«Tatort: Das Herz der Schlange»

Gibt es tatsächlich völlig unbekannte Tiere und Gifte?

tsch

23.1.2022

Im «Tatort: Das Herz der Schlange» ging es um ultimative Rachepläne und einen perfekten Mord, den wohl auch kühne Krimiautoren als gewagt einstufen würden. Gibt es tatsächlich völlig unbekannte Tiergifte?

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23.1.2022

Hat sich der immer noch junge Saar-«Tatort» mit dem Abgang von Adam Schürks diabolischem Vater, gespielt von Torsten Michaelis, einer seiner grössten Stärken beraubt? Oder wurde es nach drei Vaterkomplex-Filmen Zeit, Platz für etwas Neues zu schaffen? Nachdem 2020 «Das fleissige Lieschen», der erste Fall der beiden jungen, gut aussehenden, aber traumatisch beladenen Buddy-Kommissare Leo Hölzer (Vladimir Burlakov) und Adam Schürk (Daniel Strässer), noch eher krimikonventionell eine Geschichte um grossbürgerliche Kriegsschuld erzählte, ist man seit Film zwei («Der Herr des Waldes») klar im Thriller-Genre unterwegs.

Stammautor Hendrik Hölzemann scheint zudem besessen von Tarantino-artigen Hass- und Rachegeschichten. In seinem dritten Saar-«Tatort: Das Herz der Schlange» ging es nun um den perfekt getarnten (Selbst-)Mord und ein Evil Empire von fast schon Marvel-hafter Grösse. Und das im Saarland!

Worum ging es?

Kommissar Adam Schürk wird während eines Abendessens im Kollegenkreis durch eine Nachricht seines Vaters beunruhigt. Seiner Mutter gehe es schlecht, er möge sofort kommen. Die übrigen Ermittelnden Leo Hölzer, Esther Baumann (Brigitte Urhausen) und Pia Heinrich (Ines Marie Westernströer) werden wenig später zu einem Mordschauplatz gerufen: Die junge Bewohnerin einer Villa liegt brutal erschlagen vorm geöffneten Safe, das Bargeld ist jedoch noch drin.

Ungewöhnlich: Der mutmassliche Einbrecher befindet sich schwerverletzt am Boden neben der Leiche. Er wird in eine Klinik eingeliefert, kommt aber dort auf unnatürliche Weise ums Leben. Auch Adam Schürk bleibt verschwunden, nachdem er eine denkwürdige Begegnung mit seinem Vater hatte, die sicher zu den kühnsten Szenen des neuen «Tatort»-Jahres zählen wird.

Worum ging es wirklich?

Mit einem wahlweise als genial oder absurd zu bezeichnenden Selbstmordplan scheidet Adam Schürks Vater aus dem Leben – und belastet damit seinen Sohn schwer als Mörder. Für Autor Hendrik Hölzemann ist «Das Herz der Schlange» vor allem eine Geschichte über Rache und die Frage, warum sie ein so starkes und «haltbares» Gefühl in so vielen Menschen ist.



«Adam Schürks Vater verwendet seinen letzten Atemzug darauf, sich an seinem Sohn zu rächen, und erst ganz am Schluss hat man die Ahnung, dass ihm klar wird, dass er sich damit vielleicht kolossal geirrt hat», sagt er. «Was passiert wirklich unmittelbar vor dem Tod? Gibt es eine Erkenntnis, einen Sinn für die Verwerfungen des eigenen Lebens, oder geht man einfach ahnungslos unter? Ich glaube an Ersteres, bin aber der Meinung, dass für Adam Schürks Vater diese Erkenntnis, wenn überhaupt, zu spät kommt.» Es dürfte interessant sein, wie der Saar-«Tatort» sein vielleicht stärkstes Motiv, den Hass zwischen dem Ermittler und seinem Vater, in Zukunft ersetzen wird.

Wer spielte den Vater des Kommissars?

Auch wenn die Auftritte des Schauspielers Torsten Michaelis als Adam Schürks Vater in den ersten drei Saar-«Tatorten» nach Devid Striesow nominell Nebenrollen waren: Eigentlich sorgte der 60-jährige Schauspieler als bösester Vater der jüngeren deutschen Filmgeschichte fast immer für die Highlights. Schade, dass er nun wohl raus ist aus dem Plot. Es sei denn, der Krimi spielt in Zukunft die «Rückblenden-Karte».

Torsten Michaelis kennt man als durchgängigen Charakter noch aus einem anderen «Tatort»: Von 2007 bis 2012 spielte er Maria Furtwänglers Vorgesetzten in den Lindholm-Folgen aus Hannover. Bekannter als seine Rollen ist jedoch Michaelis' markante Stimme, die er als Synchronsprecher regelmässig Superstars wie Wesley Snipes, Benicio del Toro oder Martin Lawrence leiht. Auf dem Computerspiele-Markt mischt Michaelis ebenfalls mit. Auch hier sind düstere Helden wie Max Payne sein Metier.

Gibt es noch völlig unbekannte Tiere und deren Gifte?

Tatsächlich werden immer noch jedes Jahr zahlreiche Tier- und Pflanzenarten neu entdeckt. Tiergifte kann man nach den Recherchen von Drehbuchautor Hendrik Hölzemann grob in drei Kategorien einteilen: Gifte, die das Nervensystem angreifen, Gifte, die das Blut angreifen, und Gifte, die das Zellgewebe angreifen. Oft enthalten Tiergifte jedoch mehrere Toxine, die zusammenwirken und mehr als einen Effekt erzielen. Erforscht werden aber nicht alle, und Antivenome (entwickelte Immunseren) gibt es für noch weniger. «Oft setzt man Pferde oder Schafe dem Gift aus», so Hölzemann, «extrahiert die Antikörper und konzentriert diese dann auf. Ein aufwendiges Verfahren, das sich nicht für seltene Tiere und deren Gifte lohnt.»

Gibt es Gifte, die genauso wirken wie im Film?

Im Film wird Adam Schürk von seinem Vater mit dem Gift eines seltenen Froschs motorisch gelähmt, doch sein Bewusstsein bleibt «wach». So kann er sich nicht gegen den vom Vater «perfekt» geplanten Mord an ihm selbst durch den Sohn wehren. Adam Schürk muss zusehen, wie er den eigenen Vater ermordet, der eine auf ihn gerichtete Waffe in der Hand des Sohnes per Armverlängerung mit einem Stock auslöst. Ziemlich verrückt, aber wohl nicht unmöglich.



Doch gibt es Gifte, die so wirken? Noch einmal Autor Hendrik Hölzemann: «Gifte, wie ich sie im Film beschreibe, werden in der Narkose verwandt. Mein Gedanke war also, dass es zumindest schlüssig genug wäre, dass es sie auch im Tierreich geben könnte – und davon bin ich ausgegangen. Ich wollte vor allem eine psychologische Konstellation herstellen und habe nach einem Weg gesucht, der zumindest nicht erwiesenermassen Quatsch ist. Man könnte also sagen, dass dieses Gift und der Frosch fiktiv sind, dass es beides aber mit einiger Wahrscheinlichkeit geben könnte.»

Wie geht es beim Saarland-«Tatort» weiter?

Einen «Tatort» pro Jahr liefert der kleine Saarländische Rundfunk dem ARD-Hauptprogramm zu. Momentan befindet sich der vierte Film des Teams Hölzer, Schürk, Baumann und Heinrich noch in der Entwicklung. Zum ersten Mal wird das Drehbuch nicht von Hendrik Hölzemann stammen. Auf Nachfrage bei der Pressestelle des Senders hiess es dort: «Ein neuer Stoff ist in Entwicklung und wird voraussichtlich in diesem Jahr realisiert. Genaueres steht – vor allem auch wegen Corona – noch nicht fest.»