«Seitentriebe»-Autorin Güzin Kar: «Schlechter Sex ist kein Klischee»

21.2.2018 - 14:23, von Lukas Rüttimann

Güzin Kar sorgte mit einem Dekolleté-Bild für Aufruhr auf Facebook.
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Hat sich zur Inspiration für ihre Serie bei Paaren in einer Langzeitbeziehung umgehört: Güzin Kar.
Bild: Melek Kaya
2013: Günzin Kar (r.) mit Anne Rueffer und Giusep Nay an der Eröffnungssitzung von «Der Zürcher Prozess» im Theater Neumarkt in Zürich. Im von Milo Rau kreierten Diskussions-Format verhören echte Anwälte echte Zeugen und Experten zu realen Straftatbeständen der Schweizer Rechtsordnung.  
Bild: Keystone
Verleihung des Schweizer Filmpreises 2016: Güzin Kar und die deutsche Schauspielerin Heidi Maria Glössner auf dem roten Teppich.
Bild: Keystone
Güzin Kar 2006 bei einer Lesung in Zürich.
Bild: Keystone

Güzin Kar über die neue SRF-Serie «Seitentriebe», ihre Lust am Provozieren – und warum sie bis heute auf einen wütenden Anruf vom Schweizer Fernsehen wartet.

«Bluewin»: Güzin Kar, Sie sind Spezialistin für einen frischen, frechen Humor mit Massenappeal. Wer in der Schweiz etwas Lustiges macht, gilt oft als exotisch...

Güzin Kar: (unterbricht) ... ich würde sogar sagen – als verdächtig, erst recht als Frau. (lacht) Wenn man dann auch noch eine Serie über das Sexleben in Langzeitbeziehungen produziert, wirds heikel. Ich habe aber selbst aus eher ernsten Kreisen bisher nur gute Reaktionen auf «Seitentriebe» erhalten. Von daher stimmt mich das vorsichtig optimistisch.

Was hat Sie zu dieser neuen SRF-Serie inspiriert?

Der Grundgedanke war dieser: Hollywoodfilme erzählen nur immer bis zum Happy End. Alles, was folgt, findet nicht statt. Ich habe mich gefragt, was bei all den Paaren passiert, die sich zwar noch lieben, aber nicht mehr begehren. Man geht bei uns immer davon aus, dass alle Paare Liebe, Sex und Familienplanung unter einen Hut bringen. Was aber, wenn dem nicht so ist? An diesem Punkt setzt «Seitentriebe» an.

Wie haben Sie recherchiert?

Ich habe zuerst den Fehler gemacht, geeignete Paare aktiv zu suchen. Das hat überhaupt nicht funktioniert, bei den Gesprächen haben sich die Teilnehmer versteift. Deshalb habe ich umgestellt: Ich habe begonnen, ganz beiläufig zu erwähnen, dass ich an einer Serie über Sex in Langzeitbeziehungen arbeite. Diese Beiläufigkeit hat Hemmungen gelöst. Jede und jeder hatte plötzlich etwas zum Thema zu sagen.

Die Neue SRF-Serie «Seitentriebe»
Die Geschichte von Nele und Gianni interessiert immer weniger Zuschauer. Sie wollen noch einsteigen? Darum gehts in «Seitentriebe».
Bild: SRF/Nikkol Rot
Nele und Gianni sind beide attraktive, sympathische Normalos ...
Bild: SRF/Nikkol Rot
... , denen jedoch die Leidenschaft in ihrer Langzeitbeziehung abhanden gekommen ist.
Bild: Screenshot SRF
Das mag zwar abgelutscht klingen, wird aber lustvoll inszeniert.
Bild: Screenshot SRF
Der Sex im Kopf ist heiss, die Realität lauwarm – und dass die Hauptfiguren Städter sind, darf man durchaus als mutigen Schritt werten.
Bild: Screenshot SRF
Als sie sich ausgerechnet an ihrem Hochzeitstag auf einem Seitensprungportal begegnen, ...
Bild: SRF/Nikkol Rot
... beschliessen sie, Hilfe bei einem Paartherapeuten zu suchen.
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Auch ihre Freunde Monika und Heinz führen eine Mittelstandsehe mit klarer Rollenverteilung.
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Nele (Vera Bommer) mit Michi (Nicola Perot) nach ihrem Seitensprung.
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Ehemann Gianni (Nicola Mastroberardino) entdeckt die beiden und schmeisst den Lover Michi (Nicola Perot) im hohen Bogen raus.
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Mit Clara (Sunnyi Melles) und Anton (Peter Jecklin) lebt ein drittes, etwas älteres Paar den beiden jüngeren vor, wie eine Langzeitbeziehung aufregend und harmonisch bleiben könnte.
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Vera Bommer als Nele.
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Nicola Mastroberardino als Gianni.
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Leonardo Nigro als Heinz.
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Wanda Wylowa als Monika.
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Monika (Wanda Wylowa), Heinz (Leonardo Nigro), Anton (Peter Jecklin), Clara (Sunnyi Melles) und ihr Mann Gianni (Nicola Mastroberardino) überraschen Nele (Vera Bommer) zum 10. Hochzeitstag
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Nele (Vera Bommer, l.) und Davorka (Anne Haug) begutachten Gianni (Nicola Mastroberardino).
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Männerfreundschaft: Heinz (Leonardo Nigro) und Gianni (Nicola Mastroberardino).
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Auch Gianni (Nicola Mastroberardino) begeht einen Seitensprung, mit Davorka (Anne Haug).
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Monika, gespielt von Wanda Wylowa, geht zuviel Risiken ein.
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Der Töfflibub Timo (Jérôme Humm) verehrt Nele (Vera Bommer) und nimmt sie auf seinem fahrbaren Untersatz mit.
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Monika (Wanda Wylowa, l.) und Nele (Vera Bommer) sind beste Freundinnen.
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Wie können Gianni (Nicola Mastroberardino) und Nele (Vera Bommer) wieder Schwung in ihre Beziehung bringen?
Bild: SRF/Nikkol Rot
Nackte Haut ist bei «Seitentriebe» nur ein Mittel zum Zweck. Mindestens so prickelnd ist das Aufbrechen von gängigen Beziehungsmustern.
Bild: Screenshot SRF
Die neue SRF-Serie «Seitentriebe» läuft montags, ab dem 26. Februar, immer um 20.10 Uhr auf SRF zwei.
Bild: SRF

Ist die Vorstellung, dass Langzeitpaare keinen oder nur noch schlechten Sex haben nicht ein Klischee?

Absolut nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Niemand sagt einem, dass er seit fünf Jahren nicht mehr mit seinem Partner schläft. Das ist ein verschämtes Thema. Meine Serie wagt es, diese Klischees zu durchbrechen: Bei mir geht zum Beispiel nicht der abenteuerlustige Ehemann fremd, sondern die Frau. Eine ältere Frau , die mit einem 25-Jährigen ins Bett geht, sieht man im Film selten – und wenn, dann wird sie pathologisiert. Bei uns sieht man den Sex und die Körper. Wir verstecken Penisse und nackte Brüste nicht hinter Vasen und Topfpflanzen.

War das Aufbrechen von Tabus Programm?

Ich habe mich nicht hingesetzt und nach Tabus gesucht, sondern ich habe versucht, die Geschichte so zu erzählen, wie sie noch nie erzählt wurde. Oder wie ich sie noch nie gesehen habe. Ungewohnt und gleichzeitig aufrichtig zu erzählen, das war eines der Ziele mit dieser Serie. Ein anderes war, einen neuen Zugang zur Nacktheit schaffen zu können. Ich finde es sehr wichtig, dass man in einer solchen Geschichte nackte Menschen zeigt, auch am öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und zwar nicht dekorativ, sondern als Teil der Geschichte.

Was stimmt denn nicht mit der heutigen Nacktheit?

Der Umgang und die Interpretation, vor allem was Mann und Frau betrifft. Wenn Robbie Williams seinen nackten Hintern zeigt, ist das frech. Wenn Rihanna sich entblösst, ist das automatisch sexy. Nacktheit einer Frau wird immer mit Erotik verbunden, sie wird mit einem eigenen Bild von Sexyness abgeglichen. Auch im Negativen: Nur allzu schnell wird eine nackte Frau, die nicht den Idealen entspricht, als hässlich tituliert. Bei einem Mann ist das nicht der Fall; er hat viel mehr Spielraum mit seiner Nacktheit. Eine nackte Frau dagegen wird sofort moralisch verhandelt.

Sie haben kürzlich selbst eine solche Erfahrung machen müssen, als Sie für ein einigermassen offenherziges Portrait auf Facebook kritisiert wurden.

Allerdings. (lacht) Lustigerweise waren das keine Männer, sondern Frauen aus dem rechten Spektrum. Sie fanden es schlimm, dass ich auf dem Bild Dekolleté zeige, gleichzeitig aber Interviews zum Thema sexuelle Belästigung gebe. Und genau das ist doch der Kern der Sache: Frauen sollten immer die Hoheit über ihren Körper haben – und zwar egal, wie sie sich präsentieren.

Sie polarisieren oft und gern. Kriegen Sie das zu spüren?

Ich polarisiere nicht willentlich, das fände ich billig. Und interessanterweise wird mir kein Hass, sondern erstaunlich viel Liebe entgegengebracht. (lacht)

In «Seitentriebe» werden Themen wie Analsex und weibliche Orgasmen gestreift. Gab es nie ein Veto vom Schweizer Fernsehen?

Nein, nie. Das hat mich selber erstaunt: Ich habe immer damit gerechnet, dass irgendwann ein wütender Anruf kommt, und es heisst: «Sorry, das können wir so nicht machen.» Aber das Telefon blieb stumm.

Wann ist «Seitentriebe» für Sie ein Erfolg?

Natürlich wird Erfolg auch an Quoten gemessen. Aber ich wäre einfach glücklich, wenn «Seitentriebe» ein eingefleischtes Publikum findet. Es muss kein grosses sein – aber eines, das aufrichtig sagen kann: «Doch, diese Serie ist richtig gut!».

Die neue Serie «Seitentriebe» läuft ab Montag, 26. Februar, auf SRF zwei. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

Serien-Highlights im Februar
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