«90's House»: Im Haus des Horrors

von Gion Mathias Cavelty, TV-Experte

31.3.2018

«Wie konnte der Mensch in den 90ern überhaupt leben?», fragt sich TV-Experte Gion Mathias Cavelty. Nachdem er jedoch die Reality-Show «90's House» gesehen hat, hat er das Gefühl, dass früher alles besser gewesen ist.

Wann habe ich zum letzten Mal MTV gesehen? Muss in den 90ern gewesen sein ...

Die 1990er-Jahre waren auf jeden Fall absolut grässlich. Oder irre ich mich? Was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie an dieses Jahrzehnt zurückdenken? Bei mir ist es: Autofahrprüfung (Hölle!) – Matura (Hölle!) – Militärdienst (Hölle!) – Beginn des Studiums (Hölle!) ... Nie, nie, nie möchte ich das noch einmal durchmachen müssen!

Und sonst? Der Heavy Metal ist tot – Rap ist überall (würg) – Boygroups schiessen wie Pilze aus dem Boden (würg) ...

Etwas Positives fällt mir zu den 90ern beim besten Willen nicht ein (ausser die Eröffnung des Churer Media Marktes anno 1999). Wie konnte der Mensch in diesem Jahrzehnt überhaupt leben?

Vergangenheitsforschung auf MTV

Die achtteilige Reality-TV-Show «90's House» bemüht sich, unerschrockenen Vergangenheitsforschern auf diese Frage eine nachvollziehbare Antwort zu geben. Seit dem 30. März läuft sie in hiesigen Breitengraden in deutscher Erstausstrahlung. Wo? Natürlich auf MTV.

Dazu haben die Produzenten eine Art Zeitkapsel kreiert. Und zwar wurde ein Haus komplett im Nineties-Style eingerichtet. Alle Errungenschaften des 21. Jahrhunderts sucht man darin vergebens. Wifi – Smartphones – Social Media: vergiss es! Und in dieses Horror-Haus müssen zwölf Kandidaten im Alter von 21 bis 29 einziehen und sich den Schrecknissen der 90er stellen. «Ihr müsst reden, tanzen, essen und leben wie in den 90ern», tönt es aus dem Off. Einer nach dem anderen fliegt raus, wer als letzter übrigbleibt, gewinnt. Morituri te salutant!

Was erwartet die Zwölf in der ersten Folge? Kurz gesagt das:

  • Zwei Moderatoren in quietschbunten Neunzigerjahre-Klamotten namens Lance Bass und Christina Milian (in den 90ern offenbar wegen irgendetwas bekannt). Nur schon die rote Latzhose von Lance hätte mich in die Flucht geschlagen.
  • In (ehrlich gesagt noch grässlichere) quietschbunte Neunzigerjahre-Klamotten müssen sich auch die Kandidaten schmeissen.
  • Alle technischen Geräte müssen abgegeben werden; es wird gewimmert und geheult; Smartphones werden zum Abschied geküsst.
  • Dafür kriegen es die Kandidaten mit historischen Artefakten wie Kassettenrecordern zu tun. Wie kriegt man eine Musikkassette aus ihrer Plastikhülle? Panik! Überforderung total!

Tönt ganz lustig, hat aber ein gewaltiges Problem

Das tönt eigentlich ganz lustig. Es gibt allerdings ein gewaltiges Problem: ein Grossteil der zwölf Kandidaten. Sie sind ganz, ganz schlimme Opfer der Gegenwart (und wurden natürlich genau aus dem Grund gecastet). Für sie gibt es nur etwas: sie selbst. Ego-zentriert, Körperkult-besessen, einander dauer-schikanierend, berechnend, hysterisch, durch und durch affektiert. Hier ein paar Zitate: «Snapchat is my life!» – «I'm a fake bitch, 100 percent!» – «Ich bin ein Instagram-Junkie! Ich habe so viele Followers, und die wollen jederzeit wissen, was ich mache!».

Früher ist alles besser gewesen

Da muss man sich schon heftig an den Kopf greifen. Und man wünscht sich, alle diese 2017er-Figuren würden für immer im 90's-Loch verschwinden. Und irgendwie kommt ein seltsames Gefühl in einem auf – das Gefühl, dass früher alles besser gewesen ist. Möglicherweise sogar in den 90ern. Bestimmt sogar.

Die erste Folge von «90's House» lief am Karfreitag, 30. März, um 22 Uhr auf MTV. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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