Schlimme Zustände: Wie der Tourismus das Mittelmeer bedroht

tsch

16.4.2018 - 14:33

Umwelthorror statt Urlaubsträume: Das Mittelmeer leidet unter immer mehr Touristen. Vor allem eine Art des Reisens macht Anwohnern und Natur zu schaffen.

Jeden Morgen eine neue Stadt, aber jede Nacht dasselbe Bett: Für alle, die Entspannung statt Abenteuer suchen, gibt es kaum eine bessere Form des Reisens als Kreuzfahrten. Und der Markt boomt. 27 Millionen Passagiere aus der ganzen Welt machen derzeit pro Jahr Schiffsreisen auf dem Mittelmeer, Tendenz steigend. Wie sehr aber die Umwelt unter dem neuen Massentourismus leidet, zeigt der sehenswerte Dokumentarfilm «Mittelmeer in Gefahr» von Alexis Marrant, den ARTE in deutscher Erstausstrahlung zeigt.

Mehr Lungenkrebs durch Umweltverschmutzung

«Kreuzfahrten haben auf dem Mittelmeer in den letzten Jahren stark zugenommen. Das ist gefährlich», sagt der Meeresbiologe Marco Affronte. Die riesigen Pötte, die kreuz und quer durchs Mittelmeer pflügen, verpesten zunehmend die Luft und machen den Bewohnern der Mittelmeer-Metropolen mit ihren Feinstaubemissionen das Atmen schwer. Bis zu 60'000 Europäer, so Schätzungen, sterben jedes Jahr früher, weil sie Luft einatmen müssen, die durch Kreuzfahrtschiffe verschmutzt wurde. In Marseille, einem der grössten Kreuzfahrthäfen des Kontinents, werden immer mehr Fälle von Lungenkrebs gemeldet.

Dabei gäbe es Alternativen. Anstatt dreckiges Schweröl zu verbrennen, könnten die Reedereien ihre XXL-Schiffe auch mit Flüssiggas betreiben oder sie im Hafen ans örtliche Stromnetz anschliessen. Doch nur die wenigsten Betreiber tun das. «Wir haben hier eine ganz massive Lobbyarbeit», sagt Abgasexperte Dr. Axel Friedrich. «Um hier Massnahmen zu verhindern. Das Wichtige, die Abgasemissionen zu reinigen, geschieht nicht.»

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Touristen-Destinationen wehren sich

Doch vor Ort, in den grossen Mittelmeer-Städten, regt sich Widerstand. Auch, weil viele Anwohner unter dem Strom der Touristen leiden, der jeden Tag durch die Strassen ihrer Heimatstädte rauscht. In Palma de Mallorca, einem der grössten europäischen Häfen für Kreuzfahrtschiffe, erzählt Jaume Garau, Abgeordneter der Balearen, dass die neuen Reisenden kaum mehr Geld in den Touristenorten lassen würden. Gegessen und geschlafen wird an Bord der Schiffe, vor Ort kaufe man sich höchstens eine Kugel Eis. «Diese Art von Tourismus ist nicht rentabel für uns», glaubt Garau. Zumal Kreuzfahrten heute auch für Menschen mit geringem Einkommen erschwinglich sind. Venedig hat bereits reagiert: Auf Druck der Unesco dürfen grosse Kreuzfahrtschiffe nicht mehr ins Zentrum der Lagunenstadt einlaufen.

Die Dokumentation von Alexis Marrant zeigt auch, dass nicht nur Kreuzfahrtschiffe das Paradies Mittelmeer bedrohen. Auch der Massentourismus, der auf dem Landweg in Badeorte und Grossstädte einfällt, der zunehmende Containerverkehr und der Klimawandel machen dem empfindlichen Ökosystem zu schaffen. Und es wird wohl nicht besser: Prognosen gehen davon aus, dass sich die Zahl der Mittelmeer-Touristen von derzeit rund 300 Millionen auf 500 Millionen im Jahr bis 2020 erhöhen wird. Keine guten Aussichten.

«Mittelmeer in Gefahr» läuft am Dienstag, 17. April, um 20.15 Uhr auf Arte. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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