Keine Experimente? Der «Tatort»-Fan mag auch den etwas anderen Fall

von Andreas Heimann, dpa

2.3.2018

Was erwartet der Zuschauer vom «Tatort»? Darf es ruhig mal etwas gewagter sein? Die Einschaltquoten zeigen: Auch die ungewöhnlichen Plots haben ihre Liebhaber und zuletzt oft sogar Rekordwerte.

«Keine Experimente» - mit dieser Forderung zog die CDU 1957 in den Bundestagswahlkampf - mit Blick auf den «Tatort» sehen das manche noch heute so. Trotzdem testen manche Autoren der Reihe zuweilen neue Versuchsanordnungen. Mit «Waldlust» steht am Sonntag (4. März) wieder ein Krimi an, der von sich reden machen könnte. Eine Woche zuvor lief ein «Tatort» aus Kiel der etwas anderen Art mit Axel Milberg. Und das war nicht der erste ungewöhnliche in diesem Jahr.

Experimentell, aber den Zuschauern hats gefallen

Milberg als Kommissar Borowski hatte auf einer unwirklich nebligen, kleinen Nordsee-Insel namens Suunholt zu tun, auf der ein Mann beim Sex in der Badewanne ertränkt und ein Jungbauer erst verprügelt und dann den eigenen Schweinen zum Frass vorgeworfen wurde. Aber nicht nur das: Borowski erlag auch der sirenenhaften Anziehungskraft der Geliebten des ersten Toten, die ihr Gedächtnis partiell verloren hatte.

Mal stand er verloren am Strand und blickte auf seltsame Wetterphänomene, die wirkten wie aus einem Katastrophenfilm, mal gab es düstere Anspielungen auf die todbringende Flutwellen, die das sagenumwobene Rungholt im Mittelalter zerstört haben sollen. Irgendwie experimentell - aber: Den Zuschauern hat es gefallen.

Jedenfalls stimmten die Einschaltquoten: «Borowski und das Land zwischen den Meeren» hatte im Schnitt 10,24 Millionen Zuschauer, der Marktanteil lag bei starken 27,9 Prozent. Ein Superwert für einen Kieler «Tatort» - nach den Daten der ARD-Medienforschung war es der zweitbeste überhaupt. Nur im Januar 2015 gab es mit 10,64 Millionen (28,3 Prozent) schon einmal bessere Zahlen.

Axel Milberg, Darsteller des eigenwilligen Ermittlers Klaus Borowski (61), nahm am Tag nach der Ausstrahlung in der «Bild»-Zeitung Stellung zur Frage nach etwas ungewöhnlicheren «Tatort»-Folgen: «Ich will keine Fertigbauteile der Fernsehunterhaltung produzieren und denke auch nicht in Kategorien wie experimentell und nicht-experimentell.» Diese Diskussion höre ohnehin auf, wenn «ein sogenannter experimenteller 'Tatort' sehr erfolgreich läuft».

Verworren - und ausgesprochen erfolgreich

Eine Woche davor war der «Tatort» aus Berlin zu sehen. Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) ermitteln in der Folge auf der Berlinale. Und dabei stellen die beiden schnell fest, dass der Mörder dem Drehbuch eines Films zu folgen scheint, der auf dem Filmfestival Premiere hat und selbst wieder Bezug auf den Filmklassiker «Taxi Driver» nimmt, der Film im Film im Film also. Ganz schön «Meta» - so hiess die Folge dann auch.

Und die war ebenfalls ausgesprochen erfolgreich: Im Schnitt 10,23 Millionen Zuschauer schalteten ein. Auf über 10 Millionen Zuschauer sind im ganzen vergangenen Jahr nur fünf Fälle gekommen.

Fast an diese Marke kam Anfang Februar der «Tatort» aus Dortmund, auch ein etwas abgedrehter Fall, der fast ausschliesslich in einem Gefängnis spielte, in dem gerade ein Häftling an Tollwut gestorben war.

Kommissar Faber (Jörg Hartmann) argwöhnte, dahinter stecke ein weiterer Häftling, ein pathologischer Krimineller, eine Art Verkörperung des Bösen, der schon seine Frau und seine Tochter umgebracht habe. Im Schnitt 9,70 Millionen Zuschauer sahen zu - das war der beste Wert für das Dortmunder «Tatort»-Team überhaupt.

Ungebrochene Anziehungskraft

«Der Start ins Jahr 2018 demonstriert eindrucksvoll, wie ungebrochen die Anziehungskraft der so unterschiedlichen 'Tatort'-Teams ist», teilte der ARD-«Tatort»-Koordinator Gebhard Henke der Deutschen Presse-Agentur mit. «Es gibt für die Auf und Abs des 'Tatorts' im Lauf der Jahrzehnte keine monokausalen Erklärungen.» Offenbar seien die Jahreszeit, das Gegenprogramm, die gefühlte Weltlage genauso relevant wie die unterschiedliche Wertschätzung einzelner Teams und Erzählweise und Inhalte einzelner Folgen, glaubt Henke. «Es gibt 'den erfolgreichen Tatort' nicht nach Rezept.»

«Doller kann's kaum werden.»

Das stimmt wohl. Kein Erfolg war «Babbeldasch» - der umstrittene Improvisations-«Tatort» im Februar 2017 hatte nur 6,34 Millionen Zuschauer. Regisseur Axel Ranisch verzichtete dabei auf ein klassisches Drehbuch und setzte auf Laiendarsteller, die Pfälzer Dialekt sprachen. Volker Herres, der Programmdirektor des Ersten, sagte der «Bild am Sonntag» kurz darauf: «Zum 'Tatort' gehören immer wieder auch einmal mutige Experimente. Das ist okay, solange es nicht in einen Wettlauf der Redaktionen mündet, wer den abgedrehtesten Film produziert.»

Am Sonntag ist «Waldlust» zu sehen, der nächste Fall von Axel Ranisch, der erneut ohne festes Drehbuch auskommt. Angst vor den Reaktionen hat der Regisseur nicht: «Ich hab' die Kritik zum ersten ja auch verkraftet. Doller kann's kaum werden.»

Der «Tatort: Waldlust» läuft am Sonntag, 4. März, um 20.05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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