«Seitentriebe»-Autorin Güzin Kar: «Schlechter Sex ist kein Klischee»

von Lukas Rüttimann

21.2.2018 - 09:15

Güzin Kar über die neue SRF-Serie «Seitentriebe», ihre Lust am Provozieren – und warum sie bis heute auf einen wütenden Anruf vom Schweizer Fernsehen wartet.

«Bluewin»: Güzin Kar, Sie sind Spezialistin für einen frischen, frechen Humor mit Massenappeal. Wer in der Schweiz etwas Lustiges macht, gilt oft als exotisch...

Güzin Kar: (unterbricht) ... ich würde sogar sagen – als verdächtig, erst recht als Frau. (lacht) Wenn man dann auch noch eine Serie über das Sexleben in Langzeitbeziehungen produziert, wirds heikel. Ich habe aber selbst aus eher ernsten Kreisen bisher nur gute Reaktionen auf «Seitentriebe» erhalten. Von daher stimmt mich das vorsichtig optimistisch.

Was hat Sie zu dieser neuen SRF-Serie inspiriert?

Der Grundgedanke war dieser: Hollywoodfilme erzählen nur immer bis zum Happy End. Alles, was folgt, findet nicht statt. Ich habe mich gefragt, was bei all den Paaren passiert, die sich zwar noch lieben, aber nicht mehr begehren. Man geht bei uns immer davon aus, dass alle Paare Liebe, Sex und Familienplanung unter einen Hut bringen. Was aber, wenn dem nicht so ist? An diesem Punkt setzt «Seitentriebe» an.

Wie haben Sie recherchiert?

Ich habe zuerst den Fehler gemacht, geeignete Paare aktiv zu suchen. Das hat überhaupt nicht funktioniert, bei den Gesprächen haben sich die Teilnehmer versteift. Deshalb habe ich umgestellt: Ich habe begonnen, ganz beiläufig zu erwähnen, dass ich an einer Serie über Sex in Langzeitbeziehungen arbeite. Diese Beiläufigkeit hat Hemmungen gelöst. Jede und jeder hatte plötzlich etwas zum Thema zu sagen.

Die Neue SRF-Serie «Seitentriebe»

Ist die Vorstellung, dass Langzeitpaare keinen oder nur noch schlechten Sex haben nicht ein Klischee?

Absolut nicht. Das Gegenteil ist der Fall. Niemand sagt einem, dass er seit fünf Jahren nicht mehr mit seinem Partner schläft. Das ist ein verschämtes Thema. Meine Serie wagt es, diese Klischees zu durchbrechen: Bei mir geht zum Beispiel nicht der abenteuerlustige Ehemann fremd, sondern die Frau. Eine ältere Frau , die mit einem 25-Jährigen ins Bett geht, sieht man im Film selten – und wenn, dann wird sie pathologisiert. Bei uns sieht man den Sex und die Körper. Wir verstecken Penisse und nackte Brüste nicht hinter Vasen und Topfpflanzen.

War das Aufbrechen von Tabus Programm?

Ich habe mich nicht hingesetzt und nach Tabus gesucht, sondern ich habe versucht, die Geschichte so zu erzählen, wie sie noch nie erzählt wurde. Oder wie ich sie noch nie gesehen habe. Ungewohnt und gleichzeitig aufrichtig zu erzählen, das war eines der Ziele mit dieser Serie. Ein anderes war, einen neuen Zugang zur Nacktheit schaffen zu können. Ich finde es sehr wichtig, dass man in einer solchen Geschichte nackte Menschen zeigt, auch am öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und zwar nicht dekorativ, sondern als Teil der Geschichte.

Was stimmt denn nicht mit der heutigen Nacktheit?

Der Umgang und die Interpretation, vor allem was Mann und Frau betrifft. Wenn Robbie Williams seinen nackten Hintern zeigt, ist das frech. Wenn Rihanna sich entblösst, ist das automatisch sexy. Nacktheit einer Frau wird immer mit Erotik verbunden, sie wird mit einem eigenen Bild von Sexyness abgeglichen. Auch im Negativen: Nur allzu schnell wird eine nackte Frau, die nicht den Idealen entspricht, als hässlich tituliert. Bei einem Mann ist das nicht der Fall; er hat viel mehr Spielraum mit seiner Nacktheit. Eine nackte Frau dagegen wird sofort moralisch verhandelt.

Sie haben kürzlich selbst eine solche Erfahrung machen müssen, als Sie für ein einigermassen offenherziges Portrait auf Facebook kritisiert wurden.

Allerdings. (lacht) Lustigerweise waren das keine Männer, sondern Frauen aus dem rechten Spektrum. Sie fanden es schlimm, dass ich auf dem Bild Dekolleté zeige, gleichzeitig aber Interviews zum Thema sexuelle Belästigung gebe. Und genau das ist doch der Kern der Sache: Frauen sollten immer die Hoheit über ihren Körper haben – und zwar egal, wie sie sich präsentieren.

Sie polarisieren oft und gern. Kriegen Sie das zu spüren?

Ich polarisiere nicht willentlich, das fände ich billig. Und interessanterweise wird mir kein Hass, sondern erstaunlich viel Liebe entgegengebracht. (lacht)

In «Seitentriebe» werden Themen wie Analsex und weibliche Orgasmen gestreift. Gab es nie ein Veto vom Schweizer Fernsehen?

Nein, nie. Das hat mich selber erstaunt: Ich habe immer damit gerechnet, dass irgendwann ein wütender Anruf kommt, und es heisst: «Sorry, das können wir so nicht machen.» Aber das Telefon blieb stumm.

Wann ist «Seitentriebe» für Sie ein Erfolg?

Natürlich wird Erfolg auch an Quoten gemessen. Aber ich wäre einfach glücklich, wenn «Seitentriebe» ein eingefleischtes Publikum findet. Es muss kein grosses sein – aber eines, das aufrichtig sagen kann: «Doch, diese Serie ist richtig gut!».

Die neue Serie «Seitentriebe» läuft ab Montag, 26. Februar, auf SRF zwei. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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