Portugals Wirtschaftskrise mal anders erzählt

11.7.2018 - 08:19, tsch

Crista Alfaiate gibt die schöne Prinzessin Scheherazade - doch sie verkörpert noch weitere Figuren im Epos von Miguel Gomes.
Bild: ARTE / O Som e a Fúria / Shellac
So spielt sie zum Beispiel auch die Punkerin Maria, die sich um den schwer kranken Luís (Adriano Luz) kümmert.
Bild: ARTE / O Som e a Fúria / Shellac
Prinzessin Scheherazade (Crista Alfaiate) erzählt die portugiesischen Geschichten aus «1001 Nacht».
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Selbst die Richterin (Luísa Cruz) muss weinen, wenn sie Scheherazades Geschichten hört.
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Von Tieren und Geistern: In «1001 Nacht» scheint nahezu nichts unmöglich zu sein.
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So wie in «1001 Nacht» von Miguel Gomes hat man Scheherazade (Crista Alfaiate) und ihren Vater (Américo Silva) noch nie gesehen.
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Allein mit dem Wal: Oft bedient sich «1001 Nacht» epischer Bilder.
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Idyllische Natur und urbane Tristesse: Regisseur Miguel Gomes arbeitet vor allem die Widersprüche seines Heimatlandes heraus.
Bild: ARTE / O Som e a Fúria / Shellac
Krisen, Demos, Unzufriedenheit - Regisseur Miguel Gomes zeigt die Brüche und Krisen seines Heimatlandes Portugal.
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Der portugiesische Regisseur Miguel Gomes hat ein sechsstündiges Epos über die Wirtschaftskrise gedreht. Auch wenn es «1001 Nacht» im Titel trägt: Ein Märchen ist es nicht.

Wahre cineastische Epen existieren im heutigen rasanten Filmgeschäft nicht mehr? Falsch, wie der Regisseur Miguel Gomes («Tabu - Eine Geschichte von Liebe und Schuld») beweist: Mit seiner dreiteiligen Neuinterpretation der «Märchen aus tausendundeiner Nacht» schuf der Portugiese ein über sechsstündiges Triptychon bombastischen Umfangs, das ARTE nun an einem Abend zeigt (Ende: 2.25 Uhr!). «1001 Nacht - Der Ruhelose» markiert dabei den Anfang und startet zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr.

Zwischen Realität und Fiktion

Um den Orient geht es allerdings nicht, lediglich die Struktur der legendären Erzählungen wurde übernommen. Die wendet Gomes eindrücklich auf das verarmte Portugal inmitten der Wirtschaftskrise an: Zwischen Realität und Fiktion nähert sich «1001 Nacht» (2015) metaphernreich arbeitslosen Hafenarbeitern, einflussreichen EU-Bürokraten und dem Leben in einer gebeutelten Nation. Eine Prinzessin Scheherazade (Crista Alfaiate) gibt es aber glücklicherweise auch noch. Sie erzählt diese epischen portugiesischen Geschichten aus «1001 Nacht».

Die weiteren zwei Spielfilme beziehungsweise Kapitel des epischen Werks heissen «Der Verzweifelte» (22.10 Uhr) sowie «Der Entzückte» (0.20 Uhr) und folgen jeweils im Anschluss. Mit seinem Filmexperiment legt der portugiesische Ausnahmeregisseur ein ambitioniertes Projekt vor, das mit kaum einem anderen Werk vergleichbar ist. So entwirft Gomes ein nahezu allumfassendes Panoptikum seines Heimatlandes und verleiht der gebrochenen Seele Portugals dadurch ein filmisches Gesicht. Politik und Historie, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kulminieren in einem Epos, das von einer Rahmenhandlung umklammert wird und mit vielen verschiedenen Episoden aufwartet, die unterschiedlicher kaum sein könnten.

Eine Frau, mehrere Rollen

Hauptdarstellerin Crista Alfaiate schlüpft beispielsweise nicht nur in die Rolle der Prinzessin, sondern tritt auch als Geist, Gräfin und Punk in Erscheinung. Die eher triste Lebenswirklichkeit in Portugal erfährt über poetische wie fantastische Überhöhungen einen Spiegel, der sich sämtlichen Gesellschaftsschichten und Generationen widmet. Und so wie es einst dem fiktiven Charakter Scheherazade gelang, den mörderischen Gelüsten des Sultans Einhalt zu gebieten, indem sie ihn mit ihren Geschichten Nacht für Nacht prächtig unterhielt, so kreierte auch Regisseur Miguel Gomes drei unvergessliche Filme. Und genau wie die Prinzessin schafft es auch er, den Zuschauer in keiner Sekunde zu langweilen und ihn stattdessen mit immer neuen Ideen und Geschichten klug zu unterhalten.

Die Kombination aus Komischen, Tragischem und Skurrilem wird womöglich nicht jedem gefallen. Wer aber ein Herz für das Absurde hat, wird mit dem filmischen Kunstwerk seine helle Freude haben - und schlussendlich auch erfahren, inwiefern sich auch bizarre Elemente wie die Thematisierung von Erektionsstörungen harmonisch ins erzählerische Konzept einfügen.

«1001 Nacht - Der Ruhelose» eröffnet die Trilogie um 20.15 Uhr auf ARTE. Es folgen um 22.10 Uhr «1001 Nacht - Der Verzweifelte» und um 00.20 Uhr «1001 Nacht - Der Entzückte». Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendungen bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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