Robin Rehmann: «Beim Leiden gibt es keine Rangliste» 

Carlotta Henggeler

19.5.2020 - 00:00

Moderator, Produzent, Redaktor und Ideenentwickler: Seit 2005 ist Robin Rehmann bei SRF.
Oscar Alessio

Depression, Burn-out oder Krebs: In der Sendung «S.O.S Sick Of Silence» reden Betroffene tabulos über ihr Schicksal. Robin Rehmann weiss, was es heisst, mit Schmerzen zu leben. Ein Gespräch über Masochismus, Colitis Ulcerosa und IKEA.

Robin Rehmann (39) leidet an Colitis Ulcerosa. Hinter dem lateinischen Namen versteckt sich keine schöne Blume, sondern eine unheilbare Darmerkrankung. 60'000 Menschen sind in der Schweiz betroffen.

Bis Anfang dreissig lebt Robin Rehmann auf der Überholspur, er liebt das Leben und den Punk. Er ist TV-Moderator bei SRF VIRUS, als sein Körper ihn ausbremst. Colitis Ulcerosa tritt in sein Leben und wirbelt es durcheinander. Seinen schmerzhaften Weg beschreibt er ungeschminkt in seinem Buch «Steine im Bauch» und lässt sich von SRF im Dok «Weiterleben, trotzdem» porträtieren. Robin Rehmann lässt sich dabei bei der Darmspiegelung aufnehmen oder zu Hause zwischen Sofa und WC. Ohne zu beschönigen.

Letzte Woche startete sein Herzensprojekt und Job, die Radiosendung «Rehmann – S.O.S. – Sick Of Silence», in die fünfte Staffel. Über 100 Gäste haben sich schon in Robin Rehmann Sendung geöffnet und aus ihrem Leben erzählt.

Herr Rehmann, mit Ihrem heutigen Gast reden Sie über seinen Bauchspeicheldrüsen-Krebs. Obwohl sie selbst an Colitis Ulcerosa leiden, reden Sie immer über Krankheiten. Sind Sie ein Masochist?

Ich finde das eine schlimme Frage und erschreckend, wenn sie gestellt wird. Es ist ganz wichtig, dass man über Krankheiten spricht, es hat nichts mit Masochismus zu tun, es gehört zum Leben. Jeder Mensch hat in einer gewissen Form eine Einschränkung.

Ein steiler Einstieg, stimmt. Sie sind aber bekannt dafür, fadegrad zu sein.

Ja, dank dieser Frage bin ich jetzt auch richtig wach, das triggert gleich viel bei mir.

Denn die Frage impliziert, dass man nicht darüber reden darf, dass Erkrankungen ein schmerzhaftes oder grusiges Thema sind und man spinnt, wenn man darüber spricht. Das Leben besteht aus Schmerzen und Krankheiten – und jeder Mensch wird einmal damit konfrontiert. Und dass man das immer unter den Teppich kehren will, macht meine Sendung so wertvoll.

Es sind eben schwere Themen, die Sie in «Sick Of Silence» besprechen.

Dabei müsste man noch viel mehr darüber reden. Wenn man das Radio einschaltet, dann ist immer Happy Day, alle sind gut gelaunt. Aber das stimmt doch nicht. Mindestens 50 Prozent des Lebens ist nicht toll, lustig oder schön. Und wenn man das verdrängt, ist man weniger glücklich.

Gerade in den sozialen Medien herrscht Dauer-Fröhlichkeit und Happyness.

Das ist ein grosses gesellschaftliches Problem. Was man auf Instagram, Facebook und Co. sieht – das ist eine grosse Katastrophe. Für Leute, die eine Erkrankung haben, macht es das noch viel schlimmer. Wenn man dir dann auch noch sagt: Musst du das jetzt auch noch erzählen und damit in den Mittelpunkt stellen? Das ist schrecklich, wenn man so denkt.

Und genau solche Fragen zeigen, wie wichtig diese Sendung ist.

Apropos «Sick Of Silence»: Wie viele Leute melden sich denn pro Woche bei Ihnen, die in Ihre Sendung wollen?

Es melden sich jeden Tag mehrere Menschen bei mir, die darüber reden möchten. Weil sie denken, sie können das in ihrer Umgebung nicht. Und es melden sich auch deutlich mehr Frauen als Männer, das liegt wahrscheinlich an dem Stigma. Man sich nicht traut, der «Schwache» zu sein – wobei es ja genau umgekehrt ist – und Frauen haben da mehr Empathie, können Gefühle besser zulassen und darüber reden. Was sehr schade ist, ich probiere das Geschlechter-Verhältnis ausgeglichen zu halten und alle Themen abzudecken.

Gibt es Betroffene, die sich besonders oft melden?

Ja, das Thema Angst- und Panikattacken sowie Depressionen kommen sehr oft vor, da könnte ich praktisch jeden Tag eine Sendung darüber machen. Ich versuche aber ein breites Themenspektrum abzudecken. Beim Leiden gibt es keine Ranglisten, wonach man werten könnte. Jedes Leiden ist echt und sollte gehört werden. Man kann nicht sagen, jene Person mit Migräne hat weniger Probleme als jene mit Krebs. Das ist immer ernst zu nehmen. Ich kenne diesen Schmerz, ich verstehe das – deshalb wollen die Leute auch mit mir reden.

Zuhören können – da herrscht offenbar ein grosses Bedürfnis.

Ja, und noch schlimmer ist es, wenn psychischer Schmerz aberkannt wird und gesagt wird, das ist ja eh nur psychisch. Der Schmerz, der beschrieben wird, ist trotzdem echt. Psychisch heisst ja nicht erfunden. Ein psychischer Kranker sieht äusserlich gesund aus, dem sieht man nichts an, seine Krankheit wird nicht ernst genommen und zuhören will man es erst recht nicht.

Sie könnten täglich eine Sendung füllen?

Ja, leider habe ich zu wenig Sendeplatz, ich könnte täglich eine Sendung machen, es ist ein Riesendruck, und die Leute sehnen sich nach einer Plattform, wo sie reden können, und das können sie ja bei mir eine Stunde lang. Solch ein Format gibt es sonst nirgends. Und viele schicken die Sendung dann ihrem Umfeld, der Familie, Freunden, Bekannten zu. Sie alle trauen sich nämlich oft nicht, solche Fragen zu stellen, wie ich es tue. Mein Vorteil ist, dass ich eine neutrale Person bin. Oft wird es, wenn es von direktbetroffenen Familienmitgliedern besprochen wird,  emotional und die Tränen fliessen. Da habe ich mehr Distanz.

Wenn sich jemand bei Ihnen meldet, wie gehen Sie vor?

Wenn es akut ist, dann leite ich gleich an die richtige Stelle weiter. Ich bin weder die Dargebotene Hand noch ersetze ich einen Arzt oder Therapeuten. Sehr oft aber vermittle ich Betroffene an andere Betroffene, die ich schon kenne. Diese tauschen sich dann untereinander aus.

Die vielen Schicksale, die man in «Sick Of Silence» hört, gehen unter die Haut. Können Sie gut abschalten?

Ich wurde schon früh mit solchen Themen konfrontiert. Bereits in meiner Kindheit, ich bin mit einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen. Dadurch habe ich schon früh psychologische Betreuung erhalten, habe mich mit solchen Themen beschäftigt – und dies auch zugelassen. Und es ist im Alter besser geworden, dass ich mich getraut habe, darüber zu reden. Ich kann das gut einordnen, es wirft mich nicht aus der Bahn. Ich akzeptiere das als Realität.

Viele Menschen wissen oft nicht, wie unheilbar Kranken zu begegnen ist.

Ja, diese Unsicherheit macht einen fertig. Wenn man meine Sendung öfters schaut oder hört, da es in erster Linie ein Podcast ist, bekommt man ein Gefühl dafür, wie gehen Leute damit um, die das haben. Wenn jemand eine Diagnose bekommt, ist die Chance relativ gross, dass wir schon eine Sendung darüber gemacht haben, und so kann man dann schauen: wie geht diese Person damit um? Das hilft, die Angst zu nehmen.

Stichwort Quarantäne. Wie gehen Sie damit um?

Ich renne heute bestimmt nicht zu Ikea (lacht). Der persönliche Kontakt zu meiner Familie und Freunden fehlt mir. Per Video oder Telefongespräch hat man nie die gleichen Emotionen.

«Rehmann – S.O.S. – Sick Of Silence» gibt es als Podcast für unterwegs, auf allen gängigen Podcast-Apps oder im Radio bei SRF Virus jeweils am Dienstag um 18:00 Uhr. 

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