So nah war der Münchner Amok-«Tatort» an der Realität

tsch

26.1.2020 - 21:45

Eine Stadt in Angst: Der packende Münchner «Tatort»-Krimi «Unklare Lage» liess schlimme Erinnerungen an das Attentat im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) vom Juli 2016 aufkommen.

Es war ein überaus ungewöhnlicher Tatort, vor allem für die Münchner Haudegen Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl): Die ganze Stadt wird von Attentatsfurcht heimgesucht. Eine Einsatzleiterin hat das Kommando in der Polizeizentrale – da bleibt für die Münchner Kommissare wenig Raum für überlegtes Ermitteln. Doch die Regie (Pia Strietmann) hielt im Fall «Unklare Lage» (Buch: Buch: Holger Joos) Spannung und Thematik am Kochen. Die Erinnerung an das Attentat am und im Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) vom Juli 2016 gelang hier, ohne der Realität in die Quere zu kommen.

Worum ging's?

In einem städtischen Bus wurde ein Kontrolleur erschossen. Der Täter konnte fliehen, andere Fahrgäste alarmierten per Handy die Polizei. Die Aussagen der Zeugen gingen durcheinander: War der Täter allein, hatte er einen Komplizen? War es ein geplantes Attentat, sollten weitere Tote folgen? – Batic und Leitmayr sahen sich mit einer Lage konfrontiert, die sie einmal mehr an die Grenzen brachte: Während überall in der Stadt die Hysterie losbrach und polizeiintern heftig um Kompetenzen gerangelt wurde, versuchten die Mordermittler im allgegenwärtigen Ausnahmezustand irgendwie den Durchblick zu bewahren. Hatten sie es mit einem Amokläufer, der weiteres Unheil verrichten wird, zu tun, mit einem Durchgeknallten – oder gar mit einem veritablen Terroristen?

Worum ging's wirklich?

Um die Schwierigkeit, in einer verwirrenden Situation einen kühlen Kopf zu bewahren. Mehrfach wurden im Film die Vorkommnisse rund um das OEZ-Attentat vom 22. Juli 2016 genannt. Der Zwang, Fakten zu liefern, während rundum Hysterie grassiert, führt bekanntlich zu üblen Folgen, zur Überreaktion und zur Verunsicherung der Bevölkerung. Wie im Fall des OEZ-Amoklaufs wurden auch hier U-Bahnen, Busse und Strassenbahnen stillgelegt. Und das, obwohl es von der Einsatzleiterin hiess: «Ich will kein zweites OEZ!»

Beim Attentat 2016 spielten die sozialen Netzwerke eine unschöne Rolle. Griff der «Tatort» diesen Umstand auf?

Durchaus. Aber das Thema war hier nicht die absichtliche Steigerung der Hysterie. Es gab zwar auch emsige Smartphone-Benutzer auf den Balkonen, aber hier waren es weniger die sozialen Netzwerke wie Twitter oder Facebook, sondern eher öffentlich-rechtliche Radio- und Fernsehstationen, die ungefiltert Meldungen weitergaben und dadurch die Hektik in der Stadt schürten. Was soll, was kann im Fall eines möglichen Anschlags veröffentlicht werden? – das ist eine Frage, die in solchen Fällen bleibt. Ein im Fernsehen veröffentlichtes Fahndungsfoto eines möglichen Komplizen des Ersttäters ist etwa mit Vorsicht zu geniessen.


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Wie haben sich Batic und Leitmayr in diesem ganzen Trubel geschlagen?

Die Kommissare staunten nicht schlecht, sahen von ihrer Limousine aus das Ganze zunächst wie im Autokino. Dank Kalli (Ferdinand Hofer), ihrem jungen Kollegen, der in die Führungszentrale delegiert wurde, blieben sie dann aber auf dem Laufenden und stöberten in den maroden Familienverhältnissen des vom SEK erschossenen Täters und seines mitverdächtigen Bruders herum. So waren sie ein Gegengewicht zu den übereilt und martialisch zugreifenden Einsatzkommandos. Die Übergriffigkeit der SEKs an einem Gymnasium, die verängstigten Schüler unter den Tischen, das alles griff ein heikles Thema auf: Auf wessen Seite ist mehr Gewalt: auf der von vorerst «nur» Tatverdächtigen – oder der Polizei?

Wie realistisch war dieser Fall?

Letztlich sehr realistisch. Ausgelöst durch das OEZ-Attentat, wo man möglicherweise zu zaghaft und unerfahren reagierte, hatten wir es nun mit Überreaktionen zu tun. Schon im Fall von sicher nicht leicht zu identifizierenden Spielzeugwaffen werden Rollkommandos ausgeschickt und ganze Stadtviertel abgeriegelt. Es scheint so, dass man nun von einem Extrem ins andere fällt. Die Angst geht um. Und wie in der Realität gehört es auch zu den Aufgaben der Behörden, die Hysterie einzudämmen – vor allem dank der sozialen Medien ist das heute leichter gesagt als getan.

Hatte der «Tatort» eine Lösung, trugen die Münchner Kommissare dazu bei?

Eine einfache Lösung, wie sich Hysterie und übergriffige Gewalt vermeiden lassen, wurde nicht angeboten. Im Gegenteil: Zuletzt erschiesst einer der Kommissare die Freundin eines Verdächtigen – die Indizien für eine Tatvorbereitung scheinen ihm recht zu geben. Doch es bleibt vieles offen: Hatte die junge Frau am Ende nur eine Profilneurose und daher die Aufmerksamkeit «der ganzen Welt» auf sich richten wollen? Wer weiss das schon. Es ist sehr realistisch, dass nach einer solchen Tat so gut wie immer viele Fragen offenbleiben – so gross das Bedürfnis nach Aufklärung und allumfassender Information der Öffentlichkeit auch ist. Diesen Widerspruch hat der Film treffend aufgezeigt.

Wie wird es mit den Kommissaren nach dem dramatischen Ende weitergehen? Droht die Entlassung?

Auch nach der Frage der Vorgesetzten: «Warum haben Sie das getan?» müssen wir nicht um die Kommissare Batic und Leitmayr nach 30 Dienstjahren fürchten – womöglich hat die Verdächtige ja auch überlebt. Im Frühjahr folgt bereits ein weiterer Fall der Münchner, der in eher konventionellen Bahnen verläuft. Und zum 50-Jahre-Jubiläum der «Tatort»-Reihe gibt es im Herbst gar ein Cross-over als Doppelfolge mit den Dortmunder Kommissaren, auf das man sich jetzt schon freuen kann.

Der «Tatort: Unklare Lage» lief am Sonntag, 26. Januar, um 20.05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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