«Autonom leben zu können, ist ein Zeichen von Erfolg»

#Von Marlène von Arx, Los Angeles

10.6.2021

Das Road-Movie «Nomadland» war der grosse Sieger der Oscars 2021. Hauptdarstellerin Frances McDormand über amerikanische Nomaden, die oft nicht freiwillig in ihrem mobilen Untersatz wohnen – und warum weniger mehr ist.

#Von Marlène von Arx, Los Angeles

10.6.2021

Frances McDormand, haben Sie während der Dreharbeiten von «Nomadland» auch in einem Minibus gelebt?

Nein, nicht wirklich. Ich habe ab und zu im Minibus geschlafen, aber ich habe schnell gemerkt, dass das wie schlafen auf einem Set ist, weil wir die Ausrüstung über Nacht im Minibus aufbewahrten. Wir hatten eine Karawane von zwölf Autos und schliefen meistens in einem Motel. Nick und Angie, die unterwegs für uns kochten, wuschen das Geschirr in ihrem Zimmer ab.

Könnten Sie auf kleinem Fuss leben oder sind Sie ein Mensch, der viel Platz braucht?

Ich brauche nicht sehr viel Platz. Wir lebten immer in Apartments und haben jetzt nicht mehr als 102 Quadratmeter. Seit letztem März habe ich meine Schränke und Schubladen regelmässig von Neuem ausgeräumt. Bei den Dreharbeiten beeindruckte mich «Prius Dave» sehr: Der Innenraum seines Prius ist der eleganteste Wohnraum, den ich je gesehen habe, inklusive Küchen-Top aus seinem ehemaligen Keramik-Studio. Nachts schläft er im Schlafsack obendrauf.

Man braucht ja eigentlich nicht viel zum Leben …

Genau! Ich glaube, wir sind nun wirklich am Überdenken, wie wir vom kapitalistischen System und dessen Idee, mehr sei besser, manipuliert werden. Wir werden besser darin, das zu hinterfragen. Wir müssen besser darin werden. Erfolg ist nicht ein Boot, ein Auto, ein Haus und 2,5 Kinder. Das Leben autonom und frei leben zu können, ist ein Zeichen von Erfolg.

Woher kommt es, dass so viele Menschen in den USA in ihren Autos leben müssen?

Damit wir uns klar verstehen: Die Leute, denen wir in «Nomadland» begegnen, haben zwar kein Haus, aber sie haben ein Zuhause. Sie stecken lediglich ihr schwer verdientes Geld statt in eine Miete oder Hypothek in eine andere Form von Unterkunft. Sie wählen diese Art, so zu leben.

Oftmals fällt dieser Entschluss aber aufgrund eines finanziellen Notstands …

... und einem gesellschaftlichen Problem: Ich bin 63 Jahre alt und in einem Stahlwerk-Ort in Pennsylvania aufgewachsen. Damals gingen die Leute nach der Schule ins Werk und arbeiteten ein Leben lang da. Die Flüsse und die Luft wurden zwar verschmutzt, aber wenn man fleissig war, konnte man sich ein Auto und ein Haus leisten. Das kann man heute nicht mehr. Eine Rente von 500 Dollar reicht nicht zum Leben. Deshalb arbeiten auch viele der älteren Bus-Bewohner, wie sich die Nomaden nennen, weiter. Dass wir nicht wissen, was wir mit der immer älter werdenden Bevölkerung machen sollen, ist ein universelles Problem. Es ist ein Zeichen der amerikanischen Unverwüstlichkeit, die Strasse proaktiv unter die Räder zu nehmen.

Fern im Film geht verschiedenen Saison-Jobs nach. Hatten Sie früher auch Gelegenheits-Jobs?

Ja, ich fing mit Tellerwaschen und Babysitting an. Während des Schauspielstudiums half ich den Set-Bauern und arbeitete in der Cafeteria. In den Sommerferien faltete ich in einer Wäscherei Wäsche zusammen. Gleich am Anfang vergass ich eine rote Socke in der weissen Wäsche einer Kundin und alles wurde pink! Es war ein Desaster, aber sie zahlte trotzdem. Nach dem Studium war ich noch Kassiererin in einem Restaurant und beantwortete Fan-Post für AC/DC. Aber dann konnte ich mich bald als Schauspielerin ernähren.

Trotzdem hatten Sie Schulden?

Ja, ich ging in die Drama-Schule von Yale. Es ging Jahre, bis ich das Schulgeld abbezahlt hatte. Ich hoffe, unser neuer Präsident macht was bezüglich Erlassung von Schulschulden. Es war wichtig, dass ich zuerst an eine Kunstschule in West Virginia und dann nach Yale ging. Meine Professoren rieten mir zu Recht, dass ich meine Ausbildung weiterführen sollte, denn wenn ich gleich nach New York gegangen wäre, hätte ich nicht überlebt. Ich war viel zu naiv. Ich brauchte zuerst etwas Lebenserfahrung.

Sie haben ganz offensichtlich auch viel als Schauspielerin gelernt. Was ist Ihr Geheimnis, dass Sie sich so unmittelbar in andere Menschen versetzen können?

Schauspieler üben sich in Empathie, in dem sie aus dem eigenen emotionalen und psychologischen Leben ernten und daraus eine Figur bauen, ohne dass sie ins Privatleben überschwappt. Das lernt und übt man in unserem Beruf kontinuierlich.



Was waren denn die Bausteine für Ihre Rolle als Fern in «Nomadland»?

Die Geschichte basiert auf einem Buch, aber ein Baustein war sicher auch, dass ich mir Gedanken darüber machte, wie es sich wohl anfühlt, wenn man wie Fern plötzlich allein ist. Ich bin ja schon sehr lange mit meinem Mann zusammen. Plötzlich auf sich allein gestellt zu sein, ist sicher ein Horror, aber es bedeutet auch Freiheit; Trauer, aber auch Freude.

Und trotz solcher Gedanken nehmen Sie Ihre Rolle nicht nach Hause zu Ihrem Mann Joel Coen, der ältere der beiden Coen-Brüder, mit dem Sie seit 37 Jahren verheiratet sind?

Das ist nicht nötig. Ich habe auch das Glück, dass er meinen Job versteht. Das heisst, er versteht nicht wirklich, was ich mache. Aber er hat mich schon oft zur Arbeit gehen und von ihr nach Hause kommen sehen.

Die «Nomadland»-Regisseurin Chloé Zhao sahnt momentan sämtliche Regie-Preise ab, auch den Oscar. Was macht die chinesische Filmemacherin so besonders?

Sie ist wirklich gut – vom Schnitt, zur Kamera und wie sie die Geschichte erzählt. Ich sah ihren Film «The Rider» am Toronto Film Festival. Danach redete ich mit mir selber: Wer ist das? Wieso kenn ich die nicht? In Indie-Kreisen war sie bekannt, aber sie hatte vorher noch nie mit Berufsschauspielern gearbeitet. Mit dem Buch «Nomadland» ergab sich die Möglichkeit, eine Hybrid-Form zu finden und eine Brücke zwischen ihren Filmen «Songs My Brother Taught Me», «The Rider» und ihren künftigen Projekten wie dem Marvel-Film «Eternals» zu schlagen. Ich schätze mich glücklich, dass sich unsere Wege gekreuzt haben.

«Nomadland» läuft ab heute in den Schweizer Kinos. Dieses Interview ist am 13. April 2021 zum ersten Mal auf «blue News» erschienen.