Geht es uns was an, wer der Mann der grünen Kanzler-Kandidatin ist?

Von Michael Angele, Berlin

27.4.2021

Annalena Baerbock mit Ehemann Daniel Holefleisch beim 67. Bundespresseball 2018 im Hotel Adlon Kempinski in Berlin / 231118
«Das Neue an Baerbocks Kanzlerkandidatur ist ja nicht, dass sie eine Frau ist. Das Neue ist, dass sie eine Frau mit kleinen Kindern ist»: Annalena Baerbock mit Ehemann Daniel Holefleisch.
Bild: Dukas

Von Michael Angele, Berlin

27.4.2021

Gewinnen die Grünen im Herbst die Wahlen in Deutschland, zieht mit Kanzler-Kandidatin Annalena Baerbocks Mann ein gut gehütetes Geheimnis in die Willy-Brandt-Strasse 1. Das soll gefälligst so bleiben, findet der Kolumnist.

Wer ist der Mann an Annalena Baerbocks Seite? Müssten Ausserirdische dieser Frage nachgehen und Fotos sichten, die die grüne Kanzlerkandidatin mit einem Mann zeigen, kämen sie zum Schluss, dass der Mann von Annalena Baerbock ein gewisser Robert Habeck sein muss.

Die vielen gemeinsamen Fotos zeigen ein schönes Paar, das beneidenswert gut harmoniert und, Pardon, sich heiss findet.

Aber das stimmt natürlich nicht. Die Fotos erzeugen nur den Eindruck, dass da zwei attraktive starke Persönlichkeiten so gut miteinander können, dass sie sogar mit der Möglichkeit flirten, ein Paar zu sein – was sie eben gar nicht sind. Und das in einer früher so streitsüchtigen Partei wie den Grünen.

Dieser Eindruck wird mit Absicht verbreitet. Es ist vor allem Habeck, der ihn mit verfänglichen Gesten erzeugt, einfach mal Google-Suche öffnen und genau hingucken.

Kompetenter in Sachfragen, überzeugender in ihrer Haltung

Nun ist der Sex-Appeal von Robert Habeck in deutschen Medien immer wieder ein Thema – dergestalt, dass Habeck diese Zuschreibung zurückweist (was den Appeal natürlich noch erhöht).

Die Attraktivität von Annalena Baerbock wird dagegen in keinem Porträt erwähnt, obwohl er zu ihrem Erfolg mit beiträgt. Das finde ich komisch, aber so ist es. Man wird erwidern: Es geht um Inhalte, bei einem Mann würde man das auch nicht tun. Ähem, siehe Habeck.



Dabei stimmt es ja: Baerbock ist kompetenter in Sachfragen und überzeugender in ihrer Haltung als viele ihrer männlichen Kollegen. Annalena Baerbock ist wie Angela Merkel – nur grüner, sozialer, weniger spröde, in ihr kann sich ein progressives neues Bürgertum erkennen. Denn die Grünen verkaufen nicht nur politische Positionen, sondern auch Lebensentwürfe. Oder wie Sabine Rennefanz in der «Berliner Zeitung» meinte:

«Das Neue an Baerbocks Kanzlerkandidatur ist ja nicht, dass sie eine Frau ist. Das Neue ist, dass sie eine Frau mit kleinen Kindern ist, dass sie all diese Themen wie Arbeitszeiten, Steuersystem, Care-Arbeit in den grossen gesellschaftlichen Zusammenhang stellen kann, in den sie gehören.»

Wie also bringt sie Karriere und Mutterschaft zusammen?

Think global, act local: Um die Themen in den grossen Zusammenhang stellen zu können, muss es im Kleinen klappen. Annalena Baerbock hat zwei Töchter im Kita- und Grundschulalter. Wie also bringt sie Karriere und Mutterschaft zusammen?

Natürlich hat Julia Käser in ihrer «Kolumne am Mittwoch» auf «blue News» recht. Einem Mann mit kleinen Kindern hätte man die Frage bestimmt nicht so oft gestellt – wenn überhaupt. Aber Käser sagt ja zu Recht auch, dass Baerbock darauf «cool und erfrischend ehrlich» antwortet. Der Spagat sei nicht einfach. Aber sie habe grosse Unterstützung. «Die Doppelbelastung aus Arbeit und Homeschooling schlägt wieder voll zu – das schultert vor allem mein Mann», sagte sie der «Bild-Zeitung» Ende letzten Jahres.

Ihr Mann, das ist Daniel Holefleisch, mit dem sie im schönen Potsdam wohnt. Anders als von ihr und Habeck existieren kaum gemeinsame Fotos. Wenig ist bekannt.

Manager ist er und bestens vernetzter Politikberater, er arbeitete in der Parteizentrale der Grünen und wurde von dort zur Telekom weggelotst. Ein typischer Repräsentant der sogenannten Berliner Republik, in der PR, Politik und jede Menge Bananen (Vitamin B!) einen köstlichen Smoothie ergeben. Alter: 48. Und weil die Presse nicht viel mehr weiss, schreibt sie noch, dass er «Jürgen Klopp ähnlich sieht», was mit etwas Fantasie stimmt, aber jetzt nicht sensationell zwingend wirkt.

Gesunder Ehrgeiz, planvolles Networking

Ich weiss ausserdem, dass wir 99 gemeinsame Freunde bei Facebook haben, sein Instagram-Account vor allem Fotos aus dem Berliner Kulturleben zeigt und er auf Twitter als «Papa» unterwegs ist. Auch ist mir bekannt, dass er am legendären «Osi» (Otto-Suhr-Institut) an der Freien Universität Berlin studiert hat, einstmals eine Hochburg der 68er.

Dort, so ein Studienfreund aus alten Tagen, fiel der Kommilitone Holefleisch schon durch seinen gesunden Ehrgeiz und ein planvolles Networking auf, als die meisten Mitstudierenden das noch für sinnlos und reaktionär hielten.



Er war also seiner Zeit voraus, könnte man sagen. Und jetzt wird es interessant. Denn jetzt schlägt der Borgen-Alarm. Ich spreche von der dänischen Fernsehserie Borgen. Es ist eine der besten Polit-Serien überhaupt, wer sie kennt, wird mir zustimmen.

Erzählt wird Aufstieg und Fall der Politikerin Birgitte Nyborg. Nyborg hat wie Annalena Baerbock zwei um die zehn Jahre alte Kinder und einen ehrgeizigen Mann, mit dem sie ausgehandelt hat, dass er seine Ambitionen zugunsten ihrer Karriere zurückstellt.

Das fällt dem freigestellten Professor an der Copenhagen Business School zunehmend schwer, auch weil er sich nicht so recht vorstellen wollte, wie schwer das mit der Kinderziehung praktisch werden kann. Er lässt sich auf eine Affäre ein, die Ehe zerbricht.

Ein solches Schicksal wünscht man sich Annalena Barbock und ihrem Mann nicht. Denn auf dem Spiel steht nicht nur ein Privatleben, das uns nichts angeht, sondern vor allem ein modernes, fortschrittliches Beziehungsmodell, von dem wir alle wollen, dass es funktioniert.


Zum Autor: Der Berner Michael Angele liefert regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend. Angele schreibt für die Wochenzeitung «Der Freitag». Er ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Deutschlands Hauptstadt. Berndeutsch kann er aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt.»


Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «blue News» die Kolumne am Mittag – sie dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

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