«Für westliche Journalisten wird es in China immer wieder unangenehm»

Carlotta Henggeler

22.7.2020 - 13:54

Pascal Nufer war SRF-Korrespondent in China. Auch nach fünf Jahren blieb ihm das Land fremd, die Arbeit war zermürbend. Mit der Dok-Serie «Mein anderes China» tauchte er tiefer in die Lebensart ein und versuchte, die Volksrepublik zu verstehen. 

Als TV-Korrespondent liefert Pascal Nufer scharfe Analysen aus dem südostasiatischen Raum. Kritisch hinterfragt er die Politik und die Machenschaften Chinas. Eine anstrengende Zeit für den Schweizer Journalisten, wie er im Interview zugibt. Trotzdem gibt er mit «Mein anderes China» dem Staat – und vor allem den Menschen – eine zweite Chance. Sein Ziel: Er möchte das Schöne finden. 

In der vierteiligen Serie taucht Pascal Nufer in die chinesische Rockszene ein, erlebt berührende Gastfreundschaft, bereist das Land bis zum Himalaja-Gebirge und verbringt Zeit mit den Menschen, die ihn in den Jahren seines Aufenthalts begleitet haben.

Herr Nufer: Über fünf Jahre haben Sie mit Ihrer Familie als SRF-Korrespondent in Schanghai gelebt. Zurück in der Schweiz: Was schätzen Sie nach diesem Aufenthalt wieder mehr an der Schweiz?

Ich verstehe heute besser, warum viele Chinesinnen und Chinesen so fasziniert sind von der Schweiz. Es ist die Vielfalt auf so engem Raum, landschaftlich und kulturell, welche die Schweiz so einzigartig macht. Es mag nach abgedroschenen Klischees klingen, doch es sind die Klassiker, wie die frische Luft, die Natur, die gleich hinter den Stadtgrenzen beginnt oder das Trinkwasser, das aus den Hähnen fliesst, die ich tatsächlich wieder mehr schätze. Fast noch wichtiger ist aber wohl das System, das mich als Bürger ernst nimmt und nicht verachtet oder bevormundet. Wie kaum zuvor empfinde ich es als grosses Privileg, in einem Land zu leben, in dem Rechtssicherheit herrscht und nicht die Willkür einer autoritären Elite regiert.

Schoggi, Pommes Chips, Cervelat, Aromat oder ein anderes Schweizer Produkt: Was hat Ihnen aus der Schweiz am meisten gefehlt?

Schanghai ist eine Weltstadt, in der man alles kaufen kann, was käuflich ist, da gehören auch die allermeisten Produkte aus der Schweiz dazu. Und so sind es eben die unkäuflichen Produkte, die mir fehlten, wie saubere Luft, Freiheit und manchmal auch einfach etwas mehr nicht so kommerzielle Kultur.

Die Sprache sei auch eine Barriere gewesen. Welches ist Ihr chinesisches Lieblingswort?

Ich habe nie aufgegeben, Chinesisch weiter zu lernen, bin aber nebst Job und Familie leider nie so weit gekommen, wie jemand, der Sinologie studiert hat oder sich über mehrere Semester einfach der Sprache widmen konnte. Eine chinesische Redensart, die ich wunderschön finde, ist ‹Chi fan le ma?›, was eigentlich so viel heisst wie: ‹Hast du schon gegessen?› Hinter der Frage verbirgt sich aber viel mehr. Unter Freunden ist sie eine Grussformel, ähnlich wie ‹Hallo› oder ‹Wie geht es dir›. Natürlich zeigt sie auch, wie wichtig ein voller Magen und gutes Essen in China sind. Essen ist geradezu heilig in China.

Nach fünfeinhalb Jahren in Schanghai sei Ihnen die Volksrepublik fremd geblieben. Weshalb Sie sich auf Reisen gemacht haben, um für die Dok-Reihe ‹Mein anderes China› noch mehr ins Land einzutauchen. Verstehen Sie die Mentalität der Chinesen jetzt besser?

Als Korrespondent für die Nachrichtensendungen ‹Tagesschau› und ‹10vor10› lag mein Fokus stark auf der Politik und der Wirtschaft und damit automatisch auf dem ‹System China›. Was oft zu kurz kam, waren die Menschen, die sich hinter diesem System verbergen. Mit der Dok-Serie hatte ich nun die grossartige Chance, mich noch einmal auf eine Reise zu begeben, um den Menschen zu begegnen und nicht dem kommunistischen Machtapparat. Das hat mir tatsächlich sehr geholfen, den Chinesinnen und Chinesen noch einmal anders zu begegnen und sie besser zu verstehen.

«Ich brauchte selber eine Weile, bis ich verstand, dass der Mann einfach glücklich war, so, wie er lebte.»

Welche Begegnung hat Sie am meisten beeindruckt?

Im Himalaja bin ich einem buddhistischen Hirten und seiner Familie begegnet. Ich wollte von ihm wissen, was er sich denn noch von der Zukunft wünsche. Was ihm noch fehle zu seinem Glück. Der einfache Mann verstand meine Frage überhaupt nicht. Das Konzept, nach etwas Höherem, etwas Besserem zu streben, lag ihm komplett fern. Das war für mich einer der beeindruckendsten Momente, als Mensch aber auch als Journalist. Es hat mir einmal mehr gezeigt, wie schon unsere Fragen unser Weltbild beinhalten. Ich brauchte selber eine Weile, bis ich verstand, dass der Mann einfach glücklich war, so, wie er lebte.

Gab es auch eine brenzlige Situation während Ihrer Arbeit? Journalisten werden vom Staat überwacht.

Für uns westlichen Journalisten gibt es immer wieder sehr unangenehme Situationen, in denen wir mit der Staatsgewalt in Konflikte geraten. Allerdings ist das in keinem Vergleich zu dem, was unsere chinesischen Kollegen erleben. Noch viel unangenehmer ist es oftmals für unsere Interviewpartner, die nicht selten nach den Interviews Besuch von den Behörden bekommen und danach ausgequetscht werden.

Für den Dok haben Sie sich in Ihre Zukunft blicken lassen. Sie waren bei Wahrsagern, in einem Tempel und gar bei einer Wassergöttin. In Asien ist das Tradition. Hat eine Vorhersage ins Schwarze getroffen? Eine spezielle Erfahrung.

Ich glaube ja wirklich nicht an solche Prophezeiungen und habe nach all den Besuchen auch besser verstanden, warum so viele Menschen Rat bei Wahrsagern oder Feng-Shui-Meistern suchen: Ihre Antworten bilden oft einfach eine Grundlage, um über wichtige Fragen im Leben nachzudenken. In der Summe kann ich vielleicht sagen, dass eine Tarot-Legerin in Schanghai die Situation am besten analysierte. Sie sagte mir, dass mein Verhältnis zu China noch auf dem Kopf stehe und ich mehr in Freundschaften investieren sollte, um dies ins Lot zu bringen. Daraus entstanden dann eben die drei weiteren Filme, in denen ich bewusst noch einmal die Leute und Orte besuchte, die mir über die Jahre wichtig geworden waren.

Stehen neue Projekte an?

Als Nächstes freue ich mich nun auf die Vernissage meines neuen Buches ‹Faszination China – Mythen, Macht und Menschen›. Nach der Dok-Serie ist das Buch das letzte Mosaiksteinchen, das mir noch fehlte, die unglaublich intensive Chinazeit sauber abzuschliessen. Das Buch geht entlang den Themen der Filme, verarbeitet die grossen Themen aber noch tiefer.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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