Vom extrem gefährlichen Gift in Blutwürsten zum Faltenschreck

David Eugster

11.11.2020 - 06:40

Eine Schönheitschirurgin spritzt einer Patientin Botox.
Bild: Getty Images

Es war ein hochpotentes Gift, das der Literat und Wissenschaftler Justinus Kerner vor 200 Jahren in Blutwürsten entdeckte – heute lassen es sich Millionen unter die Haut spritzen, um jünger auszusehen.

Die Idee eines Brunnens, in den man eintaucht, um Jahrzehnte jünger daraus herauszusteigen, ist wohl so alt wie die menschliche Vergänglichkeit selbst. Doch was fliesst im Jungbrunnen der Gegenwart? Wasser aus heiligen Quellen? Vitamin C? Oder gar Kinderblut, wie einige Verschwörungsfanatiker glauben? Nein: Es ist Wurstgift.

Besser bekannt ist das Wurstgift heute als Botox, dem Markennamen des Produkts, mit dem die Firma Allergan nur schon im vergangenen Jahr mehr als 3 Milliarden erwirtschaftet hat. Das Spritzen von Botox hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten als Hardcore-Alternative zu Anti-Aging-Crèmes etabliert: Seit den 2000er-Jahren wird nicht mehr sanft einmassiert, sondern unter die Haut gespritzt, um Falten nicht nur zu verhindern, sondern zu beseitigen.

Straff gespannt wie die Segel eines Viermasters

Botox lähmt die Gesichtsmuskeln und führt so zu einer Glättung der Haut: Runzeln verschwinden und selbst 60-Jährige haben plötzlich wieder Wangen straff gespannt wie die Segel eines Viermasters vor dem Wind. Heute erfreut sich das Mittel immer neuer Anwendungen, der neueste Trend ist der Lip Flip, eine Methode, bei der um den Mund kleine Injektionen vorgenommen werden, um die Lippen durch das Entspannen der Muskulatur voller wirken zu lassen.

Botox hat die Grenze zwischen medizinischem Eingriff und Kosmetik seit der Markteinführung radikal verschoben: Die Angebote sind unkompliziert, Botox gibt’s to go, in den wilden Anfängen in den 2000er-Jahren konnte man den Eindruck bekommen, es ginge bei Botox nur um einen neuen Haarschnitt, einfach fürs Gesicht.

Ein Gramm reicht, um eine Million Menschen zu töten

Doch mittlerweile ist das Spritzen in der Schweiz streng reglementiert, wer ohne Erlaubnis der Gesundheitsdirektion Runzeln glättet, kann mit hohen Strafen belegt werden. Denn Botulinumtoxin ist ein hochwirksames Nervengift, 40 Millionen mal giftiger als Blausäure. Ein Gramm würde ausreichen, um eine Million Menschen zu töten – es ist eine potenzielle biologische Kriegswaffe. Doch wie kam das runzelvernichtende Botulinumtoxin – vom lateinischen Wort botulus für Blutwurst – zu seinem Namen?

Die Anfänge von Botox liegen in deutschen Kochtöpfen zur Zeit der Napoleonischen Kriege: Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam es in Deutschland zu einem rapiden Anstieg der Vergiftungen durch Wurstwaren. Aufgrund des Krieges herrschte allgemeine Armut, die sich auch darin zeigte, dass man Speisen ass, die längst verdorben waren. Insbesondere das Essen von Würsten führte regelmässig zu Vergiftungen ganzer Gruppen: Die Menschen erbrachen Blut, entwickelten Sehstörungen und starben. Schon 1802 warnte die Regierung in Stuttgart vor dem Konsum geräucherter Blutwürste.

Das Gift lauerte im Fett der Würste

Der junge Arzt Justinus Kerner ging dem Rätsel der Wurstvergiftungen auf den Grund – und war erfolgreich: Mit 29 Jahren publizierte er 1820 «Neue Beobachtungen über die in Württemberg so häufig vorfallenden tödlichen Vergiftungen durch den Genuss geräucherter Würste». Er beschrieb darin den Krankheitsverlauf von über siebzig an Botulismus Erkrankten und verglich verschiedene Wurstrezepte. Er stellte fest, dass in dem verdorbenen Fett der Würste ein Gift entstanden war – das «Wurstgift».

Ab 1821 fütterte Kerner Vögel, Heuschrecken, Katzen und Hasen mit einer Mischung aus Botulinumtoxin und Honig und beobachtete die tödliche Wirkung. Später träufelte er sich auch selbst etwas Gift in den Rachen und beobachtete interessiert ein Würgen im Kehlkopf, ein Stechen in der Urinröhre und ein Austrocknen der Haut – insbesondere fingen die Augen zu spannen an. Er schloss daraus, dass er es mit einem starken Nervengift zu tun hatte.

Aus «Wurst-Kerner» wird ein Fleischskeptiker

Obwohl ihm seine Entdeckung den Übernamen «Wurst-Kerner» eintrug, entwickelte sich Kerner zu einem Fleischskeptiker – er giftelte in seinen Schriften gegen den Hang zu übermässigem Fleischkonsum und wünschte sich die Zeiten zurück, in der die Menschen noch «keine so fleischfressenden Thiere waren, da wir noch mehr von Kraut und Früchten lebten».

Kerner schrieb auch Gedichte, die heute als «vegetarische Gedichte» durchs Netz geistern, in denen er sich beispielsweise in ein Kalb vor der Schlachtung versetzt. Kerner war ein Mann vieler Talente: Der Arzt schrieb nicht nur Gedichte, er interessierte sich auch für die heilende Kraft von Musik und gilt als einer der Begründer der Musiktherapie.

Justinus Kerner wird beim Maultrommelspielen von einer Erscheinung überrascht – Bleistiftzeichnung Kerners.
Wikicommons

Doch es kommt ihm auch die Ehre zuteil, der Vater von Botox zu sein, oder zumindest dessen Urgrossvater. Denn er begnügte sich nicht mit Anweisungen, wie Würste künftig zu kochen und zu konservieren seien, um die Giftentstehung zu verhindern, sondern er entwickelte auch Ideen, wie man das Gift für medizinische Zwecke nutzen konnte.

Ein Wundermittel gegen Zuckungen?

So erhoffte er sich, das Wurstgift als Mittel gegen den Veitstanz einsetzen zu können – heute besser bekannt als Chorea Huntington, eine Krankheit, die sich unter anderem in Bewegungsstörungen und unkontrollierten Zuckungen äussert.

Lange galt Botulinumtoxin nur als tödliches Gift – erst spät kam eine Form davon, Botulinumtoxin A, als medizinisches Mittel zum Einsatz: Die lähmende Wirkung wurde ab den 1970er-Jahren verwendet, um das Schielen der Augen zu korrigieren. Schielen entsteht dadurch, dass ein Augenmuskel zu stark dreht – dieser sollte mit Botulinum vorübergehend gelähmt werden, damit der andere wieder aktiver werden konnte. Hier kam das Wurstgift auch zu seinem ersten Markennamen: Dr. Alan Scott nannte das Gift, das er Schielenden spritzte, Oculinum™.

Es war die Augenärztin Jean Carruthers, die die Wirkung von Botox entdeckte, für die es heute bekannt ist. Der Legende nach schwärmte eine Patientin, der sie Botulinumtoxin regelmässig gegen ihr Augenzucken spritzte, eines Tages davon, dass sie nach den Behandlungen immer so einen schönen Gesichtsausdruck habe.

Die Assistentin musste ihre Stirn herhalten

Das Ehepaar Carruthers – auch Jeans Mann war Augenarzt – begann 1987 mit Selbstexperimenten und spritzte Wurstgift in die Stirn ihrer Assistentin. Die beiden Kanadier haben bis heute recht glatte Gesichter: Reich wurden sie nicht. Ihre Idee, Botulinumtoxin beziehungsweise Oculinum™ für kosmetische Zwecke zu benutzen, verbreitete sich Ende der 1980er langsam über den ganzen Globus – patentiert haben sie sie allerdings nicht.

1991 kaufte Allergan Alan Scott die Patentrechte für Botulinumtoxin ab – für läppische 9 Millionen Dollar. 2002 wurde es unter seinem neuen Namen Botox von der Food and Drug Administration in den USA zur Benutzung freigegeben und machte aus der Firma Allergan, die zuvor mit Augentröpfchen und Akneprodukten relativ kleine Brötchen buk, einen milliardenschweren Player.

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