Sie ist auch schon mit Bernie Sanders auf der Rückbank durch die Stadt gerast

Von Marlène von Arx, Los Angeles

3.7.2021

Petra Tschopp führt mit ihrem Mann ein Car-Unternehmen in Los Angeles. Die Pandemie ist ein schwerer Schlag fürs Geschäft, aber die Luzernerin kann der Situation auch positive Seiten abgewinnen.

Von Marlène von Arx, Los Angeles

3.7.2021

Petra Tschopp shuttlete schon die unterschiedlichsten Menschen durch Los Angeles: Touristen, Schulklassen, Hochzeitsgesellschaften, Angestellte und Medienvertreter bei Sport- und anderen Grossanlässen, die Party-Gäste von der Playboy-Mansion und anderen exklusiven Feten in den Hollywood Hills und sogar die Entourage von Präsidentschaftskandidaten wie Donald Trump und Bernie Sanders.

Aber momentan geht gar nichts mehr.

Corona hat das Bus-Business von Petra Tschopp und Mike Waltenspül im März 2020 zum Stillstand gebracht. «Bei 9/11 verloren wir 80 Prozent der Einnahmen und wir dachten, das überleben wir nicht. Und das waren nur vier Monate!», erinnert sich die 43-Jährige aus Sursee LU. Jetzt dauert die Krise schon über ein Jahr. Da vor allem keine ausländischen Touristen einreisen können und keine grösseren Veranstaltungen stattfinden, die Shuttles benötigen, läuft «Go West Adventures»  zurzeit auf Sparflamme.

Die Flotte wurde bereits um drei Busse auf zehn Fahrzeuge reduziert. «Langsam tröpfeln nun Aufträge rein, aber es lohnt sich noch nicht, das ganze Unternehmen hochzufahren.» Vom amerikanischen Staat gab es gerade mal 5000 Dollar – 4620 Franken – Unterstützung. «Es hiess, wir seien ein ‹essenzielles Business› und könnten ja weiterarbeiten.»

Immerhin endlich zusammen zurück in die Heimat

Die Reisebranche ist eine sehr sensible Branche. Das hat Petra Tschopp nicht nur am 11. September 2001 erlebt, sondern auch später, als der isländische Vulkan Eyjafjallajökull ausbrach, und auch bei der Vogel- und Schweinegrippe gab es viele Stornierungen.

Doch sie sucht immer das Positive, egal was passiert.

Und das hat sie auch in der jetzigen Situation gefunden: «Letztes Jahr konnten Mike und ich erstmals seit zwanzig Jahren zusammen und mit den Kindern in die Schweiz in die Ferien fahren. Bisher musste ja immer einer von uns in L.A. bleiben und zum Geschäft schauen.»

Auch nach zwanzig Jahren in Kalifornien hat Petra Tschopp einen engen Bezug zur Schweiz. Südlich von Los Angeles in Redondo Beach, wo sie lebt, organisiert sie regelmässig Grill-Nachmittage mit anderen Schweizer*innen. Unter den Auslandsschweizern ist sie bekannt als Jassmeisterin und ihre Kinder Luciano, 16, und Noelia, 13, sprechen natürlich Schweizerdeutsch.

Auswandern war kein Traum

«Im Ausland wurde ich zur Patriotin», sagt sie lachend. Wäre sie nicht mit einem eigenen Betrieb beschäftigt, hätte sie vermutlich noch die fünfte Jahreszeit, ihre geliebte Fasnacht, nach L.A. zu importieren versucht.

Es ist ja nicht so, dass Auswandern in die USA ein Jugendtraum von ihr gewesen wäre: Aufgewachsen im ländlichen Geuensee und Sursee machte Petra Tschopp zuerst das KV, lernte danach Strassenbauerin und wollte die Ausbildung zur Bauführerin machen. Aber dann verliebte sie sich 1999 in Sursee in Mike, der auf Heimaturlaub war und in L.A. bereits ein Business für Stadtrundfahrten und Rundreisen im Südwesten aufgebaut hatte. «Ich dachte, ich gehe mal für sechs Monate rüber, lerne Englisch und schaue, wie sich die Beziehung entwickelt.»

Beziehung und Business entwickelten sich hervorragend. Vor Corona war der Plan eigentlich, in den nächsten zwei, drei Jahren etwas kürzerzutreten, das Unternehmen vielleicht sogar zu verkaufen.

«Aber wer weiss, wie sich die Dinge nun entwickeln. Wegen der Abstandsregeln müssen Kunden nun zwei Busse buchen, wenn einer reichen würde. Touristen sind nun mit dem Camper und dem GPS unterwegs. Es heisst, die Reisebranche erhole sich vor 2023 nicht. Schon einige unserer Konkurrenten gingen Konkurs. Aber ich bin optimistisch. Es wird sich schon wieder alles einpendeln.»

Die Frauen im Dreck

Immerhin: Nun hat sie wieder etwas mehr Zeit für ihre Leidenschaft, das Töff-Fahren. Auf der Strasse ist sie mit einer Yamaha MT09 und beim Motocross mit einer Honda CRF 450 unterwegs. «Mike und ich fuhren früher viel, aber dann kamen die Kinder und die Zeit fehlte.» Irgendwann stolperte sie auf Facebook über eine Gruppe von Frauen für Frauen, die sich «Babes in the Dirt» nannte und draussen in der Wüste einen Töff-Treff organisierte. Petra Tschopp meldete sich an.

«700 Frauen aus allen Landesteilen waren da mit ihren Motorrädern», staunt sie noch heute. «Ich lernte Donna aus Arizona kennen. Sie hatte zwei neue Hüft- und zwei neue Kniegelenke und fuhr mir um die Ohren.» Seither crosst sie mit Freundinnen wieder regelmässig durch den Westen. «Das hat mir gezeigt: Man braucht einfach eine Leidenschaft im Leben, um wieder aufzutanken. Bei mir ist das Motocross.»

Dass sie nun mehr Zeit hat, hat sich generell positiv auf ihr soziales Leben ausgewirkt. Ein spontaner Schwatz beim Einkaufen führte zu einer Einladung zum Pickleball (eine Mischung aus Tennis, Tischtennis und Badminton) und diese wiederum zu einer neuen Gruppe von amerikanischen Freunden. «Da merkte ich erst, wie isoliert ich im Geschäft eigentlich bin, denn da habe ich mit den Leuten ja meistens nur am Telefon zu tun.»

Der Konvoi des Präsidentschaftskandidaten

Wenn Not am Mann und an der Frau ist, setzt sich Petra Tschopp aber auch mal selber hinters Bussteuer: So geschehen, als um 22 Uhr nachts das Telefon klingelte, man müsse sofort die Entourage von Präsidentschaftskandidat Bernie Sanders am Flughafen abholen.

Obwohl es eilte, wartete sie dann schliesslich zwei Stunden beim Privatflughafen, bis er ankam.

Wie aus Sicherheitsgründen üblich, war Bernie Sanders in einem von drei schwarzen SUVs, sein Sohn und seine Familie bei ihr im Bus. «Die motorisierte Polizei-Eskorte instruierte mich, dass ich immer aufschliessen und keine Lücke im Konvoi entstehen lassen dürfe. Mann, hatten die ein Tempo drauf!», lacht Tschopp. Solche Fahrten seien schon eindrücklich – auch weil Strassen gesperrt werden. «Wir brauchten von Downtown Los Angeles nach Long Beach gerade mal fünfzehn Minuten. Ich musste mich hinter dem Steuer richtig konzentrieren!»