So sehr wütet die italienische Mafia in Deutschland und der Schweiz

tsch

29.11.2020 - 21:45

Zum 50-Jahre-Jubiläum des «Tatorts» sendet das Erste einen Mafia-Zweiteiler, der in Dortmund und München spielt. Wie realistisch ist die Idee, dass die Mafia so viel Einfluss in Deutschland – und in der Schweiz –hat?

Eines muss man der ARD lassen: Das Timing des 50-Jahre-«Tatort»-Jubiläums stimmte perfekt. Auf den Tag genau vor genau 50 Jahren, am 29. November 1970, lief die erste Folge, der Krimi «Taxi nach Leipzig». Ein halbes Jahrhundert später kommt es nun zur Begegnung des Ruhrpott-Quartetts Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) mit seinen bayerischen Kollegen Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl).

«Experimentell» wie im Jahr 2016 die 1000. Folge des Formats – Axel Milberg und Maria Furtwängler fuhren darin gemeinsam vorwiegend Taxi – ging es diesmal nicht zu. Stattdessen präsentierten WDR und BR mit «In der Familie» eine sehr präzise Mafia-Geschichte, deren Kälte einen erschaudern liess. Aber ist sie auch realistisch?

Worum ging es?

Der kaltblütige Mörder (Emiliano de Martino) eines kleinen Drogendealers kann der Polizei in München knapp entkommen. Zusammen mit einer Drogenlieferung wird er nach Dortmund gebracht. Dort unterhält die 'Ndrangheta, wie die Mafia in Kalabrien heisst, eine Art Logistikzentrum für Kokain. Unter dem Deckmantel einer unscheinbaren Pizzeria wird das Koks hier von einem Laster auf andere verteilt und über nahe Verkehrsknotenpunkte über das nördliche Europa verteilt.

Die Pizzeria gehört Luca Modica (Beniamino Brogi) und seiner deutschen Frau Juliane (Antje Traue). Blutjung sind die beiden Eltern der mittlerweile 17-jährigen Sofia (Emma Preisendanz) geworden. Die Mafia sorgte damals fürs Startkapital der mittellosen deutsch-italienischen Familie. Nun muss sie alles tun, was ihr die Verbrecherorganisation sagt – während die Dortmunder und Münchner Kommissare vor dem unscheinbaren Restaurant auf der Lauer liegen.

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Worum ging es wirklich?

«In der Familie», der Titel des Doppel-«Tatorts», gibt die Analyse vor: Top-Drehbuchautor Bernd Lange («Das Verschwinden») erschuf ein fast griechisch anmutendes Drama, das enge, eben «familiäre» Beziehungsstrukturen sezierte. Dabei wurde ein fatales Dreieck aus Liebe, Zwängen und faktischen Abhängigkeiten bespielt, das den handelnden Personen keinen anderen Ausweg liess, als eine menschliche Tragödie zu produzieren.

Der berührendste Moment in diesem «Tatort», der Mord des Pizzeria-Inhabers an seiner geliebten Frau auf Befehl der Mafia, geriet so traurig, weil er in all seiner Widerwärtigkeit in Anbetracht der Sachzwänge alternativlos blieb. Teil zwei muss nun ohne «Geheimstar» Antje Traue auskommen, die bereits mehrere Male für Hollywood drehte und in deutschen Projekten wie «Der Fall Barschel» oder der Serie «Weinberg» zu sehen war.

Wer waren die anderen Schauspieler?

Auffällig gut, weil sehr natürlich, spielte Emma Preisendanz, 18-jährige Newcomerin aus München, die Tochter der Pizzeria-Betreiber. Dass die konsequent Italienisch sprechenden Mafiosi ebenfalls von in Deutschland weitgehend unbekannten Darstellern gespielt wurden, war eine Stärke des Krimi-Dramas, dessen Personal auch deshalb unberechenbarer erschien.



Emiliano de Martino, der den familiären Eindringling Pippo verkörperte, war zum ersten Mal in einer deutschen Filmproduktion zu sehen. Der Italiener ist in seiner Heimat seit Mitte der 90er bekannt, als er eine Kinderrolle in einer Soap innehatte. Auch mit Mafia-Parts kennt sich der 38-Jährige aus. 2013 spielte er im Camorra-Epos «Malanapoli – La ventunesima stella». Familienvater Luca Modica wurde von Beniamino Brogi dargestellt, der als Nori in der Serie «Die Medici: Herrscher von Florenz» mitwirkte. Absurderweise war der Deutsch und Englisch sprechende Italiener auch im Blockbuster «The First Avenger: Civil War» mit von der Partie – und zwar in einer Mini-Rolle als deutscher Nachrichtensprecher!

Wie sehr mischt die Mafia in Deutschland mit?

Die italienische Polizei geht davon aus, dass die 'Ndrangheta europaweit 60 bis 80 Prozent des Kokainmarktes kontrolliert. Das Koks wird oft aus Lateinamerika zusammen mit legalen Gütern wie Bananen, Reis oder Holz an Unternehmen verschickt, die sich im Besitz der Mafia befinden. Seit Mitte Oktober stehen in Düsseldorf 14 Männer vor Gericht, fünf von ihnen sind mutmassliche Mitglieder des kalabrischen 'Ndrangheta-Syndikats. Es geht um 680 Kilogramm Kokain, das zu Preisen von bis zu 36'000 Euro pro Kilo verkauft werden sollte. Die Deutsche Welle berichtete ausführlich von dem Fall.

Neben dem Kokain-Handel ist der «Verkauf» von Lebensmitteln an Gastronomen ein beliebtes Geschäftsfeld der Mafiosi in Deutschland. «Dem Bundeskriminalamt liegen seit 1990 Erkenntnisse zu 23 Tötungsdelikten mit insgesamt 30 Todesopfern in Deutschland vor, die der italienischen Mafia zugerechnet werden», heisst es in einem dpa-Bericht.



Was das Ausmass an Schutzgeldzahlungen italienischer Restaurants an die Mafia betrifft, sollen diese früher sehr verbreiteten Delikte nachgelassen haben. Dafür hat die Mafia jetzt eine neue Masche: Wenn Gastwirte zu überhöhten Preisen minderwertige Lebensmittel einkaufen müssen, kann das organisierte Verbrechen am Ende nur wegen «Nötigung» und nicht wegen schwererer Delikte angeklagt werden. Besonders aktiv, so der dpa-Bericht Ende 2019, sei die Mafia in Baden-Württemberg, Bayern, Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Und wie ist die Lage in der Schweiz?

Hierzulande ist es ebenfalls die 'Ndrangheta, die immer wieder in die Schlagzeilen gerät. So sorgte Ende Juli die Nachricht für Aufsehen, dass bei einer gemeinsamen Razzia in der Schweiz und in Italien 75 Mitglieder der kalabrischen Mafia festgenommen wurden.

In der Schweiz gilt die 'Ndrangheta als fest etabliert. Der bisher spektakulärste Schlag gegen die Organisation war hierzulande die Aufdeckung einer ihrer Zellen in Frauenfeld im März 2016. 13 Italiener wurden damals festgenommen. Die meisten von ihnen wurden an Italien ausgeliefert.



Wie geht es in Teil zwei weiter?

Am Sonntag, 6. Dezember, 20:15 Uhr, wechselt die Handlung nach München und Umgebung. Trotzdem bleibt die Erzählung wie aus einem Guss. Und das, obwohl Teil zwei unter der Regie von Pia Strietmann entstand, die im Januar 2020 auch für die Münchener Episode «Unklare Lage» verantwortlich war. Der von der Kritik gelobte Krimi war vom Anschlag im Olympia-Einkaufszentrum 2016 inspiriert.

Wer auf etwas mehr Humor als im grimmig-tragischen Teil eins hofft, kommt im zweiten Film zumindest teilweise auf seine Kosten. Verantwortlich dafür ist ein Besuch des Dortmunder Amok-Kommissars Faber in der bayerischen Metropole beziehungsweise sein polternder Umgang mit den altersweisen, süddeutsch-gelassenen Kollegen Batic und Leitmeyr. Man darf sich auf den ein oder anderen – tatsächlich furiosen – Dialog freuen!

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