand. Die Kundin wusste nur, dass er ein Handelsreisender war, von wann bis wann er in einer bestimmten Region unterwegs war und wie er ungefähr zum Vornamen hiess. Ich habe es probiert, aber es waren einfach zu wenig Infos. Ich habe ihn nicht gefunden. Ich könnte solche schwierigen Fälle von Anfang an ablehnen, dann wären die Erfolgschancen höher.

Tun Sie aber nicht. Es ist eine Art Challenge?

Challenge? Ja, ich bin ein Hobbydetektiv. Es gibt wie ein Reissen, wenn ich merke, dass ich dieser Person auf der Spur bin. Wenn ich mal den Namen, die Adresse oder das Geburtsdatum herausgefunden habe, dann weiss ich, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich die Person finde. Das ist Fleissarbeit.

Zum Beispiel?

Kürzlich habe ich für eine Frau ihren Onkel gesucht. Ich habe nach langer Recherche im Internet die Telefonnummer seiner Frau gefunden. Ich habe ihr auf WhatsApp geschrieben. Als ich die blauen Hacken gesehen habe, war ich total aufgeregt. Nachher fanden alle zusammen.

Es gibt bestimmt auch Vermisste, die keinen Kontakt mehr wollen zu ihrem alten Leben.

Dass die Gefundenen gar keinen Kontakt wollen, das kommt selten vor. Wenn einmal, dann bei Vätern, die eine neue Familie gegründet haben und die neue Frau weiss nichts davon. In einem von acht bis neun Fällen kommt das vor.

Das stelle ich mir traurig vor.

Aber auch das sehe ich positiv. Oft stellen sich die Leute vor, dass die gesuchte Person super sympathisch ist und für alles eine Erklärung hat. Das ist nicht immer der Fall. Dann platzt dieser Traum, aber das Thema ist dafür gelöst. Die Ungewissheit quält oft. Man hat endlich eine Antwort auf seine Fragen, auch wenn zum Beispiel die Person tot sein sollte. Ein Ende mit Schrecken ist weniger schlimm, wie man meinen könnte.

Ihr schönster Fall aller Zeiten?

Ja, den gibt es. Muss nur überlegen, wie ich das in der kurzen Fassung erzählen kann.

Gern die Kurzfassung.

Eine Frau hat ihren Vater gesucht. Es hiess, die Mutter sei verstorben. Nach stundenlager Recherche habe ich die Mutter ausfindig machen können, sie lebte noch. Das Grab des Vaters habe ich dafür gefunden. Er hatte vier weitere Töchter und einen Halbbruder, die hat sie alle kennengelernt. Wie so Puzzleteile, die ineinandergreifen, ich helfe, diese Verbindungen auf der Welt wiederherzustellen. Das ist sehr befriedigend, wenn ich bei Familiengeschichten helfen kann.

Bleiben die Personen dann in Kontakt, werden gar Freunde?

Es ist nicht immer so, dass man sich dann auf ewig mag und befreundet ist. Ich kannte zwei Schwestern, die gingen sich mit der Zeit auf die Nerven und sehen sich heute nicht mehr. Was man im Fernsehen in diesen Sendungen sieht, ist eine Momentaufnahme und wohl eher eine Romantisierung der Realität.

Warum gibt es im Schweizer Fernsehen keine «Vermisst»-Sendung?

Ich fände es wunderschön, wieder so eine Sendung im Schweizer Fernsehen zu gestalten. Es ist ja Ahnenforschung und Identitätsfindung. Woher komme ich, was habe ich für Wurzeln? Das sind Themen, die die Menschheit schon immer interessiert hat. Es geht um Liebe, Betrug oder Seitensprung.

Alles gute Themen …

Ja, die SRF schon ein wenig mit «Happy Day« abdeckt. Aber so eine Sendung ist halt teuer, aber ich würde es gern machen. Die Recherchekosten sind immens. Im Fernsehen werden ja nur die erfolgreichen Fälle gezeigt und nicht jene, die im Sande verlaufen.

Ich stelle mir die Recherche schwierig vor. Sind unsere persönlichen Daten in der Schweiz gut geschützt?

Nein, finde ich nicht. Zum Beispiel sind Adressdaten, wer von A nach B zügelt, in der Gemeinde öffentlich zugänglich. Man könnte diese sperren, aber das machen nur wenige. Nur, weil man nicht mehr im Telefonbuch ist, sind die Daten ja nicht weg. 

Wie meinen Sie das?

Die industrialisierten Nationen wie die Schweiz sammeln viele Daten. Klar, an die Daten von Unternehmen wie zum Beispiel der Swisscom, da komme ich nicht ran. Aber wer von wo nach wo zügelt, da komme ich mit einer einfachen Anfrage ran. Ich habe einen Fleissjob, ich stöbere in Archiven und Daten herum, schreibe Briefe und Anfragen. Ich schreibe Gemeinden an oder schicke einem alten Fussballverein eine E-Mail oder schaue in Ahnungsforschungsportalen nach.

Klingt einfach.

Das Problem ist allerdings, dass wir föderalistisch organisiert sind, mit über 2'000 Gemeinden. Also wenn du nicht genau weisst, wo eine Person gelebt hat – oder wohin sie gezogen ist, dann wird es schwierig. Das sind die Herausforderungen. Es gibt ja verschiedene Ämter, wie das Einwohnermelde-Amt, das Zivilstandsregister, Steueramt und dann gibt es noch die Friedhofsverwaltung.

Ein Traumjob?

Ich mache es gern, aber es ist auch manchmal etwas einsam und ich mache sehr gern auch Fernsehen. Es ist eine tolle Abwechslung neben dem Journalismus.