Frankfurter «Tatort»: Wer war die schöne Agententochter?

tsch

13.9.2020 - 21:45

War dieses Frankfurter «Tatort»-Agentenstück nicht ein wenig überzogen? Oder sollte die Doppelagenten-Mär gar eine Parodie auf Serien wie «Homeland» oder «The Americans» darstellen?

Zum zwölften Mal ermittelten Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) in Frankfurt. «Funkstille» war eine Folge, die sich nicht so richtig entscheiden konnte oder wollte – zwischen klassischem Whodunit-«Tatort», dysfunktionaler Familienstudie und humoristisch angehauchtem Agenten-Thriller.

Perfekt funktioniert hat diese Genre-Gemengelage sicher nicht. Die Fallhöhe nach dem letzten Frankfurt-«Tatort» – dem philosophischen April-Highlight «Die Guten und die Bösen» samt bewegendem Abschied von Episoden-Star Hannelore Elsner – war aber auch reichlich gross. Wer waren die mit grossen Vorschusslorbeeren geschmückten Kreativen hinter diesem Agentenstück? Und wer die eher unbekannten Gast-Schauspieler, die einem doch irgendwie bekannt vorkamen?

Worum ging es?

Ein 19-jähriger Videoblogger kam gewaltsam in einer verlassenen Fabrikhalle zu Tode, die er in seiner Reihe mit «Lost Places» vorgestellt hatte. Der alleinerziehende Vater des Jungen (stark: Henning Peker) ist am Boden zerstört, ebenso wie die 17-jährige Nachbarstochter Emily Fisher (Emilia Bernsdorf). Offenbar war sie in das Opfer verliebt und befand sich noch am Abend des Mordes auf dem Weg zu einem Treffen mit dem Toten.

Emilys Eltern sind die perfekt Deutsch sprechenden Amerikaner Raymond (Kai Scheve) und Gretchen Fisher (Tessa Mittelstaedt). Sie leben in einem schönen Haus mit Pool. Streng, aber liebevoll scheint es dort zuzugehen. Die Fishers sind bestens in die deutsche Nachbarschaft integriert. Gretchen arbeitet im US-Konsulat in Frankfurt, Raymond bei einer grossen Versicherung. Trotzdem haben die Kommissare Janneke (Margarita Broich) und Brix (Wolfram Koch) bald den Eindruck, dass irgendetwas mit dieser Familie nicht stimmt.

Worum ging es wirklich?

Diese Frage ist gar nicht leicht zu beantworten – selbst wenn «Funkstille» kein besonders fordernder «Tatort» in Sachen Gehirnakrobatik war. Es gab kaum Verdächtige, früh lag der Fokus auf dem Versteckspiel der Familie Fisher. Viel wichtiger als die Frage, wer der Mörder war, erschien bald das Enigma um das dysfunktionale Family-Dreiergepann Raymond, Gretchen und Emily Fisher. Am Ende kam heraus, dass die Fisher-Eltern als Doppelagenten für die USA und Russland arbeiteten.

Vor der Tochter hatte man die anspruchsvolle Dreifach-Identität geheim gehalten, was psychohygienisch natürlich schiefgehen musste. Insofern, das suggerierte auch die finale Schrei-Szene der Tochter alleine im Bungalow, erzählte dieser «Tatort» von der Perversion eines authentischen Familienlebens, in dem sich die Menschen niemals so verhalten, wie sie wirklich sind. Schnödes Fazit der etwas bemühten Geschichte: Wer im nächsten Umfeld vor allem Lügen lebt, wird böse enden!

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Wer waren die Kreativen hinter dem «Tatort»?

«Funkstille» war bereits der dritte Janneke- und Brix-«Tatort» aus der Feder des Autorenpaares Stephan Brüggenthies und Andrea Heller. Nach «Wendehammer» (2016) über einen paranoiden Tech-Unternehmer, der in einem voll vernetzten Haus lebt, und «Das Monster von Kassel» (2019), in dem «Bad Banks»-Entdeckung Barry Atsma einen fiesen Talkshowmoderator gab, stellte «Funkstille» ein weiteres Mal gutbürgerliche Nachbarschaften auf den Prüfstand.

Wie in den Vorgängerstudien geschah dies durchaus mit grimmigem Humor, denn Brüggenthies und Heller scheinen den wahren Horror des Lebens vor allem in den Bungalows und gepflegten Gärten der gehobenen Mittelschicht zu vermuten. Auffällig ist jedenfalls, dass alle drei hessischen Brüggenthies/Heller-«Tatorte» in eher gut betuchten Vorstadt-Nachbarschaften spielen. Bearbeiten die Autoren in dieser Hinsicht eigene Traumata? Leiden sie unter einer Bungalow-Besessenheit? Ihr nächstes Drehbuch bleibt abzuwarten ...

Wer spielte die Familie Fisher?

Um es vorwegzunehmen: Die Darsteller dieses Familien-Dreigestirns waren ebenso wenig Amerikaner, wie Winnetou-Darsteller Pierre Brice im echten Leben Apachen-Blut durch die Adern rann. Am vertrautesten dürfte «Tatort»-Fans das Gesicht von Mutter Gretchen gewesen sein. Es gehört Tessa Mittelstaedt, früher als Assistentin Franziska im Köln-«Tatort» aktiv. In einer denkwürdig brutalen Folge, die auch «Franziska» hiess, starb sie 2014 den Filmtod.

Ihr Film-Mann Raymond wurde von Kai Scheve verkörpert, ein 1966 geborener Sachse, der später seine Schauspielausbildung in Frankfurt absolvierte. Scheve, ein Mann mit viel Theatervergangenheit, spielt in Fernsehfilmen oft Nebenrollen. Insofern dürfte er froh gewesen sein, in «Funkstille» mal etwas mehr Screentime zu erhalten. Dennoch war der smarte Blonde, der viel Krimi spielt, schon in herausragenden anderen «Tatorten» zu sehen. In «Tiere der Grossstadt», einer der besten Folgen mit den Berliner Ermittlern Karow (Mark Waschke) und Rubin (Meret Becker), spielte Scheve 2018 als zurückgebliebener Mann einer toten Joggerin gross auf.

Wer spielte die schöne Tochter Emily?

Wie so oft bei Jugendrollen war die Schauspielerin auch in diesem Fall keine 17 Jahre alt, sondern hatte schon ein paar Lenze mehr auf dem nicht vorhandenen Buckel. Emilia Bernsdorf, im August 23 Jahre alt geworden, blickt tatsächlich schon auf eine üppige Filmografie zurück. Im ZDF-Krimi «Ein Fall für zwei» spielt sie die wiederkehrende Rolle der Tochter Nina von Benni Hornberg, gespielt von Antoine Monot, Jr.

Angefangen hat die Brandenburgerin als Komparsin und später als Kinder-Darstellerin – und das sogar in oscarprämierten Werken. In «Der ewige Gärtner» (2005) wirkte die Tochter eines Fotografen als «Kleindarstellerin» mit. Tatsächlich gut ausgesucht war Bernsdorf als Tochter von Tessa Mittelstaedt, 46. Die beiden Frauen könnten auch im echten Leben als Mutter und Tochter oder als – mit grösserem Abstand geborene – Schwestern durchgehen.

Wie geht es beim hessischen «Tatort» weiter?

Der nächste «Tatort» der traditionell ambitioniert-kreativen Fernsehfilm-Schmiede des Hessischen Rundfunks ist erst mal ein Murot-«Tatort» mit Narrenfreiheit-Kommissar Ulrich Tukur. «Die Ferien des Monsieur Murot», zu sehen am 22. November, bietet mal wieder einen ziemlich irren Plot. Er geht davon aus, dass Murot während seiner Ferien einen Doppelgänger kennenlernt – und nach seinem Ableben dessen Identität übernimmt.

Wann Wolfram Koch als Paul Brix und Margarita Broich als Anna Janneke wieder ermitteln, steht noch nicht fest. Vom 2. September bis 8. Oktober wurde und wird in der Mainmetropole jedoch die Folge «Wer zögert, ist tot» (Arbeitstitel) gedreht. Petra Lüschow (Buch und Regie, «Petting statt Pershing») erzählt darin von der Entführung des Sprösslings einer gut situierten Familie direkt von einem Golfplatz – bei der viele Ungereimtheiten auftreten. Einen Sendetermin für den neuen Fall gibt es noch nicht.

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