Samir «Baghdad in my Shadow»: Hauptdarstellerin fast abgesprungen

Vania Spescha und Carlotta Henggeler

12.8.2019 - 00:00

Dramatische Geschichten aus dem irakischen Exil, subtil-poetisch gefilmt: «Baghdad in my Shadow» von Filmemacher Samir geht unter die Haut. Im «Bluewin»-Gespräch verrät er, warum Hauptdarstellerin Amal (Zahraa Ghandour) alles hinschmeissen wollte — drei Wochen vor Drehstart.

Das chillige Café Abu Nawas in London ist ein beliebter Treffpunkt für Exil-Irakis. Dort treffen ein gescheiterter Poet (Taufiq), eine untergetauchte Ehefrau (Amal) und ein schwuler IT-Schwarzarbeiter (Muhanad) auf den fanatisch religiösen Naseer, den Neffen des Schriftstellers Taufiq. Im Café, das von kurdischen Aktivisten geführt wird, ist eine Oase für die Stammgäste. Dort hat jeder eine spezielle Vergangenheit. Vordergründig herrscht Frieden im Café Abu Nawas. Bis Naseer durch einen radikal-islamistischen Prediger einer Hinterhofmoschee aufgehetzt wird. Es kommt zu einem dramatischen Finale. 

«Baghdad in my Shadow»: Riesen-Casting

«Zoom Movies»-Moderatorin Vania Spescha hat  bei einer gemütlichen Schifffahrt über den Lago Maggiore mit Regisseur Samir über sein neuestes Werk gesprochen. Warum das Casting so harzig lief. Und warum Hauptdarstellerin Amal fast nicht dabei gewesen wäre.

In London, Köln, Paris, Bagdad und den USA hat Regisseur Samir nach seinen Darstellern für «Baghdad in my Shadow gesucht. Ganze zwei Jahre lang. Warum gestaltete sich das derart schwierig? Samir erklärt: «Das Casting war so schwierig, weil ich Schauspieler wollte, die diesen arabisch-irakischen Dialekt und auch gleichzeitig Englisch sprechen. Unser Hauptdarsteller Taufiq, der in Irak sehr bekannt ist, kann kein Englisch. Für den Film hat er ein Jahr lang Englisch gelernt.»

BLUEWIN TALK SAMIR

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Interview mit Samir in Locarno

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Kulturelle Schwierigkeiten überschatteten das Projekt

Nicht das einzige Hindernis, welches Samir für sein neuestes Werk begegnet ist. Wollte Amal (Zahraa Ghandour) drei Wochen vor Drehbeginn nicht mehr mitspielen. Doch ein Filmemacher, der seit 1978 ans Filmfestival pilgert und als junger Kamera-Assistent im Schlafsack im Park übernachtet, lässt sich nicht so schnell von seinem Projekt abbringen. Warum wollte Zahraa Ghandour nicht mehr mitmachen? Samir erzählt: «Sie ist eine sehr bekannte Moderatorin, die eine Sendung moderiert, die sehr kritisch mit der irakischen Regierung und der Gesellschaft umgeht. Sie ist auch eine Frauenrechtsaktivistin, ist an jeder Demo ist an vorderster Front dabei. Ihre Mutter hat das Drehbuch von «Baghdad in my Shadow», welches sie zuhause rumliegen lassen hat, gelesen und war entsetzt. ‹Was, ihre Tochter sollte jemanden küssen?› Das gehe überhaupt nicht. »

Eine schwierige Situation, die Samir zum Glück entschärfen konnte. Samir: «Drei Wochen bevor wir nach Bagdhad gehen wollten, hat Zahraa also abgesagt. Wir mussten alles stoppen, die Visas wieder annullieren lassen – es war ein Desaster. Dank dem Druck der irakischen Kulturszene hat sie dann doch noch zugesagt. Aber ihre Mutter hat dann nicht mehr mit ihr gesprochen. Bis sie erste Bilder des Films gesehen hat und realisierte, dass der Film seriös ist und hat Zahraa wieder aufgenommen.»

Doch das Glück war Samir und seiner Crew hold. Und so feiert das Drama «Baghdad in my Shadow» am Filmfestival in Locarno Premiere. Am 28. November kommt «Baghdad in my Shadow» ins Kino.

Zur Person: Samir Jamal Aldin 

Samir Jamal Aldin ist 1955 in Bagdad, Irak, geboren. Er zog als Kind zu Beginn der 60er Jahre mit seinen Eltern in die Schweiz. Anfang der 70er Jahre besuchte er die Schule für Gestaltung in Zürich und machte danach eine Lehre als Typograph. Nach einer Ausbildung zum Kameramann begann er Mitte der 80er Jahre seine eigenen Filme zu realisieren, die an diversen Festivals durch ihren innovativen Charakter Aufsehen erregten. Seine Werkliste umfasst inzwischen über 40 Kurz- und Langspielfilme. In den 90er Jahren arbeitete er zudem für diverse deutsche Sender (ZDF, ARD, PRO 7 u.a.) als Regisseur von Serien und Fernsehfilmen. Samir hat für die Expo 02 Idee und Konzeption des Pavillons «Swiss Love» entwickelt, der grossen Anklang fand. Als Produzent hat sich Samir für vielseitige Spiel- und Dokumentarfilme wie «Dora» (2014) oder «White Terror» (2005) engagiert. Nach dem Dokumentarfilm «Iraqi Odyssey» (2014), steht er für seinen neuen Spielfilm, dem Thriller «Baghdad in my Shadow», wieder selbst hinter der Kamera und greift das Schicksal von Exil- Irakern in London auf.

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