Luca Hänni tanzt sich ins Finale – und zu mehr?

Von Lukas Rüttimann

17.5.2019

Endlich wieder mal ein Erfolgserlebnis für die Schweiz am ESC. Nicht nur, weil die Konkurrenz kaum einen Ton traf, darf man sagen: Das war sowas von verdient.

Fast schien es wieder so wie fast immer in den letzten Jahren. Nur noch zwei Tickets für das Finale waren übrig, und noch immer sass Luca Hänni zitternd und mit leeren Händen im Green Room. Doch nicht nur Sven Epiney am SRF-Mikrophon befand fast schon trotzig: «Das darf nicht sein. Nein, diesmal muss es einfach klappen!»

Und so kam es dann auch – als zweitletztes Land wurde der Schweiz der Einzug ins ESC-Finale am Samstag gewährt, und Hänni und seine Tänzer lagen sich jubelnd in den Armen.

Tatsächlich hatte der Berner zuvor eine überzeugende Show aufs Parkett in Tel Aviv gelegt. Sein Song «She Got Me» mag nicht das grossartigste Beispiel europäischer Songwriter-Kunst sein, und auch der Text ist nicht übermässig intellektuell (Auszug: «When she go low, when she go low, she go so low, she go so low, oh, she know oh»)

Doch das Lied hat Drive, macht Spass, der Refrain ist ungemein catchy, und vor allem setzten Hänni und seine Tänzer das Ganze mit einer konsequent rot eingefärbten Breitwandformat-Optik visuell und tänzerisch gnadenlos gut um. Das Publikum in Tel Aviv jedenfalls war spürbar begeistert, und auch am TV-Bildschirm kam das gut rüber.

Kakophonie der Misstöne

Dass bei der ganzen Rumhampelei mal der eine oder andere Ton daneben gegangen ist? Schwamm drüber. Im Vergleich mit seinen direkten Konkurrenten im zweiten – gerüchteweise dem qualitativ besseren – Halbfinal schnitt der Schweizer Sänger jedenfalls ausserordentlich gut ab.

Denn das ESC-Jahr 2019 wird bislang zumindest nicht nur von besonders vielen balladesken – man könnte auch sagen: langweiligen – Nummern dominiert, sondern auch von einer selten gehörten Massierung an Misstönen. Was gestern etwa von Albanien, respektive der Sängerin Jonida Maliqi (notabene auch eine Finalistin), an schiefen Tönen zu hören war, war stellenweise schmerzhaft. Und bei den Beiträgen von Malta, Österreich, Litauen, Russland, Dänemark und Kroatien wars kaum besser.

Immerhin hielt der kroatische Barde die schöne ESC-Tradition von grenzdebilen Bühnenoutfits hoch. So schrie sich Sänger Roko mit riesigen Engelsflügeln durch seinen Schmachtfetzen, während allzu gewagte Outfits ansonsten doch eher Mangelware waren. Top-Favorit Holland mit Sänger Duncan Laurence jedenfalls präsentierte seine Piano-Ballade in einem Outfit, als käme er gerade von der Strandbar nebenan. Und auch die Sängerinnen gaben sich gestern durchs Band eher brav als sexy.

Liegt für Hänni der Sieg drin?

Nicht nur deshalb darf man am Samstag für einmal von etwas mehr als nur einer Ehrenmeldung träumen. Die Konkurrenz scheint nicht so übermächtig wie auch schon, und dass Song, Show und Star bei der Schweiz stimmen, hat die Begeisterung im Halbfinal gezeigt. Holland, Aserbeidschan oder Russland mögen von den Buchmachern höher gehandelt werden, aber auch ohne patriotische Brille wurden diese drei von Hänni gestern zumindest hart bedrängt, wenn nicht sogar übertroffen.

Kann es am Samstag also vielleicht sogar den ersten Schweizer ESC-Sieg seit Celine Dion 1988 geben? Das mag vielleicht etwas hoch gegriffen sein. Aber für die vielen leidgeprüften Schweizer ESC-Fans wären nur schon mal wieder «douze points» von irgendwem eine ganz tolle Sache.

Das ESC-Finale läuft am Samstag, um 21 Uhr auf SRF1. Mit Swisscom Replay TV können Sie die Sendung bis zu 7 Tage nach Ausstrahlung anschauen.

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